P. Raniero Cantalamessa: Der Glaube an Christus heute und in den Anfängen der Kirche

Erste Adventspredigt 2005 vor dem Papst und dessen Mitarbeitern in der Römischen Kurie

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ROM, 9. Januar 2005 (ZENIT.org).- Nachträglich veröffentlichen wir die erste Betrachtung, die P. Raniero Cantalamessa OFMCap, Prediger des Päpstlichen Hauses, am 2. Dezember vor Papst Benedikt XVI. und dessen Kurienmitarbeitern hielt.



In der Kapelle \"Redemptoris Mater\" des Apostolischen Palasts betonte der Kapuzinerpater die Notwendigkeit, sich bewusst für Jesus Christus zu entscheiden und ihn als den Herrn des eigenen Lebens zu erwählen.

Die Zusammenfassung dieser ersten Adventspredigt von P. Cantalamessa wurde von ZENIT am 2. Dezember 2005 veröffentlicht, die anderen erschienen in voller Länge am 9., am 16. sowie am 24. Dezember 2005.

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Heiliger Vater, in diesem Augenblick möchte ich zuallererst zwei Dinge tun: Mich bei Ihnen für Ihr großes Vertrauen bedanken, das sie mir durch Ihre Bitte, das Amt des Predigers des Päpstlichen Hauses weiterzuführen, entgegengebracht haben. Und ich möchte Ihnen, dem Nachfolger des Apostels Petrus, meinen vollen Gehorsam und meine vollkommene Treue zusichern.

Ich glaube, es gibt keine schönere Weise, den Beginn eines neuen Pontifikats zu begrüßen, als damit, dass man jenes Ereignis in Erinnerung zu rufen und nachzustellen versucht, bei dem Christus das Primat des Petrus eingesetzt hat. Simon wird in dem Augenblick Kephas, der Fels, in dem er auf Eingebung von Gott Vater hin seinen Glauben an den göttlichen Ursprung Jesu Christi bekennt. \"Auf diesem Felsen\" – mit diesen Worten paraphrasiert Augustinus die Worte Jesu – \"werde ich den Glauben gründen, den du bekannt hast. Ich werde meine Kirche auf der Tatsache gründen, dass du gesagt hast: \'Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes\'\" (Augustinus, Sermon 295,1 [PL 38,1349].

Deshalb habe ich für unsere Predigtreihe im Advent das Thema \"Der Glaube an Christus\" gewählt. In dieser ersten Betrachtung werde ich versuchen, die aktuelle Situation dieses Glaubens an Christus in der heutigen Gesellschaft zu skizzieren sowie das Heilmittel aufzuzeigen, das uns das Wort Gottes nahe legt, um dieser Situation angemessen zu begegnen. Bei unseren darauf folgenden Begegnungen werden wir dann darüber nachdenken, was uns der Christusglaube eines Johannes und Paulus, des Konzils von Nicäa sowie der Glaube von Maria, der Mutter Jesu, heute sagen kann.

1. An- und Abwesenheit Christi

Welche Rolle spielt Jesus in unserer gegenwärtigen Gesellschaft und Kultur? Ich glaube, dass man diesbezüglich sowohl von einer Anwesenheit als auch von einer Abwesenheit Christi sprechen kann. Bis zu einem bestimmten Grad – und zwar dem der Massenmedien im Allgemeinen – ist Jesus Christus heute sehr präsent: Gemäß dem Titel eines bekannten Musicals über ihn ist er nicht weniger als ein \"Superstar\". In einer unendlichen Reihe von Geschichten, Filmen und Büchern manipulieren die Autoren die Gestalt Christi, manchmal sogar unter dem Vorwand geradezu phantastischer neuer historischer Dokumente über ihn.

Das Buch \"Sakrileg\" stellt den jüngsten und aggressivsten Versuch innerhalb dieser langen Reihe dar, die zu einer Mode geworden ist, zu einer literarischen Gattung. Man spekuliert über die breite Resonanz, die der Name Jesu hat, und darüber, was er einem großen Teil der Menschheit bedeutet, um sich mit geringem Aufwand ein großes Publikum zu sichern. Und das ist literarisches Schmarotzertum.

Von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet können wir also sagen, dass Jesus Christus in unserer Kultur sehr gegenwärtig ist. Aber wenn wir uns dem Bereich des Glaubens zuwenden, dem er zuallererst zugehört, müssen wir hingegen eine beunruhigende Abwesenheit feststellen, wenn nicht sogar die totale Zurückweisung seiner Person.

Vor allem im theologischen Bereich. Eine bestimmte theologische Strömung vertritt die Auffassung, dass Christus gekommen sei, nicht um die Juden zu erlösen (dafür reiche es aus, dem Alten Bund treu zu bleiben), sondern ausschließlich zur Erlösung der Heiden. Gemäß einer anderen Strömung wäre er nicht einmal für die Erlösung der Heiden notwendig, da diese dank ihrer Religion in direkter Beziehung mit dem ewigen Logos stünden und deshalb des Fleisch gewordenen Wortes und seines Ostergeheimnisses nicht bedürften. Man muss sich also wirklich fragen: Wer hat Christus denn eigentlich noch nötig?!

Weitaus Besorgnis erregender ist aber das, was man in der Gesellschaft im Allgemeinen wahrnehmen kann – sogar bei denen, die sich \"gläubige Christen\" nennen. An wen glauben denn diejenigen wirklich, die sich in Europa und anderswo als \"Gläubige\" bezeichnen? In den allermeisten Fällen glauben sie an die Existenz eines höheren Wesens, eines Schöpfers; sie glauben daran, dass es ein \"Jenseits\" gibt. Aber das ist ein deistischer Glaube und noch nicht ein christlicher. Wenn wir die berühmte Unterscheidung von Karl Barth ernst nehmen, dann können wir sagen, dass das zwar Religion ist, aber noch kein Glaube. Verschiedene soziologische Studien nehmen diese Situation sogar in den Ländern und Regionen christlicher Tradition wahr, wie etwa in der Gegend, wo ich selbst geboren wurde. In der Praxis ist Jesus Christus in einer derartigen Religiosität nicht zugegen.

Sogar der Dialog zwischen Wissenschaft und Glaube, der heute wieder so aktuell ist, klammert Christus aus, ohne es zu wollen. De facto ist das Objekt dieses Dialogs Gott, der Schöpfer. Die historische Gestalt von Jesus von Nazaret hat dort nichts verloren. Dasselbe geschieht im Dialog mit der Philosophie, die es vorzieht, sich mit metaphysischen Konzepten zu beschäftigen als mit historischen Gegebenheiten.

Kurz gesagt: Das, was sich heute auf einer weltweiten Ebene abspielt, ist genau dasselbe, was sich im Areopag von Athen zutrug, als Paulus dort gepredigt hat. Solange der Apostel von Gott sprach, \"der die Welt erschaffen hat und alles in ihr\" und von dessen Art wir sind, hörten ihm die gebildeten Athener interessiert zu. Als er aber von Jesus Christus zu sprechen kam, der von den Toten auferweckt wurde, entgegneten sie ihm höflich: \"Darüber wollen wir dich ein andermal hören\" (vgl. Apg 17,22-32).

Ein Blick in das Neue Testament genügt, um zu begreifen, wie weit entfernt wir in diesem Fall von der Bedeutung sind, die das Wort \"Glaube\" ursprünglich im Neuen Testament hat. Für Paulus ist der Glaube, der die Sünder gerecht macht und den Heiligen Geist erlangt (vgl. Gal 3,2), also der Glaube, der rettet, eben der Glaube an Jesus Christus und das Ostergeheimnis seines Todes und seiner Auferstehung. Auch für Johannes ist der Glaube, \"der die Welt besiegt hat\", der Glaube an Jesus Christus. Und so schreibt er: \"Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist?\" (1 Joh 5,4-5).

Angesichts der heutigen Situation besteht unsere erste große Aufgabe darin, die allerersten zu sein, die einen großen Glaubensakt tun. \"Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt\" (Joh 16,33), hat Jesus zu uns gesagt. Und er hat nicht nur die Welt von damals besiegt, sondern die Welt von immer, und zwar alles, was sie an Opposition und Widerstand gegen das Evangelium in sich trägt. Deshalb: Keine Angst und keine Resignation. Die immer wieder aufkommenden Prophezeiungen über das unausweichliche Ende der Kirche und des Christentums in der Technologie-Gesellschaft von morgen bringen mich zum Schmunzeln. Die Verheißung, auf die wir setzen, ist von weit größerer Autorität: \"Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen\" (Mt 24,35).

Allerdings dürfen wir nicht untätig bleiben; wir müssen unsere Arbeit aufnehmen, um angemessen auf die Herausforderungen zu reagieren, denen der Glaube an Christus heute gegenübersteht. Um die \'postchristliche\' Welt zu \'re-evangelisieren\', ist es unerlässlich, jenen Weg zu kennen, den die Apostel beschritten haben, um die \'prächristliche\' Welt zu \'evangelisieren\'! Die beiden Situationen haben viel gemein. Und genau das ist es, was ich näher beleuchten möchte: Wie wurde die erste Evangelisierung ausgeführt? Welchen Weg nahm der Glaube an Christus, um die Welt zu erobern?

2. Kerygma und Didache

Alle Autoren des Neuen Testaments zeigen, dass sie beim Leser die Existenz und die Kenntnis einer gemeinsamen Tradition (\"paradosis\") voraussetzen, die bis zum irdischen Jesus zurückgeht. Diese Tradition hat zwei Aspekte: Bei dem einen Bestandteil handelt es sich um die \"Predigt\" oder die Verkündigung (\"kerygma\"), in der das verkündet wird, was Gott in Jesus von Nazareth gewirkt hat, der andere Bestandteil ist die \"Lehre\" (\"didaché\"), in der den Gläubigen die ethischen Normen für ein rechtes Handeln dargelegt werden (vgl. C.H. Dodd, \"Storia ed Evangelo\" [\"Geschichte und Evangelium\"], Brecia, Paideia 1976, 42 ff.). Mehrere Paulusbriefe spiegeln diese Zweiteilung wider, insofern sie einen kerygmantischen ersten Teil beinhalten, aus dem ein zweiter Teil hervorgeht, der parenthetischen oder praktischen Charakter hat.

Die Predigt oder das Kerygma wird \"Evangelium\" genannt (vgl. z.B. Mk 1,1; Röm 15,19; Gal 1,7), die Lehre oder Didache dagegen \"Gesetz\" oder Gebot Christi, dessen Zusammenhang die Liebe ist (vgl. Gal 6,2; 1 Kor 7,25; Joh 15,12; 1 Joh 4,21). Von diesen beiden Dingen verleiht das erste – das Kerygma oder Evangelium – der Kirche ihren Ursprung, während das zweite, das dem ersten entspringt – das Gesetz oder die Liebe –für die Kirche das Ideal eines moralischen Lebens zeichnet, das den Glauben der Kirche \"formt\". In diesem Sinne bezeichnet der Apostel sein Werk vor den Korinthern als das Werk ihres \"Vaters\" im Glauben und unterscheidet es von dem der \"Erzieher\", die nach ihm kommen. Er sagt: \"Denn in Christus Jesus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden!\" (1 Kor 4,15).

Der Glaube kann als solches sich also nur in Gegenwart des Kerygmas oder der Verkündigung entwickeln und entfalten. \"Wie sollen sie an den glauben\", schreibt der Apostel und bezieht sich dabei auf den Glauben an Christus, \"von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?\" (Röm 10,14). Wortwörtlich: \"Wenn es niemanden gibt, der das Kerygma (choris keryssontos) verkündet\". Und er schließt mit den Worten: \"So gründet der Glaube in der Botschaft [im Hören der Botschaft]\" (Röm 10,17), wobei mit \"Botschaft\" dasselbe gemeint ist wie mit \"Evangelium\" beziehungsweise dem Kerygma.

In seinem Buch \"Einführung in das Christentum\" wirft der Heilige Vater Benedikt XVI., damals Theologieprofessor, Licht auf die tiefen Implikationen dieser Tatsache. Er schreibt: \"In der Formel \'Der Glaube kommt vom Hören\' … wird der grundlegende Unterschied zwischen Glaube und bloßer Philosophie deutlich … Es gibt im Glauben einen Vorrang des Wortes vor dem Gedanken… In der Philosophie geht der Gedanke dem Wort voraus, ist sie doch Produkt des Nachdenkens, das man dann in Worte zu bringen versucht… Glaube tritt hingegen von außen an den Menschen heran… Er ist – sagen wir das noch einmal – nicht das selbst Erdachte, sondern das mir Gesagte, das mich als das nicht Ausgedachte und nicht Ausdenkbare trifft, ruft, in Verpflichtung nimmt\" (Josef Ratzinger, \"Einführung in das Christentum\", München 1968, 82-83).

Glaube kann also entstehen, wenn man die Botschaft, die gepredigt wird, vernimmt. Aber was genau ist das Objekt dieser \'Predigt\'? Die große Neuigkeit, die Jesus verkündet und die der Boden für seine Gleichnisse ist, aus dem all seine Lehren hervorgehen, ist bekannt: \"Das Reich Gottes ist schon zu euch gekommen!\" Aber was verkünden die Apostel? Die Antwort ist: jenes Werk, das Gott in und durch Jesus von Nazaret wirkt. Aber es gibt da noch etwas Konkreteres: die Keimzelle, aus der alles hervorgeht und die im Vergleich zu allem anderen wie das Pflugmesser ist, das zuerst die Erde auflockert, damit der Pflug die Furche ziehen und die Erde beiseite schieben kann.

Diese noch konkretere Keimzelle ist der Ausruf: \"Jesus ist der Herr!\", der im Staunen eines Glaubens \"in statu nascendi\", also eines gerade entstehenden Glaubens, ausgesprochen und angenommen wird. Das Geheimnis dieses Wortes ist derart, dass es keiner auszusprechen vermag, \"wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet\" (1 Kor 12,3). Dieses Wort allein kann demjenigen Erlösung bringen, der an die Auferstehung glaubt: \"Denn wenn du mit deinem Mund bekennst: \'Jesus ist der Herr\' und in deinem Herzen glaubst: \'Gott hat ihn von den Toten auferweckt\', so wirst du gerettet werden\" (Röm 10,9).

\"Wie sich das Kielwasser eines Schiffes\" – so würde Charles Péguy sagen – \"immer mehr ausbreitet, bis es schließlich verschwindet und sich verliert, aber in einem kleinen Punkt beginnt, mit der Spitze des Buges\", so – und das füge ich hinzu –beginnt auch die Verkündigung der Kirche in einem kleinen Punkt, dem Kerygma: \"Jesus ist der Herr!\", und wird immer umfassender, bis sie zu einem riesigen Lehrgebäude geworden ist.

Deshalb wird das, was in der Verkündigung Jesu der Ausruf \"Das Reich Gottes ist schon zu euch gekommen!\" in der Verkündigung der Apostel zum Ausruf \"Jesus ist der Herr!\" Und dennoch gibt es hier keinen Gegensatz, sondern vollkommene Kontinuität zwischen Jesus, der predigt, und dem gepredigten Christus. Denn wenn man sagt: \"Jesus ist der Herr!\", dann ist das so, als würde man sagen, dass das Reich und die Herrschaft Gottes im gekreuzigten und auferstandenen Jesus zur Vollendung gelangt sind.

Das müssen wir gut verstehen, um nicht den Fehler zu begehen, eine irreale Rekonstruktion der apostolischen Verkündigung vorzunehmen. Nach dem Pfingstfest bereisten die Apostel nicht die ganze Welt, um immer wieder ausschließlich zu wiederholen: \"Jesus ist der Herr!\" Was sie tatsächlich machten, als sie sich zum ersten Mal den Glauben in einem ganz konkreten Umfeld verkündigen sahen, war vielmehr direkt zum Kern des Evangeliums zu gehen, indem sie zwei Ereignisse verkündeten: Jesus starb und ist auferstanden. Und sie erklärten auch das dahinter stehende Motiv: Jesus ist \"wegen unserer Sünden\" gestorben und \"wegen unserer Gerechtmachung\" auferstanden (vgl. 1 Kor 15,3-4; Röm 4,25). Diese Angelegenheit dramatisiert Petrus, der in der Apostelgeschichte nichts anderes tut als vor seinen Zuhörern immer wieder zu wiederholen: \"Jesus, den Nazoräer (…), habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht (…).Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt\" (vgl. Apg 2,22-36; 3,14-19; 10,39-42).

Der Ausruf \"Jesus ist der Herr!\" ist somit nichts anderes als das Fazit – mal implizit, mal explizit – dieser kurzen Geschichte, die auf immer lebendige und neue Weise erzählt wird und dabei substantiell gleich bleibt. Und zugleich handelt es sich auch um die Zusammenfassung dieser Geschichte, die durch den Ausruf für den Hörer gleichsam wirksam gemacht wird. \"Christus Jesus… entäußerte sich… und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht…, damit jeder Mund bekennt: \'Jesus Christus ist der Herr\'\" (Phil 2,5-11).

Der Ausruf \"Jesus ist der Herr!\" allein macht also nicht die gesamte Verkündigung aus, ist aber deren Seele und sozusagen die Sonne, die sie erleuchtet. Durch diese Wortpartikel wird eine gewisse Gemeinschaft mit der Geschichte Christi hergestellt, was per Analogie an jene Gemeinschaft denken lässt, die durch die Brotpartikel der Eucharistie im Leib Christi gewirkt wird.

Zum Glauben gelangen heißt, die Augen plötzlich und staunend diesem Licht zu öffnen. Tertullian beschreibt den Moment seiner Bekehrung als das Heraustreten aus dem großen dunklen Schoß der Unwissenheit, bei dem man über das Licht der Wahrheit erschrickt (Tertullian, \"Apologeticum\"39,9: \"ad lucem expavescentes veritatis\") – so als betrete man eine völlig neue Welt. Der erste Petrusbrief umschreibt diesen Vorgang mit dem Ruf \"aus der Finsternis in sein wunderbares Licht\" (1 Petr 2,9; vgl. Kol 1,12 ff.).

Das Kerygma besitzt, wie Exeget Heinrich Schlier treffend erklärt hat, einen autoritativen Aussagecharakter, keinen diskursiven oder dialektischen. Deshalb muss es sich nicht mit philosophischen oder apologetischen Argumentationen selbst beweisen: Es wird akzeptiert oder nicht akzeptiert, und das ist es. Es handelt sich nicht um etwas, was einfach abgetan werden kann, denn es ist ja selbst jenes Element, das allem anderen zugrunde liegt. Und es kann von niemandem gegründet werden, denn es ist Gott selbst, der es ins Leben ruft, und es ist das, was später die Grundlage für das gesamte Sein ist (vgl. H. Schlier, \"Kerygma e Sophia\" [\"Kerygma und Weisheit\"], in: \"Il Tempo della Chiesa\" [\"Die Zeit der Kirche\"], Bologna, 1968, 330-372).

Verärgert schrieb diesbezüglich der Heide Celsus im zweiten Jahrhundert: \"Die Christen verhalten sich wie Menschen, die ohne Vernunft glauben. Einige von ihnen wollen weder Argumente vorlegen für das, was sie glauben, noch Argumente annehmen, und sie verwenden Formeln wie: \'Diskutiere nicht, sondern glaube; der Glaube wird dich retten. Die Weisheit dieses Zeitalters ist ein Übel und Einfachheit ein Gut\'\" (Origines, \"Contra Celsum\" I,9).

Celsus (der hier den modernen Anhängern des schwachen Denkens außerordentlich nahe zu stehen scheint) wollte im Grunde, dass die Christen ihren Glauben auf dialektische Weise vorlegen, dass sie ihn also in allem und für alles der Untersuchung und der Diskussion unterwerfen, damit er in den allgemeinen, auch philosophisch annehmbaren Rahmen passt, den Mensch und Welt autonom zu verstehen zu suchen, eine Welt, die immer provisorisch und offen bleiben wird.

Natürlich bezieht sich der Widerstand der Christen dagegen, Beweise vorzulegen und sich in Diskussionen einzulassen, nicht auf den gesamten Glaubensweg, sondern nur auf dessen Beginn. In der Zeit der Apostel gingen sie weder Konfrontationen aus dem Weg noch scheuten sie sich, \"jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt\", die sie zutiefst erfüllte (vgl. 1 Petr 3,15), selbst den Griechen gegenüber. Die Apologeten des zweiten und dritten Jahrhunderts sind die Bestätigung dafür. Sie dachten nur, dass der Glaube selbst eben nicht aus der Konfrontation erwachsen kann, sondern dass er ihr vorausgehen sollte, als Werk des Heiligen Geistes und nicht der Vernunft. Letztere kann ihn höchstens vorbereiten und, wenn der Glaube einmal angenommen ist, seine \"Vernünftigkeit\" zeigen.

Wir haben gesehen, dass anfänglich das Kerygma von der Lehrtätigkeit (didaché) und der Katechese unterschieden wurde. Während die letzten beiden Dinge darauf abzielen, den Glauben zu formen oder ihn rein zu halten, zielt das Kerygma darauf ab, den Glauben zu wecken. Es besitzt gewissermaßen etwas Explosives und ist wie eine Keimzelle. Das Kerygma ähnelt eher dem Samen, aus dem der Baum hervorgeht, als der reifen Frucht in der Baumkrone und bedeutet im Christentum vor allem Liebe. Das Kerygma erhält man nicht, wenn man eine Zusammenfassung oder Inhaltsangabe macht, so als handle es sich um das Herzstück der gesamten Tradition, sondern es steht abseits, oder besser noch am Anfang von allem. Von ihm geht alles aus, sogar die vier Evangelien.

Aufgrund der allgemeinen kirchlichen Situation kam es in diesem Punkt zu einem Entwicklungsstillstand. In dem Maße, in dem sich mehr und mehr eine christliche Ordnung ausprägt, in der das gesamte Umfeld christlich geprägt ist oder sich so versteht, sieht man weniger, wie wichtig die anfängliche Entscheidung ist, durch die man Christ wird – vor allem da die Taufe normalerweise Kindern gespendet wird, die selbst nicht in der Lage sind, diese Entscheidung zu treffen. Deshalb wird nicht so sehr der Anfangsmoment des Glaubens betont, das Wunder, gläubig zu werden, sondern vielmehr die Fülle und Orthodoxie der Glaubensinhalte selbst.

3. Das Kerygma wiederentdecken

Das Gesagte hat große Auswirkungen auf die Evangelisierung von heute. Die Kirchen, die eine ausgeprägte dogmatische und theologische Tradition haben (das ist die katholische Kirche par excellence), laufen Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten, wenn sie unter diesem riesigen Erbe von Lehren, Gesetzen und Institutionen nicht den Ursprungskern finden, der imstande ist, Glauben hervorzubringen.

Geht man mit der ganzen Breite der Lehre auf den Menschen von heute zu, der oft keine Ahnung von Christus hat, dann ist das, als läge man plötzlich einem Kind eine dieser schweren Goldbrokat-Umhänge um den Rücken. Durch unsere Vorfahren sind wir heute besser darauf vorbereitet, \'Hirten\' zu sein als \'Menschenfischer\', das heißt wir sind besser darauf vorbereitet, die Menschen, die in die Kirche kommen, nähren zu können, als darauf, neue Menschen in die Kirche zu führen oder diejenigen, die sich entfernt haben und nicht auf sie hören, \"zurückzufischen\".

Das ist einer der Gründe, weshalb in gewissen Gegenden der Welt viele Katholiken die katholische Kirche verlassen und sich anderen christlichen Gemeinschaften anschließen: Sie fühlen sich durch eine einfache und wirksame Verkündigung angesprochen und treten auf diese Weise in direkten Kontakt mit Christus, dessen Geist sie machtvoll erfahren.

Wenn es auf der einen Seite erfreulich ist, dass diese Menschen einen solchen Glauben gefunden haben, so ist es auf der anderen Seite traurig, dass sie dafür ihre Kirche verlassen haben. Mit allem Respekt und in aller Wertschätzung, die wir diesen christlichen Gemeinschaften schulden – die nicht alle Sekten sind (mit einigen unterhält die katholische Kirche seit Jahren einen ökumenischen Dialog, was sie mit Sekten nie tun würde) –, muss man doch sagen, dass sie nicht über die Mittel verfügen, die die katholische Kirche besitzt, um die Menschen zur Vollkommenheit des christlichen Lebens hinzuführen.

In vielen dieser Gemeinschaften dreht sich alles, vom Anfang bis zum Ende, um die erste Bekehrung, die so genannte \"neue Geburt\", während das für uns Katholiken nur der Beginn des christlichen Lebens ist. Darauf müssen die Katechese und spiritueller Fortschritt folgen, wobei letzterer über die Selbstverleugnung, die Nacht des Glaubens und das Kreuz bis zur Auferstehung geht. Die katholische Kirche besitzt eine unglaublich reiche Spiritualität, unzählige Heilige, das Lehramt und vor allem die Sakramente.

Es ist also eine Grundlagenverkündigung notwendig, die klar und schlank ist und nicht nur den Katechumenen zuteil werden sollte, sondern allen, und das mindestens ein Mal, da ja die Mehrheit der Gläubigen von heute kein Katechumenat durchwandert hat. Die Gnade, die einige der neuen kirchlichen Bewegungen heute für die Kirche darstellen, besteht genau darin: Sie sind der Ort, wo erwachsene Menschen endlich die Gelegenheit haben, das Kerygma zu hören, die eigene Taufe zu erneuern, sich bewusst für Christus als ihren Herrn und Erlöser zu entscheiden und sich aktiv am kirchlichen Leben zu beteiligen.

Die Ausrufung \"Jesus ist der Herr!\" sollte in jedem wichtigen Moment des christlichen Lebens einen unverrückbaren Platz haben. Wahrscheinlich sind die besten Gelegenheiten Begräbnisse, denn im Angesicht des Todes stellt sich der Mensch bestimmte Fragen und hat ein offenes Herz, das weniger abgelenkt ist als sonst. Nichts vermag dem Menschen so viel über den Tod zu sagen wie das christliche Kerygma, das die angemessene Antwort ist.

Tatsächlich erklingt das Kerygma im feierlichsten Augenblick jeder Heiligen Messe: \"Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.\" Aber allein für sich genommen handelt es sich um einen einfachen Ausruf. Es ist einmal gesagt worden, dass die Evangelien Berichte über die Leidensgeschichte sind, die eine lange Einleitung haben (M. Kähler). Dennoch, und das ist seltsam, wird der ursprünglichste und wichtigste Teil des Evangeliums im Lauf des Jahres am seltensten gelesen und gehört. Die Passion wird nur am Palmsonntag und sonst an keinem gebotenen Sonn- oder Feiertag verlesen, zu dem viele Menschen versammelt sind. Und am Palmsonntag fehlt aufgrund der langen Dauer der Lesung und der liturgischen Feier die Zeit, um eine tiefe Predigt über dieses Thema vorzutragen.

In der heutigen Zeit, in der es die Volksmissionen von früher nicht mehr gibt, ist es möglich, dass ein Christ während seines ganzen Lebens keine einzige Predigt über die Passion hört. Dabei ist es gerade diese Predigt, die gewöhnlich verhärtete Herzen öffnet. Das zeigte sich, als man Mel Gibsons Film \"The Passion of Christ\" vorgeführt hat. Sogar einige Inhaftierte, die ihre Schuld stets geleugnet hatten, bekannten ihre Verbrechen aus freien Stücken, nachdem sie den Film gesehen hatten.

4. Jesus als den Herrn erwählen

Zu Beginn haben wir uns die Frage gestellt: \"Welchen Platz hat Christus in der heutigen Gesellschaft?\" Aber wir dürfen nicht enden, ohne uns selbst jene Frage zu stellen, in diesem Zusammenhang die wichtigste ist: \"Welchen Platz nimmt Christus in meinem Leben ein?\" Erinnern wir uns an das Gespräch Jesu mit den Aposteln in Cäsarea Philippi: \"Für wen halten die Leute den Menschensohn? ... Ihr aber, für wen haltet ihr mich?\" (Mt 16,13-15). Jesus scheint nicht das am wichtigsten zu sein, was die Leute von ihm denken, sondern seine engsten Jünger.

Vorher habe ich den objektiven Grund genannt, warum die Bekundung \"Christus ist der Herr!\" im Neuen Testament von so großer Bedeutung ist: In demjenigen, der dies ausspricht, werden die Heilsereignisse, die damit in Erinnerung gerufen werden, gegenwärtig und wirksam. Aber es gibt außerdem einen subjektiven und existentiellen Grund. Sagt man: \"Jesus ist der Herr!\", so heißt das nämlich, dass man eine Entscheidung trifft. Es ist, als sagte man: \"Jesus Christus ist \'mein\' Herr. Ich erkenne sein Recht an, ganz über mich zu verfügen; ich überlasse ihm die Zügel meines Lebens; ich will nicht länger für mich selbst leben, sondern für ihn, der für mich gestorben und auferstanden ist\" (vgl. 2 Kor 5,15).

Bekennt man sich zu Jesus als seinen Herrn, dann bedeutet das, ihm all das zu unterwerfen, was einen ausmacht, und das gesamte Tun vom Evangelium durchdringen zu lassen. In Erinnerung an ein Wort unseres verehrten Johannes Paul II. heißt das, \"die Türe für Christus zu öffnen, ja aufzureißen\".

Da ich immer wieder bei Familien zu Gast bin, weiß ich, was passiert, wenn das Mobiltelefon klingelt und sich ein unerwarteter Gast ankündigt. Sofort geht der Hausherr daran, die Türen zum unaufgeräumten Zimmer, wo das Bett nicht gemacht wurde, zu schließen, damit er seinen Gast an einem einladenden Ort empfangen kann. Wenn es um Jesus geht, muss genau das Gegenteil getan werden: Wir müssen ihm gerade jene Räume unseres Lebens aufsperren, wo Unordnung herrscht, vor allem das Zimmer mit unseren Absichten. Für wen arbeiten wir und warum machen wir das überhaupt? Für uns selbst oder für Christus? Für unsere eigene Ehre oder um Christus die Ehre zu geben? Das ist die beste Art, um in dieser Adventszeit eine einladende Krippe für Christus vorzubereiten, der zu Weihnachten kommen wird.

[ZENIT-Übersetzung des vom Autor zur Verfügung gestellten italienischen Originals]