P. Raniero Cantalamessa: Das Kreuz erhöht; es erniedrigt nicht mehr

Kommentar zu den liturgischen Texten des kommenden Sonntags

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ROM, 5. September 2008 (ZENIT.org).- Am kommenden Sonntag, dem Fest der Kreuzerhöhung (Num 21,4-9; Phil 2,6-11; Joh 3,13-17), sollte man nach Worten von P. Raniero Cantalamessa OFM Cap. den Blick auf den auferstanden, durch und durch glücklichen Jesus Christus richten, der aus dem „Werkzeug der Schande und des Leidens“ ein „Werkzeug des Heils“ machen wollte.  

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Als Mose in der Wüste die Kupferschlange an der Fahnenstange aufhängte

Heute wird das Kreuz des Gläubigen nicht unter dem Aspekt des Leidens, der harten Notwendigkeit des Lebens oder auch als Weg der Nachfolge Christi vorgestellt, sondern in seiner glorreichen Dimension, als Grund zu Freude und Ruhm, nicht zum Weinen. Sagen wir zunächst etwas über den Ursprung dieses Festes. Es erinnert an zwei zeitlich auseinander liegende Begebenheiten. Die erste ist die Einweihung von zwei Basiliken durch Kaiser Konstantin im Jahr 325; eine befindet sich auf Golgota, und die andere über dem Grab Christi. Das andere Ereignis aus dem 7. Jahrhundert ist der Sieg der Christen über die Perser, durch den die Kreuzesreliquien zurückerobert und im Triumphzug nach Jerusalem gebracht wurden. Im Lauf der Zeit bekam das Fest aber auch einen Wert für sich: Es ist zur freudigen Feier des Geheimnisses des Kreuzes geworden, das Christus vom Werkzeug der Schande und des Leidens in ein Werkzeug des Heils verwandelt hat.

Die Lesungen spiegeln letzteres wider. Die zweite Lesung legt uns den berühmten Hymnus aus dem Philipperbrief vor, wo das Kreuz als Grund der großen „Erhöhung“ Christi gesehen wird: „Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ‚Jesus Christus ist der Herr’ – zur Ehre Gottes, des Vaters.“ Auch im Evangelium ist das Kreuz jener Moment, in dem „der Menschensohn erhöht wird, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat“.

In der Geschichte hat es zwei Grundformen gegeben, das Kreuz und den Gekreuzigten darzustellen. Der Bequemlichkeit halber wollen wir sie die „alte“ und die „moderne“ nennen. Die alte Art, die auf den Mosaiken der antiken Basiliken und bei den Kreuzesdarstellungen der romanischen Kunst bewundert werden kann, ist freudig, festlich, voller Majestät. Das Kreuz wird oft allein dargestellt, ohne den Gekreuzigten; es ist mit Edelsteinen geschmückt und auf den Himmel hin entworfen – mit der Inschrift darunter: „Salus mundi – Heil der Welt“, wie auf dem berühmten Mosaik von Ravenna.
Bei den hölzernen Kreuzen der romanischen Kunst kommt dieselbe Art der Darstellung bei dem Christus zum Ausdruck, der in königlichen und priesterlichen Gewändern auf dem Kreuz thront – mit offenen Augen und nach vorne gerichtetem Blick, ohne Anzeichen des Leidens, sondern Majestät und Sieg ausstrahlend, nicht mehr mit Dornen gekrönt, sondern mit Edelsteinen. Es ist dies die bildliche Übersetzung des Psalmverses: „Regnavit a ligno Deus – vom Holz herab hat Gott geherrscht.“ Jesus hat auch von seinem Kreuz als einem Moment seiner „Erhöhung“ gesprochen: „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen“ (Joh 12,32).

Die moderne Art beginnt mit der gotischen Kunst und behauptet sich immer mehr, bis sie in der modernen Epoche zur üblichen Art der Kreuzesdarstellung wird. Ein extremes Beispiel ist die Kreuzigung des Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar. Hände und Füße winden sich um die Nägel, das Haupt leidet unter einem Bündel Dornen, der Leib ist übersät mit Wunden. Auch die Gekreuzigten von Velasquez und Salvador Dalì und vieler anderer gehören zu diesem Typ.

Beide Arten heben einen wahren Aspekt des Geheimnisses hervor. Die modern-dramatische, realistische, Herz erschütternde Art stellt das Kreuz von „vorne“ gesehen, „ins Gesicht schauend“ dar, in seiner rohen Wirklichkeit – in jenem Augenblick, in dem man stirbt. Hier ist das Kreuz das Symbol des Übels, des Leidens der Welt und der schrecklichen Wirklichkeit des Todes. Das Kreuz wird „in seinen Ursachen“ dargestellt beziehungsweise in dem, was es normalerweise hervorruft: Hass, Bosheit, Ungerechtigkeit, Sünde.

Die alte Art setzte nicht die Ursachen, sondern die Wirkungen des Kreuzes ins Licht; nicht das, was das Kreuz hervorbringt, sondern das, was vom Kreuz hervorgebracht wird: Versöhnung, Friede, Herrlichkeit, Sicherheit, ewiges Lebens. Es ist das Kreuz, das Paulus als „Herrlichkeit“ und „Ruhm“ des Gläubigen bezeichnet. Das Fest des 14. Septembers heißt „Kreuzerhöhung“, weil gerade dieser „erhöhende“ Aspekt des Kreuzes gefeiert wird.

Die moderne Betrachtung des Kreuzes muss mit der alten vereint werden: Es muss das glorreiche Kreuz wieder neu entdeckt werden. Wenn es im Moment der Prüfung auch nützlich sein kann, an den gekreuzigten Jesus zu denken, der leidet und sich vor Schmerzen windet – da er sich so als jemand zeigt, der unserem Leiden nahe steht –, sollte man jetzt dennoch an die andere Dimension des Kreuzes denken. Ein Beispiel dazu: Vor kurzen haben wir, vielleicht nach Monaten schweren Leidens, einen lieben Menschen verloren. Nun denkt nicht daran, wie er sich in seinem Bett fühlte, wie er zum Schluss aussah, was er tat oder sagte. Quält nicht euer Herz und euren Geist, und nährt nicht unnütze Schuldgefühle. All das ist vorbei, es ist nicht mehr da, es ist unwirklich. Handelt amn nämlich so, tut man in Wirklichkeit nichts anderes, als sein Leid zu verlängern, ja, es künstlich am Leben zu erhalten.

Es gibt Mütter (ich sage das jetzt nicht, um sie zu verurteilen, sondern um ihnen zu helfen), die sich – nachdem sie ihr Kind jahrelang auf seinem Leidensweg begleitet haben – nach dessen Tod weigern, anders zu leben. Im Haus muss alles so bleiben, wie es beim Tod des Kindes war; alles muss von ihm sprechen; ständige Besuche beim Friedhof. Wenn noch andere Kinder in der Familie da sind, müssen auch sie sich an ein Leben in dieser dumpfen Atmosphäre des Todes gewöhnen – was mit schweren psychologischen Schäden verbunden ist. Jede Bekundung der Freude in diesem Haus scheint eine Profanierung zu sein.

Gerade solche Menschen sind es, die es nötig haben, den Sinn des bevorstehenden Festes zu entdecken, die Kreuzerhöhung. Denn: Nicht mehr du trägst das Kreuz, sondern das Kreuz trägt dich – das Kreuz,, das dich nicht erdrückt, sondern erhöht!

Man muss an den lieben Menschen in seinem Hier und Jetzt denken, da alles zu Ende ist. Das haben die Künstler früher mit Jesus gemacht. Sie betrachteten ihn, wie er jetzt ist: auferstanden, glorreich, glücklich, froh, auf Gottes Thron sitzend, beim Vater, der „jede Träne von seinen Augen gewischt“ und ihm „alle Macht über Himmel und Erde“ verliehen hat. Er leidet nicht mehr unter den Krämpfen von Agonie und Tod.

Ich behaupte nicht, dass es immer möglich wäre, seinem Herz Befehle zu erteilen und zu verhindern, dass es im Gedenken an das, was war, blutet. Aber man muss darum bemühen zuzulassen, dass der Glaube die Vorherrschaft bekommt. Wozu würde der Glaube sonst nützen?

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]