P. Raniero Cantalamessa: Christus bringt den neuen, wahren Frieden

Kommentar zum Evangelium des 20. Sonntag im Jahreskreis

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ROM, 17. August 2007 (ZENIT.org).- Das Kommen Jesu mag manchem ungemütlich erscheinen. Wenn man ihn aber aufnimmt, erfährt man, was unter authentischem Frieden zu verstehen ist. Diese Gedanken führt P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des päpstlichen Hauses, in seinem Kommentar zur dramatischen Spaltung, die im Evangelium des kommenden Sonntags (Jer 38,4-6.8-10; Hebr 12,1-4; Lk 12,49-57) angesporchen wird, weiter aus.



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Ich bin gekommen, um Spaltung auf die Erde zu bringen

Das Evangelium des heutigen Sonntags enthält einige der provozierendsten Worte, die Jesus je ausgesprochen hat: „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung. Denn von nun an wird es so sein: Wenn fünf Menschen im gleichen Haus leben, wird Zwietracht herrschen: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei, der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.“

Und dabei ist nun daran zu denken, dass der, der das ausspricht, derselbe ist, dessen Geburt mit den Worten willkommen geheißen wurde: „Friede auf Erden allen Menschen“, und der während seines Lebens erklärt hatte: „Selig die Friedensstifter.“ Ja, es handelt sich um den, der im Moment seiner Verhaftung Petrus gebot: „Steck dein Schwert in die Scheide!“ (Mt 26,52). Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Es ist ganz einfach. Es geht darum zu erkennen, was der Friede und die Einheit sind, die zu bringen Jesus gekommen ist, und was der Friede und die Einheit sind, die zu nehmen er gekommen ist. Er ist gekommen, um den Frieden und die Einheit im Guten zu bringen, jenen Frieden und jene Einheit, die zum ewigen Leben führen; und er ist gekommen, um den falschen Frieden und die falsche Einheit zu nehmen, die nur dazu gut sind, die Gewissen einzuschläfern und zum Ruin zu führen.

Es ist nicht so, dass Jesus eigens gekommen ist, um Spaltung und Krieg zu bringen. Aus seinem Kommen wird sich unvermeidlich Spaltung und Gegensatz ergeben, da er die Menschen vor eine Entscheidung stellt. Und angesichts der Notwendigkeit, sich zu entscheiden, wissen wir, dass die menschliche Freiheit auf verschiedene und mannigfaltige Weise reagieren wird. Sein Wort und seine Person werden das zum Vorschein kommen lassen, was in der Tiefe des menschlichen Herzens am verborgensten ist. Das hatte der alte Simeon vorausgesagt, als er das Jesuskind in die Arme nahm: „Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden“ (Lk 2,34-35).

Das erste Opfer dieses Widerspruches, der erste, der am „Schwert“ leidet, das auf die Erde zu bringen er gekommen ist, wird gerade er selbst sein, der in dieser Auseinandersetzung mit dem Leben bezahlt. Die nach ihm am direktesten in dieses Drama hineingenommene Person ist Maria, seine Mutter, der Simeon bei jener Gelegenheit sagen wird: „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.“

Jesus selbst unterscheidet zwei Arten von Frieden. Er sagt den Aposteln: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht“ (Joh 14,27). Nachdem er mit seinem Tod den falschen Frieden und die falsche Solidarität des Menschengeschlechts im Bösen und in der Sünde zerstört hat, eröffnet er den neuen Frieden und die neue Einheit, die ihrerseits Frucht des Geistes sind. Und das ist der Friede, den er den Aposteln am Abend von Ostern entbietet: „Der Friede sei mit euch!“

Jesus sagt, dass diese „Spaltung“ auch durch die Familien gehen kann: Sie kann Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Bruder und Schwester, Schwiegertochter und Schwiegermutter voneinander trennen. Und leider wissen wir, wie wahr und schmerzhaft dies manchmal ist. Wer den Herrn entdeckt hat und ihm ernsthaft nachfolgen will, steht oft vor der schwierigen Situation, wählen zu müssen: entweder die Familienangehörigen zufrieden zu stellen und Gott und die religiöse Praxis zu vernachlässigen, oder diesen Folge zu leisten und mit den Seinen in Kontrast zu treten, die einem jede Minute vorwerfen werden, die für Gott und Frömmigkeitspraktiken aufgewandt wird.

Dieser Widerstand aber reicht auch noch weiter in die Tiefe; er findet sich in der Person selbst und stellt sich als Kampf zwischen Fleisch und Geist dar, zwischen den Anruf des Egoismus und der Sinne und dem des Gewissens. Die Spaltung und der Konflikt nehmen in uns selbst ihren Anfang. Paulus hat dies wunderbar dargelegt: „Das Begehren des Fleisches richtet sich gegen den Geist, das Begehren des Geistes aber gegen das Fleisch; beide stehen sich als Feinde gegenüber, sodass ihr nicht imstande seid, das zu tun, was ihr wollt“ (Gal 5,17).

Der Mensch hängt an seinem kleinen Frieden und an seiner Ruhe, auch wenn sie unsicher und illusorisch sind, und dieses Bild Jesu, der kommt, um Unruhe zu stiften, hat es an sich, ihn zu verstimmen und Jesus als Feind der eigenen Ruhe zu betrachten. Man muss versuchen, diesen Eindruck zu überwinden und sich darüber klar werden, dass auch das die Liebe Jesu ist, ja vielleicht sogar ihr reinster und echtester Ausdruck.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]