Österreichische Bischöfe tagten in Innsbruck

Papstbrief, Weltwirtschaftskrise, Religions- und Ethikunterricht, Kirchenbeitrag, die Zukunft Europas

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WIEN, 13. März 2009 (ZENIT.org).- Neben einem „intensiven Meinungsaustausch" über die aktuelle Lage der Kirche befassten sich die österreichischen Bischöfe im Rahmen ihrer Frühjahrsvollversammlung vom 9. bis zum 12. März in Innsbruck mit dem Schreiben des Papstes an das Weltepiskopat, der Finanz- und Wirtschaftskrise, dem Religions- und Ethikunterricht, der Steuerreform und ihrer Auswirkung auf den Kirchenbeitrag sowie mit den Wahlen zum Europäischen Parlament Anfang Juni.

Christoph Kardinal Schönborn kündigte heute bei der Abschlusspressekonferenz in Wien an, dass nach den jüngsten „Turbulenzen" Schritte der Versöhnung und des Miteinanders insbesondere in der Diözese Linz eingeleitet würden. In diesem „Verständigungs- und Versöhnungsprozess" komme den Pfarrgemeinderäten eine entscheidende Rolle zu, fügte der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz hinzu. Im Mai des kommenden Jahres werden die Pfarrgemeinderäte in Mariazell zu einem großen Kongress zusammenkommen.

Dankbare Aufnahme des Papstbriefes


Den Brief von Papst Benedikt XVI. an die Bischöfe der Weltkirche zur Frage der Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der Priesterbruderschaft St. Pius X. nannte Kardinal Schönborn ein „Zeugnis menschlicher und christlicher Größe".

Die österreichischen Bischöfe haben bereits auf das Schreiben des Heiligen Vaters geantwortet. In einem sehr herzlichen und persönlichen Ton danken sie ihm für seine offenen Worte, bekunden ihre Treue und Verbundenheit und versichern ihm ihres treuen Gebetes. In einer gemeinsam ausgearbeiteten Erklärung weisen sie auf besonders wichtige Textpassagen in dem Brief hin, um schließlich zu bekräftigen: „Die liebevollen, klaren und mutigen Worte des Papstes stärken uns Bischöfe im Dienst für Einheit und Liebe in der Kirche" (Die Erklärung und das Dankesschreiben können in der Rubrik „Dokumente" der heutigen ZENIT-Ausgabe eingesehen werden).

Weltwirtschaftskrise verweist auf Bedeutung der katholischen Soziallehre
Mit Blick auf die dramatischen Folgen der Weltwirtschaftskrise, die schwere moralische und strukturelle Mängel der modernen Gesellschaft bloßlege, verweisen die Hirten auf das bewährte Modell der Sozialen Marktwirtschaft, das auf ein ausgewogenes Verhältnis von Freiheit und Ordnung, von wirtschaftlichem Erfolg und sozialem Ausgleich setze.

„In den letzten 20 Jahren ist es freilich durch die Existenz der weitgehend unregulierten Finanzmärkte dazu gekommen, auf Gewinne zu setzen, denen keine entsprechende realwirtschaftliche Wertschöpfung gegenüberstand. Die Vermehrung des Finanzkapitals nach dem Glücksspielprinzip wurde zum obersten Wirtschaftsziel erhoben statt die Dienstfunktion des Kapitals für die Schaffung von Gütern und Dienstleistungen zu sehen.

Jede Krise bedeutet aber zugleich auch eine Chance. Diese Chance gilt es wahrzunehmen und daran zu erinnern, dass alles wirtschaftliche Handeln immer im Dienst der Menschen stehen muss. Nicht der Mensch hat der Wirtschaft zu dienen, sondern die Wirtschaft ist für den Menschen da."

Kardinal Schönborn rief im Namen aller Bischöfe zur Beachtung der Grundprinzipien der katholischen Soziallehre auf, bei denen es allen voran um die Solidarität mit den Ärmsten und Schwächsten gehe, um das Gemeinwohl und um den grundlegenden Respekt vor der Würde der Person gehe.

Religionsunterricht leistet unersetzlichen Beitrag  
Angesichts der Überlegungen zur Einführung eines verpflichtenden Ethikunterrichts bekräftigen die österreichischen Bischöfe die zentrale Bedeutung des Religionsunterrichts: „In seiner Vielfalt hat der Religionsunterricht integrative Funktion und ist notwendig für ein angstfreies Miteinander in einer multireligiösen Gesellschaft. Der konfessionelle Religionsunterricht ist hilfreich, damit die Menschen nicht ‚Leute von nirgendwoher‘ sind, die ihre Wurzeln nicht mehr kennen und im gesellschaftlichen Diskurs über Lebensentwürfe nicht mehr auskunftsfähig sind. Dieser Unterricht leistet einen unersetzlichen Beitrag für die individuelle Persönlichkeitsbildung durch die Begegnung mit der großen religiösen Tradition, die Grundlage für Sinngebung und Wertorientierung ist."

Kardinal Schönborn wies diesbezüglich auf die überaus hohe Akzeptanz des konfessionellen Religionsunterrichts in Österreich hin, den 95 Prozent aller katholischen Schüler und ein Viertel aller Schüler ohne religiöses Bekenntnis besuchen, gestand aber auch ein, dass Ethikunterricht für alle, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchten, durchaus angebracht sei - wobei der Kardinal allerdings die Frage aufwarf, ob ein wertneutraler Staat den Ethikunterricht überhaupt unter seine Fittiche nehmen sollte.

„Bei aller positiven Sicht eines solchen ergänzenden Ethikunterrichts muss aber eines festgehalten werden: In einem Land, in dem etwa 90 Prozent der Bevölkerung einer Religionsgesellschaft angehören, soll der Ethikunterricht nicht für alle Schüler verpflichtend sein. Das würde eine Relativierung des konfessionellen Religionsunterrichts bedeuten."

Der Kirchenbeitrag, Solidarbeitrag zum Wohl aller Menschen
Die kürzlich verabschiedete Steuerreform hat eine Verdoppelung der steuerlichen Absetzbarkeit des Kirchenbeitrags auf 200 Euro mit sich gebracht, durch den viele Leistungen in den Bereichen Seelsorge, Bildung, Soziales, Denkmalpflege und Kultur getragen werden. Sie seien für die Gesellschaft sehr wichtig und kämen allen Menschen in Österreich zugute, heißt es von Seiten der Bischofskonferenz. „Die Ausweitung der steuerlichen Absetzbarkeit ist somit ein unübersehbares Zeichen dafür, dass der Staat diesen Beitrag der Katholiken zum Gemeinwohl würdigt und anerkennt."

Kardinal Schönborn dankte allen Gläubigen, die in Treue ihren Beitrag zahlen, und machte darauf aufmerksam, dass dank dieser Summen ein dichtes Solidarnetz aus mehr als 4.000 Pfarreien und Seelsorgestellen über ganz Österreich gespannt werden könne. „In diesen Orten gelebter Gottes- und Nächstenliebe tragen 30.000 gewählte ehrenamtliche Pfarrgemeinderäte Mitverantwortung. Mit 60.000 Beschäftigten ist die katholische Kirche zudem einer der größten Arbeitgeber in diesem Land."

Einen Überblick über die vielfältige Leistungspalette der katholischen Kirche - Kindergärten, Schulen und Hochschulen, Erwachsenenbildung, Telefonseelsorge, Familienberatungsstellen, Seniorenheime, Behindertenhäuser, usw. - bietet die von der Bischofskonferenz herausgegebene Broschüre „Leistungen der Kirche. In Worten und Zahlen".

Für ein Europa, über dem das Antlitz Gottes leuchtet
Mit Blick auf die Wahlen zum Europäischen Parlament von 4. bis 7. Juni appellieren die Bischöfe an die Gläubigen, „ihr Wahlrecht auszuüben, um auf diese Weise ihre Mitverantwortung für den ‚Bauplatz Europa‘ wahrzunehmen".

Bei der Beantwortung grundlegender Fragen dürften die Christen nicht fehlen: „Sie betreffen den umfassenden Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende, den verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung, das Bemühen um das europäische Gemeinwohl, die Stärkung von Frieden, Sicherheit und Freiheit, die Unterstützung der Familien und die Förderung der Jugend, den Umgang mit Asylwerbern, Hilfesuchenden und Migranten und den Einsatz für weltweite Gerechtigkeit." Zukunftsfähige Antworten könnten „nur auf dem Fundament der humanen und christlichen Werte, die Europas Wurzeln bilden", gefunden werden.

Wer seine Stimme abgebe, trage dazu bei, „dass engagierte Parlamentarier diese Werte fruchtbar werden lassen, damit ein menschliches Europa entsteht, über dem das Angesicht Gottes leuchtet".

Von Dominik Hartig