P. Raniero Cantalamessa: Allezeit beten!

Kommentar zum Evangelium des 29. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C)

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ROM, 19. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Ohne Sonntag kann der Christ nicht leben. Das bekräftigt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamesssa OFM Cap., in seinem Kommentar zum kommenden Sonntag (Ex 17,8-13a, 2 Tim 3,14-4,2; Lk 18,1-8). Außerdem weist der Kapuzinerpater darauf hin, dass es möglich ist, der Forderung Jesu, allezeit zu beten, tatsächlich zu entsprechen – auch ohne die alltäglichen Verpflichtungen und Beschäftigungen zu vernachlässigen.



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Jesus sagt ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten sollten

Das Evangelium dieses Sonntags beginnt so: „In jener Zeit sagte Jesus ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.“ Es handelt sich hier um das Gleichnis von der aufdringlichen Witwe. Auf die Frage: „Wie oft muss man beten?“, antwortet Jesus: Immer! Das Gebet lässt – genauso wie die Liebe – kein Feilschen zu. Oder fragt man sich etwa, wie oft am Tag eine Mutter ihr Kind liebt, oder wie oft ein Freund zu seinem Freund steht? Die Liebe kann sich in verschiedenen Formen ausdrücken, aber es gibt sie nicht „in Abständen“ – einmal mehr und ein anderes Mal weniger. Und so ist es auch mit dem Gebet.

Das Ideal des beständigen Gebets ist in verschiedenen Gestalten sowohl im Osten als auch im Westen verwirklicht worden. Die östliche Spiritualität hat das mit dem so genannten „Jesus-Gebet“ praktiziert: „Herr Jesus, erbarme dich meiner.“ Der Westen hat das Prinzip eines beständigen Gebets formuliert, jedoch in geschmeidigerer Weise, so dass es allen vorgeschlagen werden kann und nicht nur denen, die sich ausdrücklich zu einem monastischen Leben bekennen. Der heilige Augustinus sagt, dass das Wesen des Gebetes in der Sehnsucht besteht. Wenn ich mich beständig nach Gott sehne, so ist auch das Gebet beständig; fehlt hingegen die innere Sehnsucht, so kann man so laut schreien, wie man will: Für Gott bleibt man stumm.

Die verborgene Sehnsucht nach Gott – eine Mischung aus Erinnerung, Bedürfnis nach dem Unendlichen und Heimweh nach Gott – kann auch dann lebendig erhalten werden, wenn man sich gezwungen sieht, andere Dinge zu tun. „Lange beten ist nicht damit gleichzusetzen, dass man lange kniet, die Hände gefaltet hat oder viel redet. Es besteht vielmehr darin, einen beständigen und ergebenen Herzensantrieb zu dem zu wecken, den wir anrufen.“

Jesus selbst hat uns das Beispiel eines ständigen Gebets gegeben: Von ihm wird in den Evangelien gesagt, dass er am Tag, bei der Abenddämmerung beziehungsweise am frühen Morgen betete und dass er auch die ganze Nacht im Gebet verbrachte. Das Gebet war das Bindegewebe seines ganzen Lebens.

Das Beispiel Christi aber sagt uns auch noch etwas anderes, was wichtig ist: Es ist illusorisch zu denken, immer beten zu können, aus dem Gebet eine Art ständiges Atmen der Seele inmitten der alltäglichen Beschäftigungen zu machen, wenn man dem Gebet nicht auch feste Zeiten vorbehält, in denen man in Freiheit von anderen Betätigungen betet. Der Jesus, den wir immer beten sehen, ist derselbe, der – wie jeder andere Jude der damaligen Zeit – drei Mal am Tag (bei Sonnenaufgang, am Nachmittag während des Opfers im Tempel und bei Sonnenuntergang) innehielt, sich nach dem Tempel von Jerusalem ausrichtete und die rituellen Gebete sprach, darunter das „Shema Israel – Höre Israel“. Am Sabbat nahm auch er zusammen mit den Jüngern am Kult der Synagoge teil, und verschiedene Ereignisse, die im Evangelium berichtet werden, tragen sich gerade in diesem Kontext zu.

Auch die Kirche hat vom ersten Moment ihres Bestehens an einen besonderen Tag festgelegt, der dem Kult und dem Gebet zu widmen ist: den Sonntag. Alle wissen wir, was in unserer Gesellschaft aus dem Sonntag geworden ist. Der Sport, insbesondere der Fußball, wandelte sich von einer Zeit der Erholung und Zerstreuung zu etwas, das den Sonntag oft vergiftet… Wir müssen alles tun, damit dieser Tag – so wie es Gott beabsichtigt hat, als er einen Tag der wöchentlichen Ruhe gebot – wieder ein Tag der heiteren Freude wird, der unsere Gemeinschaft mit Gott und untereinander, in Familie und in Gesellschaft, neu festigt.

Für uns Christen ist es eine Ansporn, der Worte zu gedenken, die der Märtyrer Saturninus zusammen mit seinen Gefährten im Jahr 305 an jenen römischen Richter richtete, der sie hatte verhaften lassen, da sie an der sonntäglichen Versammlung teilgenommen hatten: „Der Christ kann nicht ohne die sonntägliche Eucharistie leben. Weißt du nicht, dass der Christ für die Eucharistie existiert, und die Eucharistie für den Christen?“

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]