Osama Bin Laden, im Namen Allahs ... oder eher des Öls

Interview mit dem Präsidenten des Päpstlichen Institutes für Arabistik und Islamistik

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ROM, 30. Oktober 2001 (ZENIT.org-Avvenire).- Der Islam hat nichts mit den Terroristen von New York und Washington zu tun, das ist eine Ausrede, so Pater Justo Lacunza, Präsident des Päpstlichen Institutes für Arabistik und Islamistik (PISAI).



"Bin Laden würde gerne zum neuen Saladin werden (der die Kreuzfahrer aus Jerusalem vertrieb, 1137-1193) und Herr über die Rohstoffe in der arabischen Welt", sagt der Pater, der als einer der größten Islamexperten gilt.

FRAGE: Osama Bin Laden hat schon vor fünf Jahren den heiligen Krieg ausgerufen gegen die "Kreuzfahrer" und Juden.

PATER LACUNZA: Ja, und zwar schriftlich in einer Kriegserklärung gegen die USA, die "Kreuzfahrer" und die Juden vom 23. August 1996.

FRAGE: Was heißt das genau?

PATER LACUNZA: Er meint, die Amerikaner müssten Saudi-Arabien verlassen, was sie seit dem Golfkrieg "besetzt" halten. Das Wort Christ fällt nie in diesem Zusammenhang. Er spricht von "Kreuzfahrern", also jene, welche die Kreuzzüge unternommen haben und gegen die Muslime gekämpft haben. Schließlich greift er auch die Juden wegen der Palästinafrage und dem Nahostproblem generell an. Zudem schlägt er in seiner Kriegserklärung die Kontrolle über die Rohstoffe vor.

FRAGE: Kaum ein Jahr darauf erfolgte seine religiöse Investitur.

PATER LACUNZA: Die Taliban haben aufgrund ihrer Auffassung vom Islam auf diesen legendären Herrn zurückgegriffen, da er sehr reich ist und seine Position wohl zu nutzen weiß, und zwar zuerst gegen Russland zugunsten der USA und nun gegen die USA, mit den Taliban. Daher war der März 1997 ein entscheidender Moment , als er sich vom Krieger zum muslimischen Anführer wandelte. Man spricht ihm eine gewisse religiöse "Autorität" zu. Namentlich tut das Mullah Omar, religiöser Führer der Taliban, der ihn auch einlud, eine öffentliche Gebetszeremonie zu leiten, die sogenannte "Salad".

FRAGE: Was geschah damals?

Pater Lacunza: Mullah Omar blieb geistiges Oberhaupt der Taliban, aber Bin Laden wurde zum durchführenden politisch-religiösen und wirtschaftlich-kulturellen Organ.

FRAGE: Glauben sie an die religiösen Motivationen von Bin Laden?

PATER LACUNZA: Die muss er erst einmal belegen.

FRAGE: Aber glauben Sie, dass er überhaupt religiöse Motive hat?

PATER LACUNZA: Ich glaube nicht. Er bezieht sich auf diese religiösen Motivationen, da sie ihm großen Spielraum unter den Muslims geben, denn wenn er nur mit der Ölkontrolle oder dem Rauswurf der Amerikaner argumentierte, würde ihm das nichts einbringen.

FRAGE: Brauchen die Taliban Bin Laden oder Bin Laden die Taliban?

PATER LACUNZA: Diese beiden Seiten gehören unzertrennlich zusammen.

FRAGE: Verschlechtern sich derzeit die Beziehungen zwischen islamischer und westlicher Welt?

PATER LACUNZA: Der Terror, die Zerstörung, und die Opfer vom 11. September sind eine Tatsache. Mit dieser Realität müssen wir uns befassen. Doch kommt noch etwas hinzu: Sie, ich, jeder Jude, Christ und Muslim, wir alle sind nun weniger sicher als zuvor, und mit dieser Realität müssen wir uns auseinandersetzen.

FRAGE: Wir wissen doch genau, was in Afghanistan, im Iran, Sudan und in Algerien und anderswo los ist ...

PATER LACUNZA: Alle Religionen müssen nun mit ihrer eigenen Geschichte ins Gericht. Tatsache ist, dass einige islamische Gruppen die Gewalt für ihre eigenen Ziele einsetzen.

FRAGE: Wie ist es möglich, dass der Koran so gegensätzlich interpretiert werden kann?

PATER LACUNZA: Wie ist es möglich, dass in Nordirland die Polizei sogar siebenjährige und achtjährige Schulkinder beschützen muss? Wie ist es möglich, dass der katholische oder der protestantische Glaube auf diese Weise ausgelegt wird? Man muss die Lage analysieren. Die Taliban benutzen den Koran und den Islam und auch Gott als Rückendeckung für ihre Vorhaben.

FRAGE: In den arabischen Ländern darf man kein Kreuz am Hals tragen ...

PATER LACUNZA: Die Religionsfreiheit ist durch die Menschenrechtserklärung der UNO sanktioniert worden. Die Verteidigung obliegt also der UNO, der Europäischen Union, den Parlamenten und Regierungen, nicht der Kirche oder den Bürgern. Können sie mir sagen, wann im Europaparlament jemals ernsthaft über Religionsfreiheit diskutiert wurde? Dieses Problem sowie auch das Gewaltproblem kamen nicht erst am 11. September auf. Vielleicht hat man Angst, sich irgend einen arabischen Politiker oder sonst einen Mächtigen zum Feind zu machen ...