P. Raniero Cantalamessa: Der Sinn des Todes und das ewige Leben

Kommentar zum Evangelium des fünften Ostersonntags (Lesejahr A)

| 660 klicks

ROM, 18. April 2008 (ZENIT.org).- Der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., nimmt den Text des Evangeliums vom fünften Sonntag der Osterzeit (Apg 6,1-7; 1 Ptr 2,4-9; Joh 14,1-12) zum Ausgangspunkt für eine Reflexion über den christlichen Sinn des Todes. Für den Christen ist das ewige Leben eine volle Gemeinschaft, mit Leib und Seele, mit dem auferstandenen Christus sein, im Teilen seiner Herrlichkeit und Freude.

 

* * *

Im Buch Genesis ist zu lesen, dass Gott nach dem Sündenfall zum Menschen sagte: „Im Schweiße deines Angesichts / sollst du dein Brot essen, / bis du zurückkehrst zum Ackerboden; / von ihm bist du ja genommen. / Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück“ (Gen 3,19). Jedes Jahr am Aschermittwoch wiederholt uns die Liturgie diese strenge Mahnung: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Hinge es von mir ab, so würde ich diese Formel sofort aus der Liturgie verschwinden lassen. Zurecht erlaubt es die Kirche, sie mit einer anderen zu ersetzen: „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium.“ Wörtlich genommen und ohne eine angemessene Erklärung bringen jene Worte nämlich in vollkommener Weise den wissenschaftlichen Atheismus der Moderne zum Ausdruck: der Mensch ist nichts anderes als Atomstaub, der sich am Ende wieder in Atomstaub auflösen wird.

Das Buch Kohelet, ein Buch der Bibel, das in einer Epoche der Krise der religiösen Sicherheiten in Israel verfasst wurde, scheint diese atheistische Interpretation zu bestätigen, wenn dort geschrieben steht: „Beide gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück. Wer weiß, ob der Atem der einzelnen Menschen wirklich nach oben steigt, während der Atem der Tiere ins Erdreich hinabsinkt?“ (Koh 3,20-21). Am Ende des Buches scheint dieser letzte schreckliche Zweifel (wer weiß, ob es einen Unterschied zwischen dem letzten Schicksal des Menschen und der Tiere gibt) positiv gelöst zu werden, da der Autor sagt: „Der Staub fällt auf die Erde zurück als das, was er war, und der Atem kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat“ (vgl. Koh 12,7). In den letzten Büchern des Alten Testaments beginnt sich, das ist wahr, die Idee eines Lohnes für die Gerechten nach dem Tod und sogar einer Auferstehung des Leibes durchzusetzen, es ist dies aber seinem Inhalt nach ein noch sehr vager Glaube, der nicht von allen geteilt wird. Die Sadduzäer zum Beispiel lehnen ihn ab.

Vor diesem Hintergrund können wir die Neuheit der Worte werten, mit denen das Evangelium dieses Sonntags anhebt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“ Sie enthalten die christliche Antwort auf die Frage des Menschen, die ihm am meisten beunruhigt. Sterben ist nicht – wie es am Anfang der Bibel und in der heidnischen Welt der Fall ist – eine Hinabsteigen in den Sheol oder in den Hades, um eine Larven- oder Schattendasein zu führen; es besteht nicht darin – wie für gewisse atheistische Biologen –, der Natur die organische Materie zu einem weiteren Gebrauch durch andere Lebewesen zurückzuerstatten; Sterben ist auch kein Sichauflösen als Person – wie in gewissen Formen heutiger Religiosität, die sich an orientalischen (oft schlecht verstandenen) Lehren inspirieren – im großen Ozean des universalen Bewusstseins, im All oder im Nichts… Sterben besteht hingegen darin, sich aufzumachen, um bei Christus im Schoß des Vaters zu sein, dort zu sein, wo er ist.

Der Schleier des Geheimnisses ist nicht weggezogen, da er nicht weggezogen werden kann. So wie es nicht möglich ist, einem von Geburt auf Blinden oder Tauben zu erklären, was die Farbe oder der Schall ist, so kann man dem nicht erklären, was das Leben jenseits von Zeit und Raum ist, der noch in Raum und Zeit ist… Es wurde uns allerdings das Wesentliche gesagt: das ewige Leben wird eine volle Gemeinschaft, mit Leib und Seele, mit dem auferstandenen Christus sein, im Teilen seiner Herrlichkeit und Freude.

Papst Benedikt XVI. denkt in seiner jüngsten Enzyklika Spe salvi über das Wesen des ewigen Lebens auch unter einem existentiellen Gesichtspunkt nach. Er beginnt mit der Feststellung, dass es Menschen gibt, die sich nicht nach dem ewigen Leben sehnen, im Gegenteil: die sich davor fürchten. Zu welchem Zweck, fragen sie sich, sollte ein Dasein verlängert werden, das sich voller Probleme und Leiden erwiesen hat?

Der Grund für diese Angst, so erklärt der Papst, besteht darin, dass man an das Leben nur in der Weise zu denken vermag, die wir hier unten kennen; während es sich zwar um Leben handelt, aber ohne all jene Grenzen, die wir im gegenwärtigen Leben erfahren. Das ewige Leben, sagt die Enzyklika „wäre der Augenblick des Eintauchens in den Ozean der unendlichen Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vor- und Nachher mehr gibt. Wir können nur versuchen zu denken, dass dieser Augenblick das Leben im vollen Sinn ist, immer neues Eintauchen in die Weite des Seins, indem wir einfach von der Freude überwältigt werden.“ „Wir können nur versuchen, aus der Zeitlichkeit, in der wir gefangen sind, herauszudenken und zu ahnen, dass Ewigkeit nicht eine immer weitergehende Abfolge von Kalendertagen ist, sondern etwas wie der erfüllte Augenblick, in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen“ (Nr. 12). Mit diesen Worten spielt der Papst vielleicht auf das Werk eines seiner berühmten Landsmänner an. Das Ideal von Goethes Faust besteht in der Tat darin, eine derartige Fülle an Leben und Befriedigung zu erreichen, dass er ausrufen kann: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!“ Ich glaube, dass dies die am wenigsten unangemessene Vorstellung ist, die wir uns vom ewigen Leben machen können: ein Augenblick, der nie enden soll, und der, im Unterschied zu allen Augenblicken des Glücks hier unten, nie enden wird! Mir kommen die Worte eines der bei den englischsprachigen Christen beliebtesten Lieder in den Sinn: „Amazing grace“. Er lautet: „Wenn wir zehntausend Jahre dort gewesen sind, Hell gleißend wie die Sonne, Haben wir nicht weniger Tage, um Gott Lob zu singen, Als da wir angefangen haben” („When we’ve been there ten thousand years, / Bright shining as the sun, / We've no less days to sing God’s praise / Than when we've first begun“).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]