P. Raniero Cantalamessa: Der prophetische Dienst des Christen

Kommentar zum zweiten Adventsonntag (Lesejahr C)

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ROM, 8. Dezember 2006 (ZENIT.org).- Das Engagement für soziale Gerechtigkeit und die Verkündigung des Evangeliums gehören zusammen, betont P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, anhand der Lesungen des zweiten Adventsonntags (Bar 5,1-9; Phil 1,4-6;8-11; Lk 3,1-6). Der Kapuzinerpater betrachtet die Gestalt des Johannes des Täufers und lässt auf diese Weise den prophetischen Auftrag jedes Christen klar hervortreten.



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Johannes der Täufer, Prophet des Höchsten

Das Evangelium dieses Sonntags handelt zur Gänze von der Gestalt Johannes des Täufers. Schon bei seiner Geburt wurde Johannes der Täufer von seinem Vater Zacharias als Prophet willkommen geheißen: „Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen; denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten“ (Lk 1,76).

Was hat der Vorläufer getan, dass man ihn einen Propheten nannte, ja sogar den „größten“ unter ihnen (vgl. Lk 7,28)? Vor allem predigte er – ganz im Stil der alten Propheten Israels – gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit. Im Evangelium des nächsten Sonntags werden wir ihn sagen hören: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.“ Zu den Zöllnern, die die Armen so oft mit ihren willkürlichen Zahlungsaufforderungen ausgesaugt haben, sagte er: „Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist.“ Und die Soldaten, die zur Gewalttätigkeit geneigt waren, mahnte er: „Misshandelt niemand, erpresst niemand“ (Lk 3,11-14).

Die Worte über die Berge und Hügel, die sich senken, und die Schluchten, die ausgefüllt werden sollen, sowie jene über das Krumme, das gerade werden soll, können wir heute ebenfalls in diesem Sinn verstehen: „Jeder ungerechte soziale Unterschied zwischen den Ärmsten (den Bergen) und den Ärmsten (den Schluchten) muss beseitigt oder zumindest verringert werden; die krummen Wege der Korruption und des Betrugs müssen gerade werden.“

Bis hierhin fällt es uns sehr leicht, eine klare Vorstellung von dem zu haben, was einen Propheten ausmacht: Prophet ist, wer die Wende einleitet, die Fehlentwicklungen des Systems anprangert und gegen jede Art von Macht – sei sie religiöser, wirtschaftlicher oder militärischer Natur – seinen Finger erhebt und es wagt, dem Tyrannen ins Gesicht zu sagen: „Du hattest nicht das Recht!“ (Mt 14,4).

Aber Johannes der Täufer macht noch etwas: Er schenkt dem Volk die „Erfahrung des Heils in der Vergebung der Sünden“ (vgl. Lk 1,77). Aber dies könnte uns zur Frage veranlassen, wo sich denn hierin eine Prophezeiung erkennen ließe. Die Propheten haben ja immer ein Heil angekündigt, das in der Zukunft liegt; Johannes der Täufer aber kündigt nicht ein zukünftiges Heil an, sondern er verweist auf eines, das bereits gegenwärtig ist. Johannes ist es, der auf jemanden zeigt und dabei ausruft: „Er ist es“ (Joh 1,30). Er, der jahrundertelang erwartet worden ist, er ist da! Was für ein Beben musste an diesem Tag wohl die Leiber der Anwesenden erschüttert haben, die ihn so sprechen hörten!

Die traditionellen Propheten haben ihren Zeitgenossen geholfen, die Mauer der Zeit zu überspringen und in die Zukunft zu blicken; Johannes aber hilft ihnen, eine noch viel dickere Mauer zu überwinden: die Mauer der widersprüchlichen Erscheinung, denn er ermöglicht es, den Messias zu erkennen, der verborgen unter der Gestalt eines Menschen wie jeder andere daherkommt. Der Täufer leitet damit die neue christliche Prophezeiung ein, die nicht in der Verkündigung eines zukünftigen Heils („am Ende der Zeiten“) besteht, sondern darin, die versteckte Gegenwart Christi in der Welt zu offenbaren.

Was heißt das alles für uns? Es bedeutet, dass diese beiden Aspekte des prophetischen Dienstes auch in unserem Leben vereint sein sollen: der Einsatz für soziale Gerechtigkeit auf der einen Seite und die Verkündigung des Evangeliums auf der anderen. Wir dürfen diese Aufgabe nicht in der Mitte „durchschneiden“, weder im einen noch im anderen Sinn. Eine Verkündigung Christi, die nicht von der Bemühung um die Förderung des Menschlichen begleitet wird, bliebe fleischlos und wenig glaubwürdig, und das Eintreten für Gerechtigkeit, dem die Glaubensverkündigung und der erneuernde Kontakt mit dem Wort Gottes fehlt, würde sich schnell erschöpfen oder zu einer sterilen Antwort verkommen.

Darüber hinaus wird uns damit gesagt, dass die Verkündigung des Evangeliums und der Kampf um Gerechtigkeit nicht wie zwei verschiedene Sachen nebeneinander stehen dürfen, als wären sie nicht miteinander verbunden. Gerade das Evangelium muss uns ja dazu antreiben, für den Respekt des Menschen einzutreten, so dass es jedem möglich wird, „das Heil zu sehen, das von Gott kommt“ (vgl. Lk 3,6). Johannes der Täufer predigte nicht als sozialer Aufwiegler gegen die Missbräuche seiner Zeit, sondern als Herold des Evangeliums, um „das Volk für den Herrn bereit zu machen“ (Lk 1,17).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]