P. Raniero Cantalamessa: Das Wort Gottes, Weg zum Glauben

Kommentar zum Evangelium des dritten Ostersonnatags (Lesejahr A)

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ROM, 4. April 2008 (ZENIT.org).- Das Gespräch der Emmausjünger mit dem auferstandenen Christus veranlasst den Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., dazu, die Bedeutung der Heiligen Schrift hervorzuheben. Und in seinem Kommentar zum dritten Sonntag in der Osterzeit (Apg 2,14a.22-28; 1 Ptr 1,17-21; Lk 24,13-35) erklärt der Kapuzinerpater deshalb auch, wie man sie lesen sollte: mit Glauben.

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Und er legte ihnen dar, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht

„Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ Genau über diesen Punkt des Evangeliums über die Emmausjünger wollen wir nachdenken: die Schrift. Es gibt zwei Weisen, sich der Bibel zu nähern. Die erste besteht darin, sie als ein altes Buch zu betrachten, das voller religiöser Weisheit, moralischer Werte und auch Poesie ist. Unter diesem Gesichtspunkt ist sie das absolut bedeutendste Buch, um unsere westliche Kultur und die jüdisch-christliche Religion zu verstehen. Sie ist auch das am meisten gedruckte und gelesene Buch der gesamten Menschheitsgeschichte.

Aber es gibt noch eine anspruchsvollere Weise, sich der Bibel zu nähern, und diese besteht darin zu glauben, dass sie das lebendige Wort Gottes für uns enthält; dass sie ein „inspiriertes“ Buch ist, was heißen will: ein sehr wohl von menschlichen Autoren mit all ihren Beschränkungen geschriebenes Buch, aber eben unter dem direkten Einfluss Gottes. Wir haben es also mit einem zutiefst menschlichen und gleichzeitig göttlichen Buch, das zum Menschen aller Zeiten spricht, ihm den Sinn des Lebens und des Todes offenbart.

Vor allem offenbart es ihm die Liebe Gottes. Würden alle Bibeln der Welt, so sagte der hl. Augustinus, durch einen Katastrophe zerstört und bliebe nur ein einziger Band übrig, und wäre von diesem auch nur eine Seite lesbar und von dieser einen Seite nur eine einzige Zeile; wäre diese Zeile jene aus dem ersten Johannesbrief, wo geschrieben steht: „Gott ist die Liebe“, so wäre die ganze Bibel gerettet, da sie in diesem Satz zusammengefasst ist. Dies erklärt, warum sich so viele Menschen der Bibel ohne Kultur, ohne große Studien, in aller Einfachheit nähern und glauben, dass es der Heilige Geist ist, der in ihr spricht, und so Antworten auf ihre Fragen finden; Licht, Ermutigung, ja mit einem Wort: Leben.

Die beiden Weisen, sich der Bibel zu nähern – die gebildete und die aus dem Glauben – schließen einander nicht aus, im Gegenteil: Sie müssen beieinander bleiben. Es ist notwendig, die Bibel zu studieren, die Arten, in denen sie interpretiert wird (oder die Ergebnisse derer zu beachten, die sie so studieren), um nicht dem Fundamentalismus zu verfallen. Der Fundamentalismus besteht darin, die Verse der Bibel so zu nehmen, wie sie sich anhören, und sie so auf die heutigen Umstände anzuwenden, ohne der kulturellen und zeitlichen Unterschiede beziehungsweise der verschiedenen literarischen Genera der Bibel Rechnung zu tragen. Man würden dann zum Beispiel glauben, dass die Welt nur wenig mehr als 4.000 Jahre alt ist, da dies die Zahl ist, die sich aus der Bibel ergibt, während wir wissen, dass die Welt mehrere Milliarden von Jahren alt ist. Die Bibel ist nicht geschrieben worden, damit man Wissenschaft betreibt, sondern um das Heil zu schenken. Gott hat in der Bibel so gesprochen, dass die Menschen aller Zeit es verstehen können: Er hat nicht nur für die Menschen der technischen Zeitalters geschrieben.

Die Bibel nur zu einem Gegenstand des Studiums und der Bildung zu machen und dabei angesichts ihrer Botschaft neutral zu bleiben, bedeutet andererseits, sie zu töten. Das wäre so, als würde ein Verlobter, der einen Liebesbrief von seiner Freundin erhalten hat, diesen mit Hilfe eines Wörterbuches, unter dem Gesichtspunkt der Grammatik und des Syntax untersuchen und dabei stehen bleiben, ohne die Liebe zu erkennen, die aus ihm spricht. Die Bibel „ohne Glauben“ zu lesen ist, als würde man ein Buch im Dunkel der Nacht aufschlagen: Man kann nichts lesen, oder wenigstens liest man nicht das Wesentliche. Die Schrift „mit Glauben“ lesen bedeutet, sie mit Blick auf Christus zu lesen und auf jeder ihrer Seiten das zu erfassen, was sich auf ihn bezieht. Gerade so, wie er selbst es mit den Emmausjüngern machte.

Jesus ist in zweifacher Art unter uns geblieben: in der Eucharistie und in seinem Wort. In beiden ist er „gegenwärtig“: in der Eucharistie in der Gestalt von Brot und Wein, und im Wort in Gestalt von Licht und Wahrheit. Das Wort hat gegenüber der Eucharistie einen großen Vorteil. Zur Kommunion können sich nur diejenigen begeben, die schon glauben und im Stand der Gnade sind; dem Wort Gottes hingegen können sich alle nähern, Gläubige wie Nichtgläubige, Verheiratete wie Geschiedene. Ja, mehr noch: Der normalste Weg, um zum Glauben zu kommen, besteht gerade darin, das Wort Gottes zu hören.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestelltes Original]