P. Raniero Cantalamessa: Das Ja zum Kreuz bedeutet Fruchtbarkeit

Kommentar zum Evangelium des 5. Fastensonntags im Lesejahr B

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ROM, 31. März 2006 (ZENIT.org).- Das große christliche Gleichnis für Christus und seinen Weg der Hingabe ist das Bild des Weizenkorns, das in die Erde fällt und stirbt. Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa OFMCap, Prediger des Päpstlichen Hauses, zeigt in seinem Kommentar zu den Lesungen des 5. Fastensonntags im Lesejahr B (Jer 31,31-34; Heb 5,7-9; Joh 12,20-33), dass damit das Leben jedes Menschen gemeint ist.



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"Wenn das Weizenkorn nicht stirbt"

"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht." Dies ist nicht die einzige Anweisung, bei der sich Jesus eines Bildes aus der Lebenswelt der Landarbeiter bedient. Das Evangelium ist voller Gleichnisse, Bilder und Ideen, die aus der Landwirtschaft seiner Zeit stammen, denn das war der Beruf, den damals die meisten Menschen ausübten. Jesus spricht über den Sämann, die Arbeit auf dem Feld, die Ernte, das Korn, den Wein, das Öl, den Feigenbaum, die Reben...

Aber Jesus blieb natürlich nicht beim landwirtschaftlichen Denken stehen. Das Bild des Weizenkorns dient dazu, uns eine Botschaft zu vermitteln, die zuallererst Licht auf ihn selbst und dann auf seine Jünger wirft.

Das Weizenkorn ist nämlich Jesus selbst. Wie ein Weizenkorn ist er durch sein Leiden und Sterben in die Erde "gefallen", ist gestorben und hat mit seiner Auferstehung Frucht getragen. Die "reiche Frucht" ist die Kirche, sein mystischer Leib, der durch seinen Tod geboren wurde.

Wahrscheinlich ist diese "Frucht" nicht nur wir Getauften, sondern die ganze Menschheit, weil er ja für alle gestorben ist. Alle Menschen sind durch ihn erlöst worden, auch diejenigen, die das noch nicht wissen. Die Evangeliumsstelle schließt mit diesen bedeutungsvollen Worten Jesu: "Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen."

Aber die Erzählung vom kleinen Weizenkorn hilft uns auch, den Sinn und die Ausrichtung, die unser Leben haben sollte, zu verstehen. Nachdem Jesus vom Weizenkorn gesprochen hat, fügt er hinzu: "Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben." In die Erde fallen und sterben, ist folglich nicht nur die Weise, Frucht zu bringen, sondern außerdem der Weg, das Leben zu bewahren "bis ins ewige Leben", sprich um weiter zu leben!

Was geschieht mit dem Weizenkorn, wenn es sich dagegen wehrt, in die Erde zu fallen? Wird da nicht irgendein Vogel kommen und es aufpicken? Oder aber es vertrocknet, bleibt in einem feuchten Eck liegen und wird schimmlig, oder es wird zu Mehl gemahlen und gegessen, und alles endet dann hier. Auf jeden Fall wird aus dem Weizenkorn auf diese Weise gar nichts. Wenn es aber stattdessen ausgesät wird, kommt es wieder und lernt ein neues Leben kennen, so wie wir das in dieser Jahreszeit mit den Kornsamen erleben, die im Herbst ausgesät wurden.

Auf die menschliche und geistliche Ebene übertragen, bedeutet das: Wenn der Mensch die Umwandlung nicht mitmacht, die aus dem Glauben und der Taufe kommt; wenn er sein Kreuz nicht auf sich nimmt, sondern seinem Egoismus ausgeliefert und so bleiben will, wie er ist, dann wird es mit ihm zu Ende gehen und sein Leben wird ausgeschöpft sein: Jugend, Alter, Tod. Wenn er dagegen an das Kreuz glaubt uns es vereint mit Christus auch annimmt, dann wird sich vor ihm der Horizont der Ewigkeit öffnen.

Es gibt in diesem Leben Situationen, auf die dieses Gleichnis vom Weizenkorn ein beruhigendes Licht wirft: Da hast du zum Beispiel einen Plan, der dir ausgesprochen am Herzen liegt; du hast für ihn geschuftet, so dass er zu einem wichtigen Bestandteil deines Lebens geworden ist. Und plötzlich erlebst du, wie dieser Plan "in die Erde fällt" und gestorben ist. Er ist gescheitert, oder er wurde dir genommen und ist anderen anvertraut worden, die jetzt die Früchte einsammeln dürfen.

Erinnere dich an das Weizenkorn und bleib zuversichtlich! Unsere besten Pläne und Wünsche (zuweilen sogar die Hochzeit von Eheleuten) müssen diese augenscheinlich dunkle Phase eisigen Winter durchlaufen, damit sie gereinigt und wieder neu geboren werden können, um "reiche Frucht" zu bringen. Wenn man den Anfechtungen standhält, ist man nachher wie Stahl, der in eisiges Wasser getaucht wurde, um nachher, wieder draußen, "weicher" zu sein. Wie immer stellen wir fest, dass das Evangelium nicht weit entfernt ist von der Realität unseres Lebens, sondern sehr viel mit ihr zu tun hat. Sogar dann, wenn es mit der Erzählung vom kleinen Weizenkorn zu uns spricht.

Am Ende sind wir selbst diese Weizenkörner, die in die Erde fallen und sterben. Unsere Körper werden der Erde anheim gegeben werden, aber das Wort Jesu schenkt uns die Sicherheit, dass es auch für uns einen neuen Frühling geben wird. Wir werden vom Tod auferstehen – und dieses Mal, um nie mehr zu sterben.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zu Verfügung gestellten Originals]