P. Raniero Cantalamessa: Das Reich Gottes ist mitten unter uns

Kommentar zu den Lesungen des 14. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C)

| 1352 klicks

ROM, 6. Juli 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., geht in seinem Kommentar zu den Lesungen des kommenden Sonntags (Jes 66,10–14c; Gal 6,14–18; Lk 10,1–12.17–20) der Frage nach, was Jesus mit „Reich Gottes“ gemeint hat. Der Ordenspriester bekräftigt unter Zuhilfenahme auf die Jesus-Biographie Benedikts XVI, dass dieses Reich mitten unter uns ist und von jedem eine Entscheidung abverlange.



* * *

„Das Reich Gottes ist nahe“

Auch dieses Mal kommentieren wir das Evangelium mit Hilfe des Jesus-Buchs von Papst Benedikt XVI. Zuerst jedoch möchte ich eine allgemeine Bemerkung vorausschicken. Die von einigen Seiten her laut gewordene Kritik gegenüber dem Werk des Papstes besagt, dass er sich an das gehalten habe, was die Evangelien sagen, ohne den Ergebnisses der modernen historischen Forschung Rechnung zu tragen, die, so die Kritiker, zu sehr verschiedenen Schlüssen führen würde. Es handelt sich dabei um eine sehr verbreitete Idee, die einem ganzen Literaturgenre nach der Art von Dan Browns „Sakrileg – The da Vinci Code“ und populärwissenschaftlichen historischen Werken Nahrung gibt, die auf derselben Voraussetzung aufbauen.

Ich glaube, dass es dringlich ist, ein grundlegendes Missverständnis aufzudecken, das in all diesen Schriften auftaucht. Die Vorstellung einer historischen Forschung über Jesus, die einheitlich und konsequent ist und unaufhaltbar zum vollen Licht über ihn führt, ist nichts anderes als ein Mythos, den man den Leute glauben machen will, an den jedoch kein ernsthafter Historiker von heute mehr glaubt. Ich zitiere eine der bekanntesten Vertreterinnen der historischen Jesus-Forschung, die Amerikanerin Paula Fredriksen: „ Die Bücher vermehren sich. In der jüngsten wissenschaftlichen Forschung ist Jesus als die Gestalt eine Schamanen des ersten Jahrhunderts dargestellt worden, als kynischer Wanderphilosoph, radikaler Visionär und Sozialreformer, der zur Förderung der Menschen eine Gleichheitsethik predigte; als ein galiläischer Regionalist, der gegen die religiösen Konventionen der Elite Judäas (den Tempel und die Torah) kämpfte; als ein Vorkämpfer der nationalen Befreiung oder – im Gegensatz dazu – als ihr Widersacher und Kritiker usw. All diese Gestalten sind mit kräftigen Argumenten und akademischen Methoden präsentiert worden, alle werden unter Berufung auf antike Daten verteidigt. Die Diskussionen dauern in absoluter Freiheit an, und der Konsens – auch hinsichtlich wesentlicher Punkte wie der Kriterien, von denen auszugehen ist – scheint eine ferne Hoffnung zu sein.“

Oft beruft man sich auf neue Daten und Entdeckungen, die im Vergleich mit der Vergangenheit der historischen Forschung endlich zu einer vorteilhaften Position verholfen hätten. Wie offen aber die Konsequenzen sind, die aus diesen neuen historischen Quellen zu ziehen sind, wird durch die Tatsache deutlich, dass sie zu zwei einander entgegengesetzten und miteinander unversöhnlichen Christusbildern geführt haben, die nach wie vor vorhanden sind: einerseits ein „in allem“ jüdischer Jesus, andererseits ein Jesus, der Sohn des hellenisierten Galiläas seiner Zeit und von kynischer Philosophie durchtränkt ist.

Angesichts dieser Tatsache frage ich mich: Was hätte der Papst tun sollen? Die soundsovielte historische Rekonstruktion schreiben, in der alle entgegengesetzten Einwände diskutiert und widerlegt werden? Der Papst entschied sich dafür, die Gestalt und die Lehre Jesu, so wie sie von der Kirche verstanden ist, positiv darzulegen. Dabei ging er von der Überzeugung aus, dass der Christus der Evangelien auch unter historischem Gesichtspunkt die glaubhafteste und sicherste Gestalt ist.

Nach dieser Klärung kommen wir zum Evangelium dieses Sonntags. Es handelt sich um die Episode der Aussendung der 72 Jünger. Nachdem Jesus ihnen gesagt hat, „wie“ sie gehen sollen (zu zweit, wie Schafe und ohne Geld mitzunehmen…), erklärt er ihnen auch, „was“ sie sagen sollen: „Das Reich Gottes ist euch nahe.“

Wir wissen, dass dieser Satz – „Das Reich Gottes ist euch nahe“ – den Mittelpunkt der Predigt Jesu darstellt und die Verheißung ist, die in seiner ganzen Lehre implizit enthalten ist. Das Reich Gottes ist euch nahe – deshalb liebt eure Feinde! Das Reich Gottes ist euch nahe – deshalb hau deine Hand ab, wenn sie dich zum Bösen verführt; es ist besser, mit einer Hand in das Reich Gottes einzugehen, als mit allen beiden draußen zu bleiben… Alles erhält vom Reich her seinen Sinn.

Es ist immer diskutiert worden, was genau Jesus mit dem Ausdruck „Reich Gottes“ sagen wollte. Für einige ist es ein rein innerliches Reich, das in einem dem Gesetz Gottes gemäßen Leben besteht; für andere ist es im Gegensatz dazu ein soziales und politisches Reich, das der Mensch verwirklichen muss – wenn nötig auch mit Kampf und Revolution. Der Papst geht diese verschiedenen Interpretationen der Vergangenheit durch und macht auf das aufmerksam, was sie gemeinsam haben: Der Mittelpunkt des Interesses verlegt sich von Gott auf den Menschen; es handelt sich nicht mehr um ein Reich Gottes, sondern um ein Reich des Menschen, dessen erster Urheber der Mensch ist. Das ist eine Vorstellung von Reich, die im Grenzfall sogar mit dem Atheismus vereinbar ist.

In der Predigt Jesu bedeutet die Ankunft des Reiches Gottes, dass Gott durch die Entsendung seines Sohnes in die Welt beschlossen hat, sozusagen selbst das Schicksal der Welt in die Hand zu nehmen, sich mit ihr einzulassen, von ihrem Inneren aus zu handeln. Es ist leichter zu erahnen, was Reich Gottes bedeutet, als es zu erklären, da es eine Wirklichkeit ist, die jede Erklärung überschreitet.

Die Idee, dass Jesus ein bevorstehendes Ende der Welt erwartet hätte und dass sich somit das von ihm verkündigte Reich Gottes nicht in dieser Welt verwirklichen würde, sondern in jenem, was wir Jenseits nennen, ist immer noch sehr verbreitet. Die Evangelien enthalten in der Tat einige Aussagen, die sich für diese Interpretation eignen. Sie kann aber nicht aufrechterhalten werden, wenn man auf den Gesamtzusammenhang der Worte Christi blickt. „Die Lehre Jesu ist keine Ethik für die, die ein schnelles Ende der Welt erwarten, sondern für die, die das Ende dieser Welt und die Ankunft des Reiches Gottes in ihr erfahren haben: für die, die wissen, dass die ‚alten Dinge vergangen sind‘ und die Welt eine ‚neue Schöpfung‘ geworden ist, dass Gott in sie als König herabgekommen ist“ (Ch. Dodd). Mit anderen Worten: Jesus hat nicht das Ende dieser Welt angekündigt, sondern das Ende einer Welt, und darin haben ihm die Tatsachen nicht widersprochen.

Aber auch Johannes der Täufer predigte diese Veränderung, wenn er von einem bevorstehenden Gericht Gottes sprach. Worin also besteht die Neuheit Christi? Die Neuheit liegt in dem Adverb „nun“, „jetzt“: Mit Jesus ist das Reich Gottes nicht mehr nur etwas „Bevorstehendes“, sondern etwas Gegenwärtiges. „Das Neue und ganz Spezifische seiner Botschaft“, so schreibt der Papst, „besteht darin, dass er uns sagt: Gott handelt jetzt – es ist die Stunde, in der sich Gott in einer alles Bisherige überschreitenden Weise in der Geschichte als deren Herr, als der lebendige Gott zeigt“ (Jesus von Nazareth, 85).

Dem entspringt jener Sinn für Dringlichkeit, der in allen Gleichnisses Jesu durchscheint, besondern in den so genannten „Gleichnisses des Reiches“. „Darum ist jetzt erfüllte Zeit (Mk 1,15), darum ist jetzt auf einzigartige Weise Zeit der Umkehr und Buße wie auch Zeit der Freude, weil in Jesus Gott auf uns zugeht…“ (ebd.,90).

Wir wollen von dieser letzten Überlegung zu einer praktischen und aktuellen Anwendung der gehörten Botschaft übergehen. Was Jesus seinen Zeitgenossen sagte, gilt auch für uns heute. Jenes „Jetzt“ und „Heute“ wird unverändert andauern bis zum Ende der Welt (vgl. Hebr 3,13). Das bedeutet, dass der Mensch, der heute das Wort Christi: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15), vielleicht rein zufällig hört, sich vor dieselbe Wahl gestellt sieht wie jene, die es vor 2000 Jahren in einem Dorf in Galiläa hörten: entweder daran glauben und in das Reich eingehen, oder es ablehnen zu glauben und draußen bleiben.

Bedauerlicherweise scheint für viele, die das Evangelium heute lesen oder darüber Bücher schreiben, die Sorge um den Glauben die letzte ihrer Sorgen zu sein. Statt sich dem Gericht Christi zu unterwerfen, machen sich viele zu seinen Richtern. Jesus steht mehr denn je unter Anklage. Es handelt sich um eine Art umgekehrtes „jüngstes Gericht“. Vor allem die Gelehrten laufen in dieser Hinsicht Gefahr. Der Gelehrte muss den Gegenstand der Wissenschaft, die er pflegt, „beherrschen“ und vor ihm neutral bleiben; wie aber kann man den Gegenstand „beherrschen“ oder ihm gegenüber neutral bleiben, wenn es sich dabei um Jesus Christus handelt? In diesem Fall ist es wichtiger, sich „beherrschen“ zu lassen als selbst zu „beherrschen“.

Das Reich Gottes war für Jesus so wichtig, dass es uns gelehrt hat, jeden Tag für dessen Ankunft zu beten. Wir wenden uns an Gott und sagen: „Dein Reich komme.“ Aber auch Gott wendet sich uns zu, und sagt durch Jesus: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch angebrochen: Wartet nicht, tretet ein!“

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]