P. Cantalamessa über die wahre Bekehrung: \"Umkehren heißt glauben!\"

Kommentar zum Evangelium des 3. Sonntags im Jahreskreis, Lesejahr B

| 658 klicks

ROM, 24. Januar 2006 (ZENIT.org).- Die Bekehrung besteht wesentlich in der Annahme des göttlichen Gnadengeschenks, betont P. Raniero Cantalamessa OFM Cap, Prediger des Päpstliches Hauses, in seiner Betrachtung zum Sonntagsevangelium nach Markus (1,14-20). Gott komme dem Menschen mit seinem Heilsangebot entgegen und erwarte nicht Makellosigkeit, sondern den herzhaften \"Sprung\" des Glaubens.



* * *



Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

\"Nachdem man Johannes den Täufer ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium\" (Mk 1,14-15). Wir müssen zuallererst unsere Vorurteile ablegen. Erstens: Bekehrung betrifft nicht nur diejenigen, die nicht glauben oder die sich \"Laien\" nennen. Unterschiedslos bedürfen wir alle der Bekehrung! Und zweitens: Bekehrung ist im ursprünglichen, dem Evangelium gemäßen Sinn nicht ein Synonym für Verzicht, Anstrengung und Traurigkeit, sondern für Freiheit und Freude; nicht etwas Rückschrittliches, sondern ein Fortschritt.

In der Zeit vor Jesus verstand man unter Bekehrung immer eine Art Zurückkehren (das hebräische Wort \"shub\" meint: \"umkehren\"; den Weg, den man gegangen ist, zurückgehen). Mit ihr meinte man die Handlung desjenigen, der an einem bestimmten Punkt seines Lebens angekommen ist und merkt, dass er nicht mehr am rechten Weg ist. Dieser Mensch hält also inne, überdenkt alles und entschließt sich dazu, seine Haltung zu ändern; er beginnt wieder, das Gesetz zu befolgen und auf diese Weise erneut in den Bund mit Gott einzutreten. Er macht also einen wahren Sinneswandel durch, eine \"Wendung in U-Form\". In diesem Fall hat die Bekehrung eine moralische Bedeutung und besteht vor allem darin, die eigenen Verhaltensweisen zu ändern, das eigene Leben zu \"reformieren\".

Wenn Jesus von Bekehrung spricht, ändert sich dieser Sinn. Sich bekehren heißt jetzt nicht mehr, zum Alten Bund und zum Einhalten des Gesetzes zurückzukehren, sondern eher, einen Sprung vorwärts zu tun und in das Reich Gottes einzutreten, sich gewissermaßen an die Erlösung zu klammern, die dem Menschen dank einer freiwilligen und ungeheuren Initiative Gottes völlig umsonst zuteil geworden ist.

Umkehr und Erlösung haben Plätze getauscht: An erster Stelle steht jetzt nicht mehr die Bekehrung des Menschen, den Gott sozusagen mit der Erlösung belohnt, sondern an erster Stelle steht jetzt die Erlösung, die Gott dem Menschen in seiner Großzügigkeit aus lauter Gnade anbietet. Die Bekehrung ist die Antwort des Menschen auf dieses Geschenk. Darin besteht die \"Frohe Botschaft\", der freudvolle Charakter jeder Bekehrung, die im Sinne des Evangeliums ist. Gott erwartet nicht, dass der Mensch den ersten Schritt tut, sein Leben ändert und gute Werke vollbringt, so als wäre die Erlösung der geschuldete Lohn für die menschlichen Anstrengungen. Nein, vor allem anderen kommt die Gnade, die Initiative Gottes. In diesem Punkt unterscheidet sich das Christentum von jeder anderen Religion: Das Christentum beginnt nicht mit der Verkündigung der Pflichten, sondern mit der Verkündigung des Geschenks; es beginnt nicht mit dem Gesetz, sondern mit der Gnade.

\"Kehrt um, und glaubt\": Diese Worte meinen nicht zwei verschiedene, aufeinander folgende Dinge, sondern eine einzige Handlung, die grundlegend ist: Umkehren heißt glauben! Kehrt um, indem ihr glaubt! Der Glaube ist das Tor zum Reich Gottes. Hätte man gesagt, dass die Unschuld, die genaue Befolgung aller Gebote, die Geduld oder die Reinheit dieses Tor wären, das den Weg ins Reich Gottes freigibt, dann könnte einer meinen: Das ist nichts für mich. Ich bin nicht unschuldig, und mir fehlt auch noch diese oder jene Tugend. Aber man sagt dir: Das Tor ist der Glaube. Für niemanden ist es unmöglich zu glauben, denn Gott hat uns gerade deshalb als freie und intelligente Wesen geschaffen, damit es uns möglich ist, an ihn zu glauben.

Der Glaube hat verschiedene Gesichter: Da gibt es einmal die gläubige Zustimmung des Verstandes, also den Glauben im Sinne von Vertrauen. In unserem Fall handelt es sich um eine gläubige Aneignung, um jenen Akt also, durch den man sich fast aus einer gewissen Überheblichkeit heraus etwas zu Eigen macht. Der heilige Bernhard verwendet in diesem Zusammenhang sogar das Verb \"sich holen\" beziehungsweise \"an sich reißen\". Er sagt: \"Was ich aus eigenem Vermögen nicht zu erreichen vermag, das hole ich mir aus der offenen Seite Christi.\"

\"Kehrt um, und glaubt\": Damit ist genau genommen eine plötzliche, arglose Handlung gemeint. Durch sie erhalten wir das Heil, noch ehe wir uns abgemüht oder Verdienste erworben haben, ja wir bemächtigen uns sogar eines \"Reiches\". Und Gott selbst ist es, der uns dazu einlädt. Und er ist der Erste, den es überrascht, dass \"nur so wenige\" diese Handlung vollbringen.

\"Kehrt um!\" Dies ist also keine Drohung und nichts, was uns traurig macht oder uns dazu führen würde, gesenkten Hauptes durch das Leben zu gehen, um nur ja möglichst viel Zeit zu brauchen. Im Gegenteil, es handelt sich um ein unglaubliches Angebot, eine Einladung zu Freiheit und Freude; um die \"Frohe Botschaft\", die Jesus den Menschen aller Zeiten gebracht hat.

[ZENIT-Übersetzung des vom Autor zur Verfügung gestellten italienischen Originals]