P. Raniera Cantalamessa OFMCap: Die Liebe hört niemals auf

Dritte Fastenpredigt

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Vatikanstadt, 8. April 2010 (ZENIT.org).- Am Freitagvormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., in der Kapelle „Redemptoris Mater" des Apostolischen Palastes die dritte der vier traditionellen Fastenpredigten für den Papst und die Kurie. Er betrachtete das Thema: Die Liebe hört niemals auf.

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1. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst

Es ist eine Tatsache, dass der Jordan auf seinem Weg zwei Meere ausbildet: Das Galiläische und das Tote Meer. Während das Galiäische Meer aber von Leben nur so wimmelt und eines der fischreichsten Gewässer der Erde ist, ist das Tote Meer ein Meer, das vom Tod beherrscht wird. In ihm ist nicht die geringste Spur von Leben zu finden, allein Salz ist sein beherrschendes Element. Und doch werden beide Meere vom selben Wasser des Jordan gespeist. Eine Erklärung für dieses Phänomen -wenn auch nur eine unvollständige- ist diese: Das Galiläische Meer erhält sein Wasser aus dem Jordan, behält es aber nicht für sich, sondern bewässert, indem Wasser abfließen kann, das gesamte Jordantal. Beim Toten Meer hingegen ist das Gegenteil der Fall: Es gibt an die Umgebung keinen Tropfen Wasser ab, sondern behält es für sich. Das ist ein Symbol. Um Gottes Liebe zu erfahren, müssen wir auch unseren Brüdern davon abgeben. Und je mehr wir davon abgeben, desto mehr Liebe wird uns selbst zuteil. Lasst uns das im Folgenden reflektieren.

Nachdem wir in den ersten beiden Predigten über die Liebe Gottes als Geschenk nachgedacht haben, ist jetzt der Moment gekommen, unseren Blick auf die Pflicht zu lieben zu lenken. Und im Besonderen auf die Pflicht, unseren Nächsten zu lieben. Das Band zwischen zwei Liebenden wird auf programmatische Weise im Wort Gottes offenbar: „Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben" (1 Joh 4, 11).

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", ist ein altes Gebot, das schon in den Gesetzen des Mose angeführt (Lev 19, 18) und von Jesus genauso zitiert wird (Luk 10, 27). Warum aber spricht Jesus dann von „seinem" Gesetz und einem „neuen" Gesetz? Die Antwort lautet dass sich durch ihn das Objekt verändert hat. Das Subjekt ist das Motiv, seinen Nächsten zu lieben.

Dass sich das Objekt geändert hat, bedeutet, dass sich der, der unser Nächster ist und den wir lieben sollen, sich verändert hat. Es ist nicht mehr länger nur der Bekannte oder ein Gast, sondern jeder Mensch, auch der Fremde (der Samariter!), sogar unser Feind. Es ist richtig, dass man den zweiten Teil des Satzes „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, und hasse deinen Feind" nicht unmittelbar in den Schriften des Alten Testamentes finden wird, aber er steckt doch implizit in den Worten, die wir zusammengefasst im Gesetz der Vergeltung finden: „Auge um Auge, Zahn um Zahn" (Lev. 24, 20). Das steht im unmittelbaren Gegensatz zu dem, was Jesus von den Seinen verlangt: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?" (Mt 5, 44-47).

Er hat auch das Subjekt der Liebe zum Nächsten verändert, und zwar folgendermaßen: Es ist nicht der andere, ich selber bin es; nicht der, der in meiner Nähe ist, sondern der, den ich zu meinem Nächsten mache. Mit dem Gleichnis des guten Samariters zeigt Jesus, dass wir nicht passiv darauf warten sollen, dass der Nächste unseren Weg mit einem leuchtenden Signal oder einer Sirene kreuzt. Der Nächste bist du selbst, das heißt, durch ihn kannst du selbst dich verändern. Unser Nächster ist er nicht, wenn er im nächsten Augenblick wieder aus unserem Blickfeld verschwindet, sondern allein dann, wenn wir selbst durch ihn verändert werden.

Vor allem hat sich das Modell oder das Maß der Nächstenliebe verändert. Bis zu Jesu Erscheinen war das Modell eine Liebe zu sich selbst: „Wie dich selbst". Es ist gesagt worden, dass sich Gott nicht besser der Liebe zum Nächsten versichern konnte, als durch genau diese Formulierung. Auf andere Art hätte er niemals dasselbe Ziel erreicht, nicht einmal, wenn er die Menschen aufgefordert hätte: „Liebe deinen Nächsten, wie du deinen Gott liebst", denn in Bezug auf die Liebe zu Gott ist der Mensch in der Lage zu mogeln, in Bezug auf die Liebe zu sich selbst nicht. In jeder beliebigen Situation kennt der Mensch die Bedeutung dessen, sich selbst zu lieben. Es ist wie ein Spiegel, den er immer vor Augen hat, der ihn nicht unbesonnen sein lässt.[1]

Es ist jedoch die Unbesonnenheit, um derer willen Jesus an die Stelle eines alten ein neues Modell errichtet und ein neues Maß gesetzt hat: „Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe" (Joh 15, 12). Der Mensch ist in der Lage, sich selbst in der falschen Weise zu lieben, das heißt, dem Bösen und nicht dem Guten nachzueifern, das Laster und nicht die Tugend zu lieben. In ähnlicher Weise verhält es sich mit einem Menschen, der die anderen wie sich selbst liebt und für sie dasselbe wie für sich beansprucht. Wie arm ist ein solcher Mensch! Wir hingegen wissen, wohin der Weg von Jesu Liebe führt: zur Wahrheit, zum Guten und zum allmächtigen Vater. Wer ihm folgt „wird nicht in Finsternis wandeln". „Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben" (Röm 5, 6).

Es wird verständlich, was der Evangelist Johannes mit seiner scheinbar widersprüchlichen Aussage sagen wollte: „Liebe Brüder, ich schreibe euch kein neues Gebot, sondern ein altes Gebot, das ihr von Anfang an hattet. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt. Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot, etwas, das in ihm und in euch verwirklicht ist" (1. Joh 2, 7-8). Das Gesetz der Nächstenliebe ist „alt" in Bezug auf die Heilige Schrift, aber „neu" durch das Evangelium. Neu -erklärt der Papst in einem Kapitel seines neuen Buches über Jesus- ist die Nächstenliebe, weil sie nicht mehr allein „Gesetz" ist, sondern auch und vor allem „Gnade". Sie basiert auf der Gemeinschaft mit Jesus und bleibt möglich durch die Gabe des Heiligen Geistes.[2]

Mit Jesus schreiten wir vom Gesetz der Vergeltung, nach dem Modell „Das, was ein anderer dir zugefügt hat, das füge auch ihm zu", zum dem Punkt, an dem wir das Gesetz überwinden, indem du „das, was Gott an dir getan hat, du auch an deinem Nächsten tust", oder auch aus anderer Perspektive: „Das, was du an deinem Nächsten tust, das wird Gott auch an dir tun". Unzählig sind die Beispiele für dieses Konzept in den Worten Jesu und der Apostel: „Wie Gott euch vergeben hat, so vergebt auch einander", „Wenn ihr nicht aus tiefstem Herzen euren Feinden vergebt, so kann euch auch euer Vater nicht vergeben". Im Kern wird hiermit die Entschuldigung erstickt „aber er liebt mich doch nicht und ich verteidige mich nur...". Das betrifft allein ihn und nicht dich. Dich sollte nur interessieren, wie du an deinem Nächsten handelst und wie du dem gegenübertrittst, was andere dir tun.

Offen bleibt die prinzipielle Frage nach dem Grund für diese einzigartige „Kursänderung": von einer Liebe zu Gott zu einer Liebe zum Nächsten. Wäre es nicht viel logischer, die Worte „So wie ich euch geliebt habe, so liebt auch mich" zu erwarten, als „Wie ich euch geliebt habe, so liebt euch auch untereinander"? Das ist genau der Unterschied zwischen einer Liebe, die allein „Eros" umfasst, und einer Liebe, die „Eros" und „Agape" vereint. Die erotische Liebe ist ein in sich geschlossener Kreis: „Liebe mich, Alfredo, liebe mich so, wie ich dich liebe", so singt es Violetta in Verdis La Traviata. Im Gegensatz dazu ist die Liebe der „Agape" ein offener Kreis: Sie kommt von Gott und führt zu ihm zurück, breitet sich aber gleichzeitig auch über den Nächsten aus. Jesus selbst hat das Geheimnis der Qualität einer solchen Liebe enthüllt: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt" (Joh 15, 9).

Die heilige Katharina von Siena hat aus demselben Motiv heraus eine einfachere und überzeugende Erklärung gegeben. Sie lässt Gott sagen: „Ich habe euch gebeten, mich mit derselben Liebe zu lieben, wie ich euch geliebt habe. Ihr seid dazu nicht in der Lage, weil ich euch liebe, ohne zurückgeliebt zu werden. Die ganze Liebe, die ihr für mich habt, ist eine Liebe aus Schuld. Ihr könnt es nicht, bis ihr mir nicht die Liebe zurückgebt, nach der ich verlange. Aus diesem Grund habe ich euch euren Nächsten zur Seite gestellt: damit ihr an ihm das tun könnt, was ihr an mir nicht zu tun vermögt, nämlich ihn ohne einen eigennützigen Hintergedanken zu lieben. Und ich werde das, was ihr eurem Nächsten tut, als etwas erachten, das ihr mir getan habt". [3]

2. Liebt einander aus einem wahrhaftigen Herzen heraus

Nach diesen allgemeinen Beobachtungen zur Nächstenliebe komme ich nun zu einem weiteren Punkt: die Beschaffenheit dieser Liebe. In Wahrheit sind es zwei Komponenten der Liebe: Die eine ist die aufrichtige Liebe, die andere die aktive, tätige Liebe. Die eine eine Liebe aus der Tiefe des Herzens, die andere eine Liebe, deren Werkzeuge unsere eigenen Hände sind. An dieser Stelle möchte ich mich bei ersterer aufhalten und uns der Führung des großen „Kantors" der Liebe, des heiligen Paulus, überlassen.

Der zweite Teil des Briefs an die Römer ist eine Aneinanderreihung von Empfehlungen, die alle die wechselseitige Liebe im Innern der christlichen Gemeinschaft betreffen. „Eure Liebe sei ohne Heuchelei. [...]; Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung..." (Röm 12, 9). „Bleibt niemandem etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer. Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt" (Röm 13, 8).

Um die Seele zu begreifen, die in sich all diese Ermahnungen vereint, muss man die Grundidee, oder besser das „Gefühl", das Paulus von der Liebe hatte, verstehen, das auf der eingangs vorangestellten Aussage basiert: „Die Liebe hört niemals auf!" Dies ist nicht eine von vielen Ermahnungen, sondern die Wurzel, von der alles ausgeht. Diese Aussage beinhaltet das Geheimnis der Liebe. Versuchen wir, mit der Hilfe des Heiligen Geistes dieses Geheimnis zu verstehen.

Das vom Heiligen Paulus im Original gebrauchte Wort, das heutzutage mit „hört niemals auf" übersetzt wird, ist "anhypókritos", was soviel wie „ohne Heuchelei" bedeutet. Dieses Wort ist ein selten gebrauchter Ausdruck, den wir im Alten Testament beinahe ausschließlich zur Definition der christlichen Liebe finden. Der Ausdruck „aufrichtige Liebe" (anhypókritos) begegnet uns noch einmal im 2. Brief an die Korinther 6, 6 und in 1 Petrus 1, 22. Letzterer Text erlaubt eine letzte Sicherheit in der Beantwortung der Frage, was dieser Terminus bedeutet, da wir es hier mit einer Umschreibung zu tun haben; die aufrichtige Liebe -so steht es geschrieben- bedeutet, einander aus einem „aufrichtigen Herzen" heraus zu lieben.

Der heilige Paulus führt uns mit der einfachen Aussage „Die Liebe hört niemals auf" zum Ursprung der Liebe: zum Herzen. Das Herz ist es, das nach Liebe verlangt, und zwar nach einer wahren, authentischen und grenzenlosen Liebe. So wie der Wein aus dem Saft der Trauben gewonnen wird, so muss die Liebe dem Herzen entspringen. Hierin ist der Apostel ein getreues Echo der Worte Jesu; Dieser hat immer wieder mit Nachdruck betont, dass das Herz eines Menschen für die Taten desselben verantwortlich ist, die ihn zu einem reinen oder unreinen Menschen machen (Mt 15, 19).

Kommen wir auf einen weiteren paulinischen Gedanken bezüglich der Liebe zu sprechen: Dieser besteht der Tatsache, dass es hinter dem sichtbaren, äußeren Universum der Liebe, welches Taten und Worte umfasst, noch ein inwendiges Universum gibt, genauso wie auch das Herz im Inneren des Körpers existiert. Dieser Gedanke steht im zweiten bedeutenden Text über die Liebe, in 1 Kor 13. Wenn man genau hinsieht, bezieht sich Paulus an dieser Stelle ausschließlich auf das inwendige Herz, auf die Anlagen und Ausdrucksweisen der Liebe: Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf... Keiner dieser Sätze birgt eine direkte Anregung zu guten Taten oder Taten aus der Liebe heraus, aber jeder einzelne dieser Sätze impliziert, das Gute zu wollen. Das Wohlwollen entsteht in erster Linie aus der Wohltätigkeit heraus.

Somit erklärt der Apostel den Unterschied zwischen beiden Sphären der Liebe, indem er sagt, dass die größten Taten der Barmherzigkeit -zum Beispiel, die Armen mit der nötigen Nahrung zu versorgen-, zu nichts nütze seien, ohne die inwendige Liebe (1 Kor 13,3 f.). Es wäre das Gegenteil der aufrichtigen Liebe. Die heuchlerische Liebe ist somit diejenige, die Gutes bewirkt, ohne Gutes zu wollen, die etwas allein nach außen zeigen will, aber keine Entsprechung dazu im Herzen findet. In diesem Fall hätte sie nur den Anschein von Barmherzigkeit, die größten Egoismus verbergen könnte, nur sich selber suchte, den Bruder instrumentalisierte oder auch ganz einfach Gewissensbisse beruhigte.

Es wäre ein fataler Fehler, sich zwischen beide Formen der Liebe zu stellen, zwischen die Liebe des Herzens und die Liebe, die sich auf Taten gründet, oder sich in die inwendige Liebe zu flüchten, um dadurch ein Alibi für das Ausbleiben von Liebestaten zu haben. „Dass ohne die Liebe alles wertlos wird", auch wenn ich meine ganze Habe den Armen gäbe, bedeutet nicht, dass diese Tat ganz und gar wertlos wäre; es bedeutet nur, dass ich selbst daraus keinen Nutzen ziehen würde, wohingegen diese Tat den Armen sehr wohl von Nutzen wäre. Es würde auch zu nichts führen, die Wichtigkeit der Taten der Liebe abzuschwächen (nächstes Mal werde ich das einmal tun...), weil diese doch ein breites Fundament bilden gegen den Egoismus in seiner grenzenlosen Listigkeit. Der heilige Paulus wollte erreichen, dass die Christen fest in der Liebe „verwurzelt und auf sie gegründet" (Eph 3, 17) sind. Das bedeutet, dass die Liebe der Ursprung und das Fundament von allem sein soll.

Wahrhaftig zu lieben bedeutet, mit einer solchen Tiefe zu lieben, dass man nicht mehr heucheln kann, weil man sich selbst und auch dem Spiegel des eigenen Bewusstseins immer einen Schritt voraus ist, indem man sich ganz der Führung Gottes überlässt. „Liebe deinen Bruder", schreibt Augustinus, „liebe ihn vor Gott, wo nur Gott es sieht, gib seinem Herz Halt, und frage dich im Inneren, ob du wirklich aus Liebe zu seinem Bruder wirkst; vor diesem Auge, welches ins Herz schaut, wohin der Mensch nicht gehen kann, bezeuge ihn dort". [4] Es war wahrhaftige Liebe, aus der heraus Paulus über die Juden folgende Worte sagen konnte: „Ich sage in Christus die Wahrheit und lüge nicht, und mein Gewissen bezeugt es mir im Heiligen Geist: Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz. Ja, ich möchte selber verflucht und von Christus getrennt sein um meiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind" (Röm 9, 1-3).

Um wahrhaftig zu sein, muss die christliche Liebe also aus dem Inneren, aus dem Herzen kommen; die Taten der Barmherzigkeit aus „dem Herzen der Barmherzigkeit" (Kol 3, 12). Darüberhinaus müssen wir es noch weiter präzisieren: Es ist noch viel mehr als nur eine simple „Verinnerlichung". Wir werden Zeugen einer Akzentverschiebung von einer rein äußeren Erfahrung der Liebe hin zu einer inwendigen Erfahrung. Das ist der erste Schritt. Die Verinnerlichung führt uns zur Vergöttlichung! Ein Christ -so sagt es Paulus- ist der, der aus einem „wahrhaftigen Herzen" heraus liebt: aber mit welchem Herzen? Mit „einem neuen Herzen und einem neuen Geist", empfangen in der Taufe!

Wenn ein Christ in dieser Weise liebt, ist es Gott, der durch ihn liebt; es entsteht ein direkter Kanal der Liebe Gottes. Auch der Trost ist eine weitere Form der Liebe: „Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden" (2. Kor 1, 4). Wir trösten durch den Trost, durch den auch wir von Gott getröstet sind, wir lieben mit der Liebe, mit der wir von Gott geliebt sind. Nicht mit einer anderen. Das erklärt die oft unverhältnismäßig erscheinende Wirkung -all die Hoffnung und das ringsum erstrahlende Licht-, die manchmal -oft sogar im Verborgenen- ein Akt der Liebe hervorruft.

3. Was die Liebe zu schaffen vermag

In den Schriften der Apostel wird über die Liebe niemals auf eine allgemeine oder abstrakte Weise gesprochen. Der Hintergrund ist immer der Aufbau der christlichen Gemeinschaft. Mit anderen Worten, der erste Bereich, sich in der Liebe zu üben, ist immer die Kirche und konkreter noch die Gemeinschaft, in der wir leben, die Personen, mit denen wir täglich in Beziehung treten. Genauso sollte es auch heutzutage sein, insbesondere im Herzen der Kirche, zwischen denen, die in stetem Kontakt mit dem Papst arbeiten.

Eine ganze Zeit lang gebrauchte man in der Antike für den Begriff Liebe den Terminus Agape, der sich nicht das gemeinsame brüderliche Mahl bedeutete, das die Christen gemeinsam abhielten, sondern ein Ausdruck für die ganze Kirche war. [5] Der heilige Märtyrer Ignatius von Antiochien grüßte die Kirche von Rom als eine, die „zur Liebe anleitet (Agape)", das heißt, zur „christlichen Brüderlichkeit", gemeinsam mit den anderen Kirchen [6]. In diesen Worten zeigt sich nicht nur der Primat der Kirche, sondern auch ihre Natur, oder die Art, diesen auszuüben: nämlich in der Liebe.

Die Kirche braucht eine wahrhaft glühende Liebe, um all ihre Risse zu heilen. In einem seiner Diskurse hat Paul VI. einmal davon gesprochen, dass „die Kirche darauf achten muss, dass eine Welle der Liebe durch all ihre menschlichen Fähigkeiten zurückfließt, durch diese Liebe, die sich Nächstenliebe nennt und die sich in unseren Herzen ausbreitet durch den Heiligen Geist, von dem wir sie empfangen haben" [7]. Allein die Liebe ist imstande zu heilen. Und das Öl des Samariters. Das Öl in dem Sinne, dass es immer an der Oberfläche schwimmt, wenn es in Kontakt mit anderen Flüssigkeiten kommt. „Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht" (Kol 3, 14). Sie steht über allem! Sogar über dem Glauben und der Hoffnung, der Disziplin, der Autorität, auch wenn bisweilen Disziplin und Autorität Ausdrucksformen der Liebe sind. Ohne die Liebe gibt es keine Einheit und wenn es ohne sie doch eine Einheit gäbe, so wäre es eine Einheit, die vor Gott keinen Wert hätte.

Ein wichtiger Aspekt, an dem es sich zu arbeiten lohnt, ist der des gegenseitigen Richtens. Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer: „Wie kannst also du deinen Bruder richten? ... Daher wollen wir uns nicht mehr gegenseitig richten" (Röm 14, 10.13). Vor ihm hat schon Jesus gesagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! ... Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?" (Mt 7, 1.3). Jesus vergleicht die Sünde des Nächsten (die gerichtete Sünde), welche auch immer es sei, mit einem Strohhalm, wohingegen die Sünde desjenigen, der richtet (die Sünde des Richtens), ein Balken ist. Der Balken ist gleichzusetzen mit dem Akt des Richtens und ist vor den Augen Gottes nicht gerechtfertigt.

Dieser Diskurs über das Richten ist in vielerlei Hinsicht eine delikate und komplexe Angelegenheit. Es wäre falsch, diesen Gedankengang abrupt zu unterbrechen, mit der Auswirkung, dass er plötzlich unrealistisch erscheinen würde. Ist es überhaupt möglich, ohne Richten zu leben? Das Richten ist implizit in uns verankert, sogar in jedem einzelnen Blick. Wir können nicht beobachten, zuhören oder leben, ohne die Dinge um uns herum zu bewerten, das heißt, ohne zu richten. Eltern, Vorgesetzte, Beichtväter, Richter, sie alle verfügen über Verantwortung anderen gegenüber, sie müssen richten. Überwiegend sogar, besonders für diejenigen in der Kurie, ist die Ausübung des Richtens ein Dienst, der in der Gesellschaft oder in der Kirche zu leisten einem angetragen wird.

In Wirklichkeit ist es weniger unser Urteilsvermögen, das wir aus unseren Herzen herausschneiden müssen, als das Gift in unserem eigenen Urteilsvermögen! Unseren Hang zum Neid und unsere Vorurteile. Im Evangelium nach Lukas folgt der Anweisung Jesu „Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden" die unmittelbare Erklärung dieser Aussage: „Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden" (Lk 6, 37). An sich ist das Richten eine neutrale Tätigkeit, das Urteilsvermögen jedoch entscheidet, ob die richtende Tätigkeit einer Verurteilung oder eine Absolution und einer Rechtfertigung gleich kommt. Es sind allein die falschen Urteile, die durch das Wort Gottes zurückgenommen und kundgetan werden, nämlich diejenigen, die gemeinsam mit der Sünde auch den Sünder verurteilen und die mehr auf die Bestrafung als auf die Verbesserung des Bruders abzielen.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt der wahrhaftigen Liebe ist die Wertschätzung: „Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung" (Röm 12, 10). Um den Bruder wertzuschätzen, sollten wir darauf achten, uns selbst nicht zu überschätzen und uns unserer selbst nicht zu sicher zu sein. Das drückt der Apostel Paulus mit den folgenden Worten aus: „Strebt nicht über das hinaus, was euch zukommt" (Röm 12, 3). Wer sich selbst überschätzt, ist wie ein Mann, der seine Augen in der Nacht nur auf das helle Licht direkt vor ihm richtet: Er wird außer diesem Licht nichts anderes mehr um sich herum wahrnehmen; er wird die Lichter seiner Brüder nicht sehen, mit anderen Worten, ihre Werte und Talente übersehen.

„Minimieren" sollte unsere bevorzugte Bestrebung im Umgang mit anderen werden: unseren Wert und die Fehler der anderen zu minimieren. Unsere Fehler nicht zu minimieren und ebenso nicht den Wert der anderen, wie wir tatsächlich oft gedrängt werden, und was das genaue Gegenteil von dem wäre, was wir tun sollten!

Wir müssen die Dinge einfach aus einer anderen Perspektive betrachten und uns unsere eigenen Fehler vor denen der anderen vor Augen führen. Der heilige Jakobus hat uns ermahnt: „Verleumdet einander nicht, Brüder" (Jak 4, 11). Die Schwatzhaftigkeit hat ihren Namen verändert und ist unter dem Namen „gossip" zu einer beinahe unschuldigen Sache geworden. In Wahrheit verunreinigen wir durch sie unser Zusammenleben mit anderen. Es genügt nicht, den anderen nicht zu verleumden. Wir müssen auch verhindern, dass andere das tun. In einer ruhigen Art müssen wir ihnen zeigen, dass wir mit ihrem Verhalten nicht einverstanden sind. Wie anders wäre die Luft doch am Arbeitsplatz und im allgemeinen Zusammensein, wenn wir die Ermahnungen des heiligen Jakobus ernst nähmen! In vielen Restaurants steht geschrieben, dass das Rauchen verboten ist, oder manchmal sogar, dass fluchen untersagt ist. Es wäre nicht das Schlechteste, dieses durch die Worte „Klatsch zu verbreiten ist strengstens untersagt" zu ersetzen.

Ich möchte die Predigt mit den Worten des Apostels Paulus beschließen, die er an die ihm sehr am Herzen gelegenen Philipper richtete: „Dann macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, dass ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen. Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht" (Phil 2, 2-5).

[1] S. Kierkegaard, Werke der Liebe, Kohlhammer Verlag, Stuttgard 2004. (it. Ausg.: S. 163).
[2] Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, 2.Teil, Freiburg, 2011, S.76f.
[3] S. Caterina da Siena, Dialog, (it. Ausg.: S. 64).
[4] Hl. Augustinus, Kommentar zum ersten Brief Johannes, 6, 2 (PL 35, 2020).
[5] Lamoe, A Patristic Greek Lexicon, Oxford 1961, 8.
[6] Hl. Ignatius von Antiochien, Brief an die Römer, Grußwort.
[7] Vortrag während der Generalaudienz vom 29. November 1972 (It. Ausg.: Insegnamenti die Paolo VI, Tipografia Poliglotta Vaticana, X, 1210 f.).
 


[Aus dem Italienischen übersetzt von Anna Christine Finkbeiner]