P. Raniero Cantalamessa: Das eucharistische Staunen

Kommentar zum Fest Fronleichnam (Lesejahr A)

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ROM, 123. Mai 2008 (ZENIT.org).- Was ist die Eucharistie, was bewirkt sie, und wozu sollte sie uns veranlassen? All diese Fragen beantwortet der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., in seinem Kommentar zum Hochfest des Leibes und Blutes Christi (Dtn 8,2-3.14b-16a; 1 Kor 10,16-17; Joh 6, 51-59).

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Die beiden Leiber Christi

In der zweiten Lesung stellt uns der heilige Paulus die Eucharistie als Geheimnis der Gemeinschaft vor. „Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?“ Gemeinschaft bedeutet Austausch, Teilhabe. Nun besteht die Grundregel der Teilhabe darin: Das, was mein ist, ist dein, und das, was dein ist, ist mein. Versuchen wir, diese Regel auf die eucharistische Gemeinschaft anzuwenden, und dann werden wir erkennen, wie überwältigend das ist.

Was heißt „mein“ im eigentlichen Sinn? Die Armeseligkeit, die Sünde: Das allein gehört ausschließlich mir. Und was besitzt Jesus als „das Seinige“, wenn nicht die Heiligkeit, die Vollkommenheit aller Tugenden? So besteht die Gemeinschaft in der Tatsache, dass ich Jesus meine Sünde und meine Armut gebe, und er mir seine Heiligkeit. Es vollzieht sich also der „wunderbare Austausch“, wie es in der Liturgie heißt.

Wir kennen verschiedene Formen von Gemeinschaft. Eine sehr innige Gemeinschaft ist die zwischen uns und der Speise, die wir essen, da diese Fleisch von unserem Fleisch, Blut von unserem Blut wird. Ich habe gehört, wie Mütter zu ihren Kindern, die sie an den Busen drücken, sagen: „Ich habe dich zum Fressen lieb!“

Es ist wahr, dass die Speise keine lebendige und intelligente Person ist, mit der wir Gedanken und Gefühle austauschen können. Aber stellen wir uns für einen Moment vor, dass die Speise intelligent und lebendig ist: Wäre in diesem Fall nicht eine vollkommene Gemeinschaft gegeben? Das aber ist genau das, was in der eucharistischen Gemeinschaft geschieht. Jesus sagt ja im Evangelium: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt… Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich Speise, und mein Blut ist wirklich Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm… Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ Hier ist die Speise nicht ein Etwas, sondern eine lebendige Person. Es handelt sich um die innigste Gemeinschaft überhaupt, auch wenn sie geheimnisvoll ist.

Schauen wir, was in der Natur bei der Ernährung vor sich geht. Das stärkere Lebensprinzip nimmt das weniger stärkere auf. Die Pflanze assimiliert die Mineralien, das Tier die Pflanzen. Auch in der Beziehung zwischen dem Menschen und Christus kommt dieses Gesetz zum Tragen: Es ist Christus, der uns aufnimmt. Wir verwandeln uns in ihn, nicht er in uns. Ein berühmter atheistischer Materialist hat einmal gesagt: „Der Mensch ist, was er isst.“ Ohne es zu wissen, hat er eine sehr gute Definition der Eucharistie gegeben. Durch die Eucharistie wird der Mensch wirklich das, was er ist, das heißt Leib Christi.

Aber lesen wir weiter im Text des heiligen Paulus: „Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“ Es ist klar, dass in diesem zweiten Fall das Wort „Leib“ nicht mehr den Leib Christi bezeichnet, der aus Maria geboren wurde, sondern „uns alle“; es verweist auf jenen größeren Leib Christi, der die Kirche ist. Das will besagen, dass die eucharistische Gemeinschaft immer auch Gemeinschaft unter uns ist. Indem wir von derselben Speise essen, bilden wir einen einzigen Leib.

Was folgt daraus? Dass wir nicht in wahrer Gemeinschaft mit Christus stehen können, wenn wir unter uns getrennt sind, wenn wir einander hassen und zur Versöhnung nicht bereit sind. Wenn du deinen Bruder beleidigt hast, so sagt der heilige Augustinus, wenn du gegen ihn eine Ungerechtigkeit begangen hast und dann hingehst, um die Kommunion zu empfangen, als wäre nichts gewesen, vielleicht sogar voller Eifer für Christus, so ähnelst du einem, der einen Freund auf sich zukommen sieht, den er seit langem nicht gesehen hat. Er läuft ihm entgegen, er umarmt ihn und stellt sich auf die Zehenspitzen, um ihn auf die Stirn zu küssen… Während er das aber tut, bemerkt er nicht, dass er ihm mit genagelten Schuhen auf die Füße tritt.

Die Brüder nämlich, vor allem die Ärmsten und Verlassensten, sind die Glieder Christi. Sie sind seine Füße, die noch auf dem Boden stehen. Wenn uns der Priester die Hostie gibt, sagt er: „Der Leib Christi.“ Und wir antworten: „Amen!“ Jetzt wissen wir, zu wem wir „Amen“ sagen, also „Ja“: nicht nur zu Jesus, dem Sohn Gottes, sondern auch zu unserem Nächsten.

Am Fronleichnamsfest kann ich nicht verbergen, dass mich etwas traurig stimmt. Es gibt Geisteskrankheiten, die es verhindern, die uns nahe stehenden Menschen zu erkennen. Solche Menschen schreien stundenlang: „Wo ist mein Sohn? Wo ist meine Frau? Warum kommt sie nicht?“, während der Sohn oder die Frau daneben stehen und ihm oder ihr die Hand drücken und sagen: „Ich bin hier, siehst du mich nicht? Ich bin bei dir.“ Etwas Ähnliches kann auch mit Gott passieren.

Die Menschen unserer Tage suchen Gott im Weltall und im Atom. Sie diskutieren, ob es einen Schöpfer der Welt gegeben hat oder nicht. Wir fahren fort, uns zu fragen: „Wo ist Gott?“, und dabei bemerken nicht, dass er zu uns gekommen und zu unserer Speise geworden ist, um noch inniger mit uns vereint zu sein. Johannes der Täufer würde wohl auch heute sagen müssen: „Mitten unter euch ist einer, den ihr nicht kennt.“ Das Fronleichnamsfeist ist entstanden, um uns Christen zu helfen, sich dieser Gegenwart Christi mitten unter uns bewusst zu werden; um das wach zu halten, was Johannes Paul II. „das eucharistische Staunen“ nannte.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]