P. Karl Wallner OCist: „Jeder soll mit den Talenten, die er hat, wuchern“

Interview mit dem Rektor der Päpstlichen Hochschule Heiligenkreuz

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AUGSBURG, 22. April 2008 (ZENIT.org).- Der Kongress „Treffpunkt Weltkirche“, der vor etwas mehr als einer Woche von Kirche in Not in Augsburg veranstaltet wurde, ermutigte zahlreiche Menschen, im Glauben zu wachsen und die Freude des Auferstandenen weiterzugeben.



Einen besonders eindrucksvollen Vortrag hielt P. Karl Wallner OCist, Rektor der Päpstlichen Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz. Im ZENIT-Gespräch erläutert der Ordensmann, was er sich von den Kongressteilnehmern erwartet und worum es in seinem neuen Buch Sinn und Glück im Glauben geht.

ZENIT: Pater Karl, wie erleben Sie den Kongress „Treffpunkt Weltkirche“?


P. Karl Wallner: Ich bin das erste Mal hier dabei, und ich erlebe es als sehr berührend, denn „Kirche in Not“ ist wirklich weltweit tätig. Wir haben ja die verschiedenen Schwerpunkte erlebt: Afrika, Asien.

Wir selbst als Päpstliche Hochschule Heiligenkreuz sind hier vertreten – nicht nur weil ich hier referiere, sondern weil wir an unserer Hochschule jetzt auch Zisterzienser aus Vietnam, aus Sri Lanka, also aus Asien haben, ja sogar Studenten aus Nigeria, Afrika. Mit dieser Internationalität, dieser Universalität, mit der wir Weltkirche bei uns erleben, passen wir, glaube ich, sehr gut hierher.

Ich bin sehr berührt. Man hat das Gefühl, dass die Kirche in Deutschland einen neuen Aufbruch benötigt, und hier treffe ich sehr viele gute Kräfte, die diesen Aufbruch mittragen könnten.

ZENIT: Was haben Sie den jungen Menschen gesagt?

P. Karl Wallner: Ich habe versucht zu ermutigen. Ich habe ein bisschen die Situation der Kirche kritisiert, die oft darin besteht, dass wir uns hinter Gremien und Sitzungen verschanzen, dass wir zuwenig den Auftrag des Herrn, der ja sein Testament ist, berücksichtigen: dass er will, dass wir hinausgehen in die ganze Welt. Das ist sein Abschiedswort, sein Anspruch an uns. Aus einer „sitzenden“ Kirche müsste wieder das werden, was wir am Anfang waren, wo man das Christentum „den Weg“ genannt hat.

In diesem Sinn muss die Kirche heute hinaus in die Welt – hier, jetzt und heute. Und ich habe ermutigt, dass jeder mit den Talenten, die er hat, wuchern soll. Das bedeutet für einen Familienvater etwas anderes als für einen Priester, für eine Großmutter etwas anderes als für eine Ordensfrau. Aber jeder hat von Gott seine Charismen, seine Talente, und er möge sie bitte als Katholik, als Getaufter, als Gefirmter jetzt und heute wuchernd einsetzen, denn die Welt von heute bedarf dieser Dynamik eines gelebten Christentums – heute mehr denn je.

ZENIT: Wie können sich die Christen Gehör verschaffen?

P. Karl Wallner: Ich erlebe viele Formen von Zusammenschlüssen kirchlicher Laien und eine immer bessere Professionalität gerade auch im politischen Auftreten. Man muss natürlich aufpassen, denn wir Christen sind – und das ist mittlerweile einfach ein Faktum –in der westlichen Zivilisation eine Minorität geworden, und ich bin erstaunt, dass man noch so viel auf uns hört – wobei das in den politischen Entscheidungen ja dann wieder weniger der Fall ist, wie etwa die Gesetzgebung zur Stammzellforschung in Deutschland gezeigt hat.

Dennoch: Wir sind eine wichtige Stimme. Ich glaube auch ganz einfach deshalb, weil die Stimme der Kirche immer auch die Stimme der Vernunft ist, und ja doch alle Menschen spüren: Also hier gibt es etwas, wo parteilos, letztlich doch unter Absehung der eigenen Interessen eigentlich das Anliegen des Menschen vertreten wird. Denn der Gott, den wir verkünden, ist ein Gott, der den Menschen in die Fülle des Lebens und der Wahrheit berufen möchte. Das spüren die Leute ganz einfach.

ZENIT: Wie kann man Zaghaftigkeit oder übertriebenes Sünden- oder Schuldbewusstsein abschütteln, um tatsächlich „Sauerteig“ in der Gesellschaft zu sein?

P. Karl Wallner: Na ja, Schuldbewusstsein ist ja grundsätzlich nicht schlecht, denn wir sind Sünder. Wir Katholiken haben den Weg der Sündenbefreiung durch die Beichte, aber jeder sehe zu, dass er nicht falle. Allerdings sollte man das eine nicht mit dem anderen vermischen: Auch der große Sünder Petrus, der den Herrn dreimal verleugnete, ist am Pfingstfest mutig hinausgetreten und hat Christus vor aller Welt verkündet. Also die eigene Sünde, die wir Gott im Beichtstuhl demütig hinhalten, darf uns auf keinen Fall daran hindern, in der Welt ohne Minderwertigkeitskomplex aufzutreten. Denn wir treiben ja nicht unsere eigene Sache voran, sondern die Sache Gottes.

ZENIT: Was erwarten Sie sich von den vielen Kongressteilnehmern hier in Augsburg?

P. Karl Wallner: Es herrscht hier eine ähnliche Stimmung, wie man sie sonst bei Exerzitien, Einkehrtagen und anderen katholischen Veranstaltungen erlebt. Man spürt dann immer das Wehen des Heiligen Geistes. Das gehört einfach programmatisch zu einer Veranstaltung, bei der auch gebetet wird, angebetet wird; sehr Kluges und Wichtiges gehört wird und ganz einfach auch Ermutigung da ist.

Wichtig ist, dass der eigentliche Kongress „Weltkirche“ nach dem Kongress „Weltkirche“ beginnt, also dass jeder, der dann hinausgeht, hoffentlich ein Stück dieser Dynamik in das Leben hineinträgt. Das ist bei allen solchen Veranstaltrungen ganz wichtig, die Umsetzung dann im praktischen Leben.

Und ich hoffe, dass das Zeugnis, dass ich gegeben habe – ich versuchte, die einzelnen zu ermutigen, mit ihren konkreten Talenten wirklich zu wuchern –, dazu beiträgt, dass der eine oder andere dann doch bereit ist zu schauen: Wo kann ich Apostolat machen in meiner Familie, in meiner Pfarrgemeinde? Wo kann ich jetzt finanziell oder einfach durch meinen Einsatz dazu beitragen, dass der christliche Glaube stärker in der Welt hinauskommt?

ZENIT: Noch ein Wort zu Ihrem neuen Buch…

P. Karl Wallner: Ich habe ein Buch der Ermutigung mit dem Titel „Sinn und Glück im Glauben“ geschrieben. Es ist mein erstes populäres Buch, wenn ich das so sagen darf. Ich bin ganz erstaunt, wie viele Leute das kaufen und wie viele mich hier schon kennen. Ich habe jetzt stundenlang signiert, was sehr schön ist und mich sehr freut.

Ich habe mir in dem Buch einfach die Themen vom Herzen geschrieben, die mir das große Anliegen sind für die Zukunft der Kirche: dass wir wieder wissen, was Beichte bedeutet, was Kommunion bedeutet, was Familie bedeutet. Auch „Leiden an der Kirche“ ist ein Thema, das ich in dem Buch aufgreife, also einfach das, was mir wichtig scheint.

Mein Buch ist, glaube ich, verständlich – jeder kann es lesen –, und es will aufzeigen, was der „normale“ Christ wissen sollte, um ermutigt in die Zukunft zu gehen.

[Das Interview führte Dominik Hartig]