P. Karl Wallner: Benedikt XVI., „ein Papst des Wesentlichen“

Interview mit dem Rektor der Päpstlichen Hochschule Heiligenkreuz

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WIEN, 10. September 2007 (ZENIT.org).- „Dieser Papst ist ein Papst des Wesentlichen und nicht des Äußerlichen“, betont P. Karl Wallner OCist, Rektor der Päpstlichen Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz gegenüber ZENIT. „Dieser Papst heilt die Kirche nicht von den Blättern her, sondern aus dem Erdreich des Glaubens, von dort, wo alle Lebenskraft strömt.“



An Tag 1 nach dem Besuch Benedikts XVI. in Österreich ermutigt der Zisterzienser zu einer „verinnerlichten Nacharbeit“. Es sei notwendig, wieder zu wissen, was man glaubt, so P. Wallner. „Wir müssen den Glauben wieder als die lebendige Begegnung mit Gott begreifen. Wir müssen Gott Raum geben in unserem Leben.“

ZENIT: Der Kurzbesuch des Heiligen Vaters in Heiligenkreuz soll nach Medienberichten der „heimliche Höhepunkt“ seiner dreitägigen Pilgerreise gewesen sein, und tatsächlich begegneten bei Ihnen rund 15.000 Pilger einem überaus zufriedenen, sich sichtlich entspannenden Benedikt XVI. Was empfinden Sie, wenn Sie am „Tag danach“ zurückblicken?

P. Karl Wallner: Wir in Heiligenkreuz sind einfach überwältigt, denn dieser Besuch hat alle Erwartungen übertroffen. Natürlich haben wir alles gut vorbereitet, aber dass der Papst mit so offensichtlicher Freude kommt; dass er uns eine derartig profunde (und lange) Ansprache hält mit so substantiellen Themen; dass er sich so viel Zeit genommen hat und uns mit seiner Sympathie regelrecht „angestrahlt“ hat – das haben wir nicht erwartet!

Die Reaktionen der Pilger waren überwältigend. Eine Journalistin hat gesagt: „Man hat es gesehen und gespürt, dass der Papst bei euch glücklich ist.“

Mit Hilfe eines vierstündigen Vorprogramms haben wir die 15.000 Menschen wirklich innerlich vorbereitet: dass es hier nicht um ein Event geht, sondern um ein „Hinschauen auf Christus“. Und der Petrusnachfolger hat uns wirklich hineingeführt in das Geheimnis der göttlichen Liebe, die sich in Christus eröffnet und uns zu einer wunderbaren Gemeinschaft in der Kirche zusammenfügt.

ZENIT: Was ist die „Botschaft“ von Heiligenkreuz?

P. Karl Wallner: Der Heilige Vater hat sich mit dem Stift Heiligenkreuz einen symbolischen Ort ausgesucht und sein Satz, dass Österreich in doppelsinniger Weise „Klösterreich“ sei, wird sicher Geschichte machen.

Seine Themen waren ganz substantieller Art: Er sprach über das Gebet, über das Gefundensein durch Gott, über den letzten Sinn jedes Menschen, über die Liturgie, über die Theologie, über geistliche Berufungen und die Erneuerung, die aus einem „marianischen Feuer“ kommt.

Berührt hat mich als Theologen etwa sein Satz, dass Gott nie nur „Objekt“ der Theologie ist, sondern immer auch „Subjekt“. Paulus schreibt ja schon, dass der Heilige Geist mit „unaussprechlichem Seufzen“ für uns betet (vgl. Röm 8,26).

Es ging aber nicht nur um die Mönche, sondern es war für jeden etwas drin in dieser bemerkenswerten Predigt.

ZENIT: Ich habe den Eindruck, dass Papst Benedikt in diesen Tagen immer wieder zeigen wollte, dass der Glaube an Gott vernünftig ist und ein erfülltes Leben erst wirklich ermöglicht. Was sind in Ihren Augen die zentralen Punkte, die der Heilige Vater den Gläubigen vermitteln wollte?

P. Karl Wallner: Die Medien haben immer wieder betont, dass sich der Papst nicht mit den Kirchenkritikern treffen will. Es ist ärgerlich, dass man es dem Papst nicht gönnt, eine Pilgerfahrt des Glaubens zu machen, denn er kam ja eindeutig nur deshalb nach Österreich, weil er zum 850-Jahr-Jubiläum von Mariazell zur „Magna Mater Austriae“ pilgern wollte. Vielleicht ist ja gerade das sein Dialog mit den Kritikern, dass er sich in den Themen nicht von ihnen instrumentalisieren lässt.

Der Papst thematisiert die großen Lebensfragen: Gott, Sinn des Lebens, Gebet, Anbetung, Liebe… Er spricht die substantiellen Themen an. Würde ein einziger Jugendlicher mehr in die Kirche gehen, wenn der Zölibat abgeschafft, die Sakramente ausgedünnt, das Priestertum verbürgerlicht wäre? Ich wage, das zu bezweifeln.

Der Papst ist mit seinem so demütig vorgetragenen Verweis auf die Fundamente des Glaubens viel, viel jugendlicher als seine langweiligen Kritiker, denn die Jugendlichen werden von ganz anderen Fragen bewegt als von kircheninternen Strukturquerelen.

Der Heilige Vater, dem ich für kurze Augenblicke so nahe sein durfte, hat mich tief berührt in seiner Demut: eie er nicht den großen Superstar sein will, sondern der liebevolle Vater, der den Blick seiner Kinder hinlenken will auf das Wesentliche.

ZENIT: Wie könnte unsere „Aufbereitung“ dieser Tage aussehen?

P. Karl Wallner: Dieser Papst ist ein Papst des Wesentlichen und nicht des Äußerlichen. Ein Baum ist so gesund wie seine Wurzeln. Dieser Papst heilt die Kirche nicht von den Blättern her, sondern aus dem Erdreich des Glaubens, von dort, wo alle Lebenskraft strömt.

Für uns war der Besuch des Petrusnachfolgers ein Glaubensfest mit viel äußerlich sichtbarer Freude. Aber die Fortsetzung wird darin bestehen, unaufgeregt und bescheiden das Erdreich umzugraben und aufzubereiten.

Nicht große „Action“ ist jetzt angesagt, sondern eine verinnerlichte Nacharbeit: Wir müssen wieder wissen, was wir glauben. Wir müssen den Glauben wieder als die lebendige Begegnung mit Gott begreifen. Wir müssen Gott Raum geben in unserem Leben.

Für uns in Heiligenkreuz im Speziellen danken wir dem Heiligen Vater für seine Worte zu Mönchtum, Liturgie und Theologie. Im Bewusstsein um die Kleinheit des Samenkorns, das wir sind, werden wir weitermachen und durch Opfer und Gebet darauf hoffen, dass die Gnade mit uns macht, was für die Bekehrung der Welt notwendig ist.