Österreich feiert 100 Jahre Islamgesetz

Gesetz aus der Zeit der Habsburgermonarchie

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ROM, 18. Juli 2012 (ZENIT.org). - Vor 100 Jahren trat am 15. Juli in Österreich das Islamgesetz in Kraft. Das Gesetz erkannte den Islam nach der hanafitischen Rechtsschule als Religionsgesellschaft an und sicherte den Muslimen damit Selbstbestimmung zu. Seither verfügen die Muslime im Land über die entsprechenden Rechte wie zum Beispiel Religionsunterricht. Bis heute ist ein solches Gesetz europaweit einzigartig.

Zurückzuführen ist die Anerkennung als Religionsgemeinschaft auf die k.u.k.-Monarchie, die  im Jahr 1912 den unter ihrer Herrschaft stehenden 600.000 bosnischen Muslimen mit dem Islamgesetz Rechtssicherheit zugestand. Unter dem Schutz des Staates stehen seither zum Beispiel die Lehren des Islams sowie seine Einrichtungen und Gebräuche. Muslime dürfen Stiftungen einrichten, und sie haben das Recht der Selbstverwaltung und Selbstbestimmung, solange sie nicht mit dem geltenden Recht in Konflikt geraten.

Als nach dem Ersten Weltkrieg kaum mehr Muslime in Österreich lebten, kam das Gesetz faktisch nicht mehr zur Anwendung. Dies änderte sich in den 60er Jahren, als vor allem Migranten aus der Türkei und aus dem damaligen Jugoslawien nach Österreich kamen. 1979 wurde, um die Vertretung dieser Muslime unter ein Dach zu bekommen, die islamische Glaubensgemeinschaft gegründet. Sie hat Körperschaftsstatus und vertritt seither alle Muslime des Landes. Heute leben nach Schätzungen des Österreichischen Integrationsfonds ungefähr eine halbe Million Muslime im Land.

Die Anerkennung als Religionsgemeinschaft sei für die Integration allerdings nicht problemlos, konstatieren auch islamische Theologen. So entscheide allein die islamische Glaubensgemeinschaft, wer unterrichte, kritisiert Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für islamische Theologie in Münster. Bis heute gebe es viel zu wenig qualifizierte Lehrkräfte mit einer entsprechenden, staatlich anerkannten Ausbildung. Es gebe darüber hinaus bisher zu wenig Austausch zwischen muslimischen Verbänden und dem österreichischen Staat.

Der neugewählte türkischstämmige Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Fuat Sanac, dagegen hält das österreichische Modell der Anerkennung für vorbildhaft. Der ehemalige Profiboxer, der Turkologie, Arabistik und Philosophie studiert hat, war als Fachinspektor für islamischen Religionsunterricht in Burgenland und Niederösterreich tätig und unterstützt das in diesem Jahr zusammen mit dem Staatssekretariat für Integration gegründete Dialogforum Islam, das die Ausbildung von Imamen anstelle des Zuzugs von im Ausland ausgebildeten Imamen fördern will. Sanac wurde von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs unterstützt, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. [jb]