P. Raniero Cantalamessa: "Auf ihn sollt ihr hören"

Kommentar zum Evangelium des 2. Fastensonntags im Lesejahr B

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ROM, 10. März 2006 (ZENIT.org).- Im folgenden Beitrag zeigt P. Raniero Cantalamessa OFMCap, Prediger des Päpstlichen Hauses, wie einfach es im Grunde ist, den göttlichen Willen zu kennen. In seiner Betrachtung der Lesungen des 2. Fastensonntags (Gen 22,1-2.9-18; Röm 8,31b-34; Mk 1,12-15) warnt er vor der Annahme heidnischer Gewohnheiten und erinnert daran, dass sich Gott in Jesus Christus vollständig offenbart hat.



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"Auf ihn sollt ihr hören"

"Das, ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören." Mit diesen Wörtern übergab Gott Vater der Menschheit Jesus Christus als ihren einzigen und endgültigen Lehrer, der größer ist als die Gesetze und die Propheten.

Wo spricht Jesus heute, wo können wir ihn hören? Vor allem spricht er durch unser Gewissen zu uns. Es ist eine Art "Verstärker" in unserem Inneren, dank dem wir die Stimme Gottes vernehmen. Aber das Gewissen allein genügt nicht, denn es ist einfach, uns das einzureden, was wir hören möchten. Aus diesem Grund muss es vom Evangelium und von der Lehre der Kirche erleuchtet und getragen werden. Das Evangelium ist der Ort schlechthin, an dem Jesus heute zu uns spricht. Aber wir wissen aus eigener Erfahrung, dass auch die Worte des Evangeliums verschieden ausgelegt werden können. Wer uns nun eine authentische Deutung garantiert, ist die Kirche, die von Christus gerade dazu gegründet wurde. "Wenn sie auf euch hören, dann hören sie mich" (Lk 10,16). Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir versuchen, die Lehre der Kirche kennen zu lernen, und zwar aus erster Hand, eben so, wie die Kirche diese Lehre selbst versteht und vorlegt, und nicht in der häufig verzerrten und reduktionistischen Art, wie sie in den Medien thematisiert wird.

Fast genauso wichtig wie das Wissen darum, wo Jesus heute spricht, ist das Wissen um jene Orte, wo seine Stimme mit Sicherheit nicht zu hören ist. Er spricht sicher nicht durch Zauberer, Hellseher, Satanisten, Kartenleger oder Empfänger von außerirdischen Botschaften; und er kommt auch nicht bei spiritistischen Sitzungen, im Okkultismus zu Wort. In der Heiligen Schrift gibt es diesbezüglich eine ganz eindeutige Ermahnung: "Es soll bei dir keinen geben, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt, keinen, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, zaubert, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene um Rat fragt" (Deut 18,10-12).

All diese Dinge waren jene Formen, mit denen sich die Heiden dem Göttlichen zuwandten. Sie befragten die Sterne, die Eingeweide Tiere oder den Flug der Vögel, um darin bestimmte Vorzeichen zu erkennen. Mit dem Wort Gottes, das wir heute vernommen haben – "Auf ihn sollt ihr hören" –, hat sich das alles "erledigt": Es gibt nur einen einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen, und wir müssen nicht wie Blinde umherirren und das oder jenes befragen, um den Willen Gottes kennen zu lernen. In Christus finden wir die vollständige Antwort.

Leider sind diese heidnischen Kulte heute wieder in Mode. Und wie immer, wenn der wahre Glaube schwindet, nimmt der Aberglaube zu. Halten wir uns einmal die harmloseste Sache, das Horoskop, vor Augen. Man kann sagen, dass es in jeder Zeitung oder in jedem Radiosender angeboten wird. Für reife Menschen, die ein wenig kritischen Geist und Ironie besitzen, sind Horoskope nichts weiter als ein Unsinn, der dazu dient, sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen, also gewissermaßen ein Mittel der Unterhaltung und des Zeitvertreibs. Aber wenn wir die langfristigen Wirkungen in Betracht ziehen wollen, müssen wir uns fragen: Was für eine Mentalität bildet sich besonders unter Kinder und Jugendlichen aus? Eine Mentalität, nach der der Erfolg im Leben nicht von den Mühen und dem Fleiß beim Studium und der harten Arbeit abhängig ist, sondern von äußeren Faktoren, die man kaum einschätzen kann. Es geht darum, bestimmte Energien, die aus einem selbst kommen oder von anderswoher, zum eigenen Vorteil zu nutzen. Aber das ist noch nicht alles: Letztlich führt diese Mentalität zur Überzeugung, dass die Verantwortung für das Gute und das Böse nicht bei uns liegt, sondern in den "Sternen", wie Manzonis Don Ferrante dachte [vgl. Roman Die Verlobten von Alessandro Manzoni (1785-1873), Anm. d. Red.].

Ich muss noch über einen anderen Bereich sprechen, in dem Jesus nicht spricht, wo man ihn aber dennoch die ganze Zeit reden lässt. Ich meine Privatoffenbarungen, Himmelsbotschaften, Erscheinungen und ähnliche Stimmen. Ich behaupte nicht, dass sich Christus oder die Jungfrau Maria nicht dieser Mittel bedienen können. Sie haben es in der Vergangenheit getan, und sie können es natürlich auch heute tun. Aber bevor man sich wirklich sicher sein kann, dass es sich um Jesus oder die Jungfrau handelt und nicht um ein Hirngespinst, muss man Sicherheit bekommen. Auf diesem Gebiet muss man deshalb auf die Beurteilung seitens der Kirche warten und darf diesem Urteil nicht vorgreifen. Dantes Worte sind noch immer aktuell: "Seid Christen, die fest stehen, und lasst euch nicht umwerfen, seid keine Federn, die irgendwie im Wind wehen" (Paradies V, 73).

Der heilige Johannes vom Kreuz sagt, dass Gott nach seinem Ruf vom Berg Tabor "Auf ihn sollt ihr hören" gewissermaßen verstummt ist. Damit hat er alles gesagt; es gibt nichts, was er noch offenbaren könnte. Wer von ihm neue Offenbarungen oder Antworten erwartet, beleidigt ihn, da er ihm unterstellt, dass er sich noch nicht eindeutig zu erkennen gegeben hätte. Gott sagt allen dasselbe: "Auf ihn sollt ihr hören", lest das Evangelium: Dort werdet ihr genau das finden, was ihr sucht.

[ZENIT-Übersetzung des vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]