P. Raniero Cantalamessa: „Der christliche Gott ist einer und dreifaltig!“

Kommentar zum Dreifaltigkeitssonntag (Lesejahr A)

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ROM, 16. Mai 2008 (ZENIT.org).- Am Sonntag nach Pfingsten wird nicht nur die göttliche Dreifaltigkeit gefeiert, sondern zugleich die Einheit Gottes. Das erklärt der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., in seinem Kommentar zum Festtag (Ex 34,4b-6.8-9; 2 Kor 13,11-13; Joh 3,16-18). Die Dreifaltigkeit mache auf die drei göttlichen Personen aufmerksam, die Einheit auf das Wesen Gottes.  

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Die Dreifaltigkeit, Schule der Beziehung

Warum glauben die Christen an die Dreifaltigkeit? Ist es nicht schon ziemlich schwierig, an die Existenz Gottes zu glauben? Sollte man dem noch das Problem hinzufügen, dass er „einer und dreifaltig“ ist? Es gibt heutzutage einige, denen es nicht missfiele, würde man die Dreifaltigkeit beiseite lassen – auch schon deshalb, um mit Juden und Muslimen besser ins Gespräch zu kommen, die den Glauben an Gott bekennen, der im strengen Sinne einer ist.

Die Antwort ist, dass die Christen an den dreifaltigen Gott glauben, weil sie glauben, dass Gott die Liebe ist! Wenn Gott die Liebe ist, so muss er jemanden lieben! Es gibt keine in die Leere gehende Liebe, eine Liebe, die nicht an jemanden gerichtet wäre. Wir fragen uns daher: Wen liebt Gott, so dass er als „Liebe“ definiert werden kann? Eine erste Antwort könnte lauten: Er liebt die Menschen.  Aber die Menschen gibt es erst seit ein paar Millionen Jahren, nicht länger. Wen liebte Gott vor dieser Zeit? Es ist nämlich unmöglich, dass er zu einem bestimmten Zeitpunkt begonnen hätte, Liebe zu sein, da Gott sich nicht verändern kann. Zweite Antwort: Er liebte den Kosmos, das Universum. Aber das Universum existiert erst seit einigen Milliarden Jahren. Wenn liebte Gott also vorher? Wir können nicht sagen, dass er sich selbst liebte, denn sich selbst zu lieben, ist keine Liebe, sondern Egoismus oder – wie die Psychologen sagen – Narzissmus.

Und hier ist die Antwort der christlichen Offenbarung: Gott ist die Liebe in sich selbst, vor aller Zeit, weil er von jeher in sich selbst einen Sohn hat – das Wort, das er in einer unendlichen Liebe liebt, die der Heilige Geist ist. In jeder Liebe gibt es immer drei Wirklichkeiten oder Subjekte: einen, der liebt; einen, der geliebt wird, und die Liebe, die sie eint. Wo man sich Gott als eine absolute Macht vorstellt, bedarf es keiner weiteren Personen, da Macht sehr wohl alleine ausgeübt werden kann; so ist es nicht, wenn Gott als absolute Liebe verstanden wird.

Die Theologie hat sich der Begriffe „Natur“ oder „Substanz“ bedient, um die Einheit in Gott zum Ausdruck zu bringen, und sie bediente sich des Begriffs der „Person“, um auf die Unterschiede hinzuweisen. Deshalb sagen wir, dass unser Gott ein Gott in drei Personen ist. Die christliche Lehre von der Dreifaltigkeit ist kein Rückschritt und auch kein Kompromiss zwischen Monotheismus und Polytheismus. Sie ist im Gegenteil ein Schritt nach vorne, und Gott allein ist es zu verdanken, dass der menschliche Geist ihn machen konnte.

Die Betrachtung der Dreifaltigkeit kann unser menschliches Leben positiv beeinflussen. Sie ist ein Beziehungsgeheimnis. Die göttlichen Personen werden von der Theologie als „subsistierende Relationen“ bestimmt. Das bedeutet, dass die göttlichen Personen keine Relationen, Beziehungen „haben“, sondern dass sie selbst diese Relationen oder Beziehungen „sind“. Wir Menschen haben Beziehungen: das Kind zum Vater, die Ehefrau zum Ehemann usw. Aber wir erschöpfen uns nicht in diesen Beziehungen, wir existieren auch außerhalb von ihnen und ohne sie. Nicht so der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Das Glück oder Unglück hier auf Erden hängt in starkem Maße von der Qualität unserer Beziehungen ab. Die Dreifaltigkeit offenbart uns das Geheimnis, um schöne Beziehungen zu haben. Was eine Beziehung schön, frei und befriedigend macht, ist die Liebe in ihren verschiedenen Ausdrucksformen. Hier sieht man, wie wichtig es ist, dass Gott in erster Linie als Liebe verstanden wird und nicht als Macht: Liebe schenkt, Macht aber beherrscht. Das, was eine Beziehung vergiftet, ist die Herrschsucht über den anderen, der Besitzanspruch, der Wille, ihn zu einem Mittel zu degradieren, statt ihn aufzunehmen und sich selbst zu schenken.

Ich muss eine wichtige Beobachtung hinzufügen: Der christliche Gott ist einer und dreifaltig! Dies ist also das Fest auch der Einheit Gottes, nicht nur das Fest seiner Dreifaltigkeit. Auch wir Christen glauben „an den einen Gott“. Allerdings ist die Einheit, an die wir glauben, keine zahlenmäßige Einheit, sondern eine Einheit des Wesens. Sie ähnelt mehr der Einheit der Familie als der des Individuums, mehr der Einheit der Zelle als der des Atoms.

Die erste Lesung des Festtages stellt uns den biblischen Gott als einen „barmherzigen und gnädigen Gott vor, langmütig, reich an Huld und Treue“. Das ist der Charakterzug, der den Gott der Bibel, den Gott des Islams und den Gott (oder besser gesagt: die Religion) des Buddhismus miteinander verbindet und der sich daher am ehesten zum Dialog und zur Stärkung der Zusammenarbeit unter den großen Religionen eignet.

Jede Sure des Korans beginnt mit der Anrufung: „Im Namen Gottes, des barmherzigen, der voller Mitleid ist“. Im Buddhismus, der die Vorstellung eines persönlichen Gottes und Schöpfers nicht kennt, ist das Fundament anthropologisch und kosmisch: Der Mensch muss aus Solidarität und Verantwortung barmherzig sein, die ihn mit allen Lebewesen verbinden.

Die heiligen Kriege der Vergangenheit und der religiöse Terrorismus von heute sind ein Verrat, keine Verteidigung des eigenen Glaubens. Wie kann man im Namen Gottes töten, den man weiterhin als den „barmherzigen, der voller Mitleid ist“, anruft? Die dringlichste Aufgabe des interreligiösen Dialogs besteht darin, dass die Gläubigen aller Religionen in der Förderung des Friedens und des Wohls der Menschheit gemeinsam voranschreiten.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]