Ozeanien: Ansprache von John Atcherley Dew, Erzbischof von Wellington, am zweiten Synodentag beim Bericht über die Kontinente

Vitale, junge kirchliche Aufbrüche

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VATIKANSTADT, 10. Oktober 2012 (ZENIT.org). - Mit den Berichten aus den Kontinenten wurde gestern in der Synodenaula in Gegenwart des Heiligen Vaters nach dem Gebet des „Adsumus“ die Zweite Generalkongregation begonnen. 

Für Ozeanien sprach John Atcherley Dew, Erzbischof von Wellington, Präsident der Bischofskonferenz, Präsident der Föderation der Katholischen Bischofskonferenzen Ozeaniens (F.C.B.C.O.) (Neuseeland).

[Wir dokumentieren die Ansprache im Wortlaut in einer Arbeitsübersetzung des Heiligen Stuhls:]

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1. Bei der Bischofssynode für Ozeanien des Jahres 1998 hat Pater Timothy Radcliffe, der damalige Generalobere der Dominikaner, hier in dieser Aula den wunderschönen Ausdruck „Inseln der Menschlichkeit“ geprägt und meinte damit Ozeanien.

Diese „Inseln der Menschlichkeit“ haben dann in dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Ecclesia in Oceania“ Niederschlag gefunden, das Papst Johannes Paul II. bei einer Pastoralreise nach Neukaledonien verkünden sollte. Sein immer schlechter werdender Gesundheitszustand machte diesen Plan jedoch zunichte, und so kam es, dass mit „Ecclesia in Oceania“ zum ersten Mal ein wichtiges vatikanisches Dokument elektronisch lanciert wurde: so kam Ozeanien, das zwar vom technologischen Zentrum der Welt weit entfernt ist, aber immerhin ein Drittel der Erdoberfläche umfasst, in den Genuss der Vorteile der elektronischen Kommunikation! Das Nachsynodale Apostolische Schreiben war ein Aufruf an die Menschen Ozeaniens, ihr Leben wieder neu auf Jesus auszurichten: seinen Weg zu gehen, seine Wahrheit weiterzusagen und sein Leben zu leben.

Das Nachsynodale Apostolische Schreiben war auch für viele eine Einführung in den Begriff „neue Evangelisierung“. „Die Evangelisierung ist die Sendung der Kirche, die der Welt die in Jesu Christus offenbarte Wahrheit Gottes mitteilen will... Eine neue Evangelisierung ist heute notwendig, so dass ein jeder die Barmherzigkeit Gottes, die allen Menschen in Jesus Christus bestimmt ist, vernehmen, verstehen und an sie glauben möge“ (EO 18).

Dieses Heute ist das biblische Heute: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört...“

Heute ist die Kirche Ozeaniens eingeladen, erneut die Aufforderung Jesu Christi zu vernehmen, seinen Weg zu gehen, seine Wahrheit zu sagen und sein Leben zu leben unter dem Kreuz des Südens, das den nächtlichen Himmel über ganz Ozeanien erhellt.

Was verstehen wir unter den Inseln der Menschlichkeit, die wir in den Diözesen und Ländern der vier Bischofskonferenzen erkennen, aus denen sich die Föderation der Katholischen Bischofskonferenzen von Ozeanien zusammensetzt?

Die Bischofskonferenz des Pazifik (CEPAC).

Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung dieses immens großen Gebietes wurde nach der Bischofssynode für Ozeanien geboren. Überall spüren wir die Lebendigkeit der Jugend, wie man z.B. auch an der großen Beteiligung der Jugendlichen am Weltjugendtag in Sydney 2008 sieht, an dem jährlich stattfindenden Téné-Festival in Neukaledonien, dem diesjährigen Jugend-Festival in Samoa; an die vielen Priester- und Ordensberufungen, deren missionarischer Wirkungskreis weit über das Gebiet der CEPAC hinausgeht. In diesen jungen Menschen, die eine Brücke schlagen zwischen den traditionellen kulturellen Werten und unserem aufregenden neuen technologischen Zeitalter mit einem Wischen auf dem I-pad oder smart-phone, können wir eine ehrliche, ja manchmal schmerzliche Suche nach Sinn und Spiritualität erkennen. Manchmal ist es schwer für sie, den trügerischen Verlockungen der aggressiven Medien und der Unterhaltungsindustrie zu widerstehen. Die von der CEPAC herausgegebenen französisch- und englischsprachigen Ausgaben des Katechismus der katholischen Kirche und des YouCat sind ein wertvolles Werkzeug für die Bildung der Jugendlichen.

In Neuseeland konnten wir beobachten, wie das katholische Leben durch die migrationsbedingte wachsende ethnische Verschiedenheit neue Vitalität erlangt hat. Die zahlenmäßig größten Bevölkerungsgruppen stammen von den Pazifischen Inseln und den Philippinen - hier finden wir auch einen kleinen, aber nicht unbedeutenden Anteil von Katholiken - aus dem Nahen Osten, Indien, Korea, China und dem Sudan. Es sind Menschen, die ihren katholischen Glauben und ihre Spiritualität ebenso mit einbringen wie die von ihnen gemachten Erfahrungen von Krieg, Armut und Vertreibung, die ihren Glauben geformt haben. Mit der Unterzeichnung des Vertrags von Waitangi zwischen der Britischen Krone und dem Stamm der Maori im Jahre 1840 konnte sich Neuseeland einer starken bi-kulturellen Partnerschaft versichern. Dieser Vertrag legte die „moralischen Grundlagen für die Präsenz aller anderen Völker in Aotearoa-Neuseeland“ (Stellungnahme NZCBC [Neuseeländer Bischofskonferenz], 1989).

In Australien gibt es ein großes Engagement in der Gesellschaft durch die Erwachsenenbildung und neue Formen von Führungsrollen für Laien in der Kirche. Was Medien und Technik angeht, ist Australien das fortschrittlichste aller Länder der Föderation. Und diesen Fortschritt hat Australien großzügig mit anderen geteilt, beispielsweise durch seine Förderung des katholischen Radionetzwerkes auf den Salomon-Inseln; sowie durch die Zurverfügungstellung der elektronischen Ressourcen für die Evangelisierung, die schulische und pastorale Bildung. In den letzten zwei Jahren hat die Diözese Broken Bay elektronische Konferenzen mit weltweiten Live-Übertragungen angeboten. Bei der ersten dieser elektronischen Konferenzen, an der ich in Wellington, Neuseeland, teilnahm, konnte ich fasziniert miterleben, wie australische Gastgeber via Satellitenverbindung die Teilnehmer aus vielen Pazifik-Ländern, den Salomon-Inseln, den Philippinen, Indien - ja sogar aus dem weit entfernten Kanada und dem Vereinigten Königreich - begrüßten und sich mit ihnen unterhielten. Diese neue Technik ist ein grundlegendes Element der neuen Evangelisierung.

Papua-neuguinea und die Salomon-inseln sind - wie im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Ecclesia in Oceania gewünscht (n.16-17) wurde - führend auf dem Gebiet der Analyse und der praktischen Inkulturation des Evangeliums. Ihre Kulturen spiegeln Werte des Evangeliums wie die Heiligkeit des Lebens und der Gastfreundschaft wider. Verschiedene internationale Orden und Säkularinstitute - sowohl für den Klerus als auch für Laien - haben ihre Bildungsprogramme wegen des guten inkulturierten Bildungsangebot und des hervorragenden Hochschulniveaus in Papua Neuguinea und auf den Salomon- Inseln angesiedelt. In diesen Ländern gibt es auch breite Bevölkerungsschichten, die die Botschaft des Evangeliums zum ersten Mal hören; so konnten z.B. am vergangenen Osterfest auf den Salomon-Inseln mehr als 60 Erwachsenentaufen vorgenommen werden.

In jeder der vier Konferenzen funktionieren unsere katholischen Schulen gut und sind in das Pfarreileben integriert. Unsere Schulen sind ein fruchtbarer Boden für die neue Evangelisierung, da sie die Möglichkeit bieten, die Familien am Leben der Kirche wieder Anteil haben zu lassen.

Der hl. Peter Chanel ist der Protomärtyrer Ozeaniens, und seine Fürsprache wird schon seit vielen Jahren erfleht. Die Heiligsprechung der seligen Mary vom Kreuz MacKillop vor zwei Jahren fand nicht nur in Australien großes Interesse, sondern im gesamten Pazifik-Raum. Das Medien-Interesse war enorm, und die Heiligsprechung wirkte Wunder für die Kirche. Solche Vorbilder an Heiligkeit inspirieren auch weiterhin: der sel. Peter To Rot aus Papua-Neuguinea, der bald (noch im Laufe dieser Synode) heiliggesprochen werden wird, der sel. Pedro Calungsod aus Guam - der „Heilige der Teenager“. In Neuseeland erwarten wir die Causa der Suzanne Aubert. Da das Medieninteresse groß ist und auf die Phantasie der Menschen Einfluss nimmt, werden diese Beispiele mehr für die Neuevangelisierung tun, als wir uns vorstellen können.

2. Diese „Inseln der Menschlichkeit“ sind jedoch auf einer vulkanischen Kette wackeliger tektonischer Platten gebaut, die manchmal als „Inseln der Unmenschlichkeit“ zur Oberfläche drängen und zum Ausbruch kommen.

CEPAC: Alle Länder der CEPAC-Region stehen seit mehr als 50 Jahren nicht mehr unter Kolonialherrschaft oder konnten eine Art interner Selbst-Regierung erlangen. Einige von ihnen kämpfen aber immer noch um eine Regierungsform, die nicht nur ihre kulturelle Einzigartigkeit widerspiegelt, sondern auch den Anforderungen einer modernen Demokratie entspricht, z.B. Fidschi und Tonga. Diese anhaltende politische Instabilität begünstigt gelegentliche Ausbrüche von Gewalt, was nicht selten auch Menschenleben fordert.

Einige dieser Länder/Diözesen sind stark betroffen vom Klimawandel, z.B. die niedrig liegenden Inseln Kiribati, Tuvalu, Tokelau, Rotuma, die nördlichen Cook-Inseln und Ost-Polynesien. Die „überwältigende Pracht und Schönheit... von Land und Meer, Wasser und Erde“ (EO 6) ist ernstlich bedroht, und mehr noch all jene, die von dem leben, was Land und See dem Menschen zu bieten haben. Die Sorge der Kirche um die Armen und Schwachen muss unbedingt auch den Bedürfnissen potentieller „ Umweltflüchtlinge“ Rechnung tragen.
In NEUSEELAND können wir beobachten, dass das saeculum, „in dem Gläubige und Nichtgläubige zusammen leben, etwas darstellt, was ihnen gemeinsam ist: das Menschliche“ (IL 54). Der „Vorhof der Völker“ ist ein bevorzugter Ort der Evangelisierung. Das ist die positive Seite der Evangelisierung. Ein aggressiver Säkularismus und die mangelnde Anerkennung der transzendenten Würde der menschlichen Person führen oft dazu, dass der Dialog mit der Gesellschaft über wichtige Fragen zu Bioethik und Gesellschaft - Euthanasie, Abtreibung, die Definition der Ehe - behindert wird. Dieser Säkularismus stellt auch eine Herausforderung für eine wachsende Zahl Andersgläubiger dar, die in Neuseeland eine neue Heimat gefunden haben, z.B. Muslime, Hindus, Buddhisten und Sikhs. In ihren Heimatländern haben sie oft die Erfahrung einer sehr viel positiveren Begegnung mit Christen gemacht, und sind nun enttäuscht über das, was sie in einem Land erleben, das sie für „christlich“ hielten.

Papua Neuguinea und die Salomon-inseln: In einer Region mit so verschiedenen ethnischen und sozialen Bevölkerungsgruppen stellen sich natürlich ernstzunehmende Fragen sozialer Gerechtigkeit: Zusammenbruch traditioneller kultureller Werte und soziale Fragmentierung, eine hohe HIV/AIDS- Rate, bedrückende Armuts- und Korruptionsraten, Spannungen aufgrund von Streitigkeiten über den Zugang zu den Naturschätzen, schnell voranschreitende Urbanisierung, großes Gewaltpotential, Grenzstreitigkeiten mit Indonesien und West Papua. Die bereits erwähnte Kraft der Inkulturation wird in diesen Bereichen, in denen die soziale Gerechtigkeit rascher Lösungen bedarf, auf eine harte Probe gestellt.

Australien: Das immens große „Südliche Land des Heiligen Geistes“ muss im Bereich der neuen Evangelisierung höchsten Anforderungen gewachsen sein, und zwar im Dialog mit einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft, beim Überbrücken des Abgrundes zwischen Arm und Reich, in der Förderung der Würde der Eingeborenen-Völker und Asylsuchenden und bei der Suche nach Lösungen für dieselben bioethischen und sozialen Fragen, denen sich Neuseeland stellen muss. Australien hat oft mit verheerenden Buschbränden zu kämpfen, die viele Menschenleben fordern und große Sachschäden anrichten. Diese Brände sind eine der Auswirkungen des Klimawandels. Obwohl Naturkatastrophen in Ozeanien aus globaler Sicht oft gering sind, haben sie doch enorme Auswirkungen auf kleinere Nationen und schwache Wirtschaftssysteme.

3. Die Neuvangelisieurng in diesem Kontext

Das Instrumentum Laboris (78) erinnert uns an die drei Grunderfordernisse für die neue Evangelisierung:

*die Fähigkeit zur Unterscheidung, d.h. die Fähigkeit, sich der Gegenwart zu stellen in der Überzeugung, dass es auch in dieser Zeit möglich ist, das Evangelium zu verkünden...

*die Fähigkeit, den christlichen Glauben zu leben...

* eine klare und eindeutige Verbundenheit mit der Kirche

Diese Erfordernisse sind ein Aufruf zur Umkehr im Kontext der neuen Evangelisierung in Ozeanien. „...Eine neue Evangelisierung ist heute notwendig, so dass ein jeder die Barmherzigkeit Gottes, die allen Menschen in Jesus Christus bestimmt ist, vernehmen, verstehen und an sie glauben möge“ (EO 18).

a) „Evangelisierung bedeutet, dass wir über die Verkünder des Evangeliums sprechen müssen“. Die Ausbildung und ständige Bildung all jener, die in die Evangelisierungs-Sendung der Kirche eingebunden sind, muss für uns oberste Priorität haben. Das bedeutet, dass wir das Geschenk und die Berufung der Taufe wiederentdecken müssen, indem wir dem auferstandenen Jesus in den Schriften und in der Kirchengemeinde begegnen, die um die Eucharistie versammelt ist, eine erneuerte Verpflichtung zum Gebet und zur Kontemplation, zum Bibelstudium und zur lectio divina, einen großzügigen und mutigen Dienst an der Gemeinschaft der Kirche und der Gesellschaft, unter Hochhaltung der Familie und ihrer Werte.

b) Wir müssen die kerygmatische katholische Tradition zurückgewinnen, „das Wort Gottes verkünden, dafür einzutreten, ob man es hören will oder nicht“ (2 Tim 4,2), die prophetische Stimme der Kirche wiedererlangen, die Zeichen der Zeit zu erkennen wissen, die nach einer neuen Evangelisierung rufen, und eine christliche Antwort auf diese Zeichen der Zeit finden.
Wir beten mit den Worten von Ecclesia in Oceania darum, dass die Kirche in Ozeanien, „die Kraft haben möge, dem Weg Jesu getreu zu folgen, die Wahrheit Jesu Christi mutig weiterzusagen und freudvoll das Leben Jesu Christi zu leben.“

[© 2012 Libreria Editrice Vaticana]