Österreichische Bischöfe ermutigen dazu, Bedrohungen der Menschenwürde entgegenzutreten

Frühjahrsvollversammlung im niederösterreichischen Reichenau

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WIEN, 7. März 2008 (ZENIT.org).- Der Aufruf an die Politik, das Lebensrecht jedes Menschen, auch das des Behinderten, zu schützen sowie jegliche „verbrauchende Forschung“ mit menschlichen Embryonen zu verbieten, der Klimaschutz und das Gedenken an den „Anschluss“ Österreichs an Deutschland im März 1938: Diese Themen standen im Mittelpunkt der diesjährigen Frühjahrsvollversammlung der österreichischen Bischöfe (3.-6.März) im niederösterreichischen Reichenau.



Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn, Vorsitzender der Bischofskonferenz, betonte heute, Freitag, bei der Bekanntgabe der Arbeitsergebnisse in der Wiener Innenstadt: „Es kann nicht angehen, dass ein Kind zum ‚Schadensfall‘ wird!“ Der Kardinal bezog sich auf das jüngste Urteil des Obersten Gerichtshofes, der einer Kärntner Familie die Lebenshaltungskosten für ihr behindertes Kind zugesprochen hatte. Die Krankenanstalten-Betriebsgesellschaft muss nun zahlen, weil die Behinderung des heute sechsjährigen Jungen im Mutterleib nicht erkannt worden war.

Kardinal Schönborn erinnerte in diesem Zusammenhang an die Rede des österreichischen Schauspielers Tobias Moretti anlässlich der Internationalen Konferenz zur Euthanasiedebatte auf Schloss Hartheim im April des vergangenen Jahres. Moretti hatte vor einem „Dammbruch“ gewarnt, der sich überall dort ereigne, wo das Lebensrecht einer „ökonomischen Rationalität“ untergeordnet werde. Dagegen gelte es deutlich zu machen, dass es eine Gesellschaft bereichert, so Moretti, „wenn sie Platz hat für das Nicht-Normale, für das Welke“. Wenn ein „der Menschlichkeit enthobener Pragmatismus zum Leitmotiv der Politik“ werde, drohten die freiwillige Pflege alter Menschen und das Gebären behinderter Kinder unter einen ethischen Rechtfertigungsdruck zu geraten.

Die österreichischen Bischöfe sind nach Worten von Kardinal Schönborn über die „folgenschwere Entscheidung“ des Obersten Gerichtshofs zutiefst beunruhigt. „Wir appellieren an den Gesetzgeber, umgehend Bestimmungen umzusetzen, die das Lebensrecht von Menschen mit Behinderungen sicherstellen und Schadenersatzzahlungen aus der Tasche der Geburt eines Menschen verunmöglichen.“ Es gehe nicht an, dass in Österreich „eugenische Praktiken gang und gäbe werden“, fügte der Kardinal hinzu.

Auf die Frage eines Journalisten hin bekräftigte der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz die oft wiederholte Forderung nach einer Umsetzung der „flankierenden Maßnahmen“, die bei der Einführung der heute gültigen Abtreibungsgesetzgebung vor 30 Jahren versprochen worden waren. „Wann ist das Bewusstsein so weit, dass man diese Fragen angeht?“, fragte Schönborn. Müsse man bis zum „demographischen Kollaps“ warten? Der Kardinal erklärte, dass Konzepte und Gesetzesvorlagen bereits „auf dem Tisch“ lägen. „Es fehlt offensichtlich nur der politische Mut“ – wobei es sich ja nur um den Mut handle, zur Stärkung des Lebens beizutragen.

Im Licht der jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Bereich der Stammzellenforschung sprechen sich die Hirten Österreichs für ein „absolutes gesetzliches Verbot jeglicher ‚verbrauchender Forschung‘ mit menschlichen Embryonen“ aus. „Die Tötung menschlicher Embryonen zur Gewinnung embryonaler Stammzellen ist mit der Menschenwürde und dem von der Staatengemeinschaft anerkannten und geschützten Menschenrecht auf unvereinbar“, bekräftigte Kardinal Schönborn, der sich diesbezüglich eine Vorbildwirkung Österreichs erhofft.

Was den Klimaschutz angeht, erinnern die Hirten die Gläubigen daran, dass es sich um eine „selbstverständliche Aufgabe“ jedes Christen handelt. Um die Folgen des Klimawandels einzudämmen, sei es erforderlich, die Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 um mindestens 50 Prozent zu senken.

„Papst Benedikt XVI. erinnert immer wieder daran, dass im Blick auf den Klimaschutz ein ‚moralisches Erwachen‘ notwendig ist. Gott hat den Menschen nicht bestellt, um die Schöpfung auszubeuten und zu gefährden, sondern um Hüter dieses kostbaren Gutes zu sein“, so Kardinal Schönborn. „Für die österreichischen Bischöfe bedeutet dies auch eine Selbstverpflichtung für die katholische Kirche in Österreich, sich im eigenen Bereich für den Schutz der Umwelt, für Nachhaltigkeit und für einen Lebensstil einzusetzen, der der Verantwortung für die Schöpfung entspricht.“ Allen, die hier eine Pionierrolle übernommen haben, sprach der Kardinal im Namen aller Bischöfe seinen Dank aus.

Mit Blick auf die „dramatischen Ereignisse des März 1938“ verweisen die österreichischen Bischöfe in einer heute veröffentlichten Erklärung auf das Lied des Mose im Alten Testament, in dem es heißt: „Denk an den Tag der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte“ (Dtn 32,7). Nach einer tiefer gehenden Analyse, in der die Bedeutung des Gewissens herausgestellt wird, heißt es am Ende dieses Dokuments: „Im Gedenken an jene, die damals den Mut hatten, gegen den Strom zu schwimmen, ermutigen die Bischöfe dazu, auch heute Bedrohungen der Menschenwürde entgegenzutreten.“

Von Dominik Hartig