P. Raniero Cantalamessa: Die Bekehrung, „eine Möglichkeit, ja nahezu ein Recht“

Kommentar zum Evangelium des dritten Fastensonntags (Jahreskreis C)

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ROM, 9. März 2007 (ZENIT.org).- Schweres Unheil ist keine göttliche Bestrafung, sondern sollte den Christen dazu aufrufen, über die Vergänglichkeit des Lebens nachzudenken und sich Gott zuzuwenden, erklärt P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, in seinem Kommentar zum kommenden Sonntag (Ex 3,1-8a.13-15; 1 Kor 10,1-6.10.12; Lk 13,1-9). „Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass die Bekehrung nicht nur eine Pflicht ist. Sie ist für alle auch eine Möglichkeit, ja nahezu ein Recht“, unterstreicht er.



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Der predigende Jesus

Das Evangelium des dritten Fastensonntags bietet uns ein typisches Beispiel der Verkündigung Jesu: Er lässt sich von einem Tagesereignis anregen – die Ermordung mehrerer Galiläer auf Befehl von Pilatus und der Einsturz eines Turms, der achtzehn Opfer fordert –, um von der Notwendigkeit zu sprechen, wachsam zu sein und sich zu bekehren. Wie es zu seinem Stil gehört, bekräftigt er seine Lehre mit einem Gleichnis: „Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum...“ Dem Programm folgend, das wir für diese Fastenzeit festgesetzt haben, werden wir mit diesem Abschnitt beginnen, um unseren Blick der gesamten Verkündigung Jesu zuzuwenden. Dabei werden wir versuchen zu verstehen, was sie uns bezüglich der Frage sagt, wer Jesus war.

Jesus begann seine Verkündigung mit einer feierlichen Erklärung: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Wir haben uns an den Klang dieser Worte gewöhnt und nehmen ihre Neuheit und ihren revolutionären Charakter gar nicht mehr wahr. Mit ihnen sagte Jesus: Die Zeit des Wartens ist vorbei; die Stunde des entscheidenden göttlichen Eingriffs in die Geschichte der Menschheit, die von den Propheten angekündigt wurde, hat geschlagen. Diese Zeit ist jetzt gekommen! Jetzt entscheidet sich alles, und es entscheidet sich gemäß der Einstellung, die jeder gegenüber meinen Worten einnehmen wird.

Dieses Gefühl der Vollendung, des letztlich erreichten Ziels nehmen wir in verschiedenen Aussprüchen Jesu wahr, deren geschichtliche Authentizität nicht angezweifelt werden kann. Eines Tages wandte sich Jesus an die Jünger und sagte zu ihnen allein: „Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht. Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört“ (Lk 10,23-24).

In der Bergpredigt sagt Jesus unter anderem: „Ihr habt gehört, dass (durch Moses!) gesagt worden ist..., ich aber sage euch…“ Stellen wir uns vor, dass ein Prediger auf die Kanzel steigt und zu sagen beginnt: „Ihr habt gehört, dass Jesus euch gesagt hat..., ich aber sage euch…“

Der Eindruck, den Jesu Worte auf seine Zeitgenossen gemacht haben müssen, war nicht sehr viel anders. Gegenüber derartigen Behauptungen gibt es nicht viele Erklärungen: Entweder ist der, der spricht, ein überspannter Verrückter, oder er sagt ganz einfach die Wahrheit. Ein Verrückter lebt und stirbt jedoch nicht so, wie Jesus es getan hat, und er erschüttert auch nicht die Menschheit aus einer Entfernung von zwanzig Jahrhunderten seit seinem Tod.

Die Neuheit der Person und der Verkündigung Jesu kommt im Vergleich mit Johannes dem Täufer deutlich zum Vorschein: Johannes sprach stets von etwas Zukünftigem, einem Gericht, das sich bald ereignen sollte; Jesus hingegen sprach von etwas Gegenwärtigem, von einem Reich, das gekommen ist und das wirkt. Johannes ist der Mensch des „Noch Nicht“, Jesus ist der Mensch des „Schon“.

Jesus sagt: „Unter allen Menschen gibt es keinen größeren als Johannes; doch der Kleinste im Reich Gottes ist größer als er“ (Lk 7,28); und: „Bis zu Johannes hatte man nur das Gesetz und die Propheten. Seitdem wird das Evangelium vom Reich Gottes verkündet, und alle drängen danach, hineinzukommen“ (Lk 16,16). Diese Worte erklären, dass es zwischen dem Auftrag des Johannes und der Sendung Jesu einen Qualitätssprung gegeben hat: Der kleinste in der neuen Ordnung befindet sich in einer besseren Position als der größte der alten Ordnung. Das waren auch die Gründe, die die Schüler Bultmanns (Bornkamm, Konzelmann…) bewogen, sich von ihrem Meister zu trennen, und die stärkste Trennlinie zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen Judentum und Christentum, in das Leben und die Verkündigung Christi zu setzen und nicht in den Glauben der Kirche nach der Auferstehung.

Daraus geht klar hervor, dass die These geschichtlich unhaltbar ist, der zufolge Jesus im Inneren der zeitgenössischen jüdischen Welt eingeschlossen und wie ein Jude – den anderen gleich – behandelt worden wäre; der weder vorgehabt hätte, mit der Vergangenheit zu brechen, noch etwas fundamental Neues zu bringen. Mit so etwas wird die geschichtliche Erforschung Jesu in ein Stadium zurückversetzt, das seit langem überholt ist.

Kehren wir nun wie gewohnt zum Sonntagsevangelium zurück, um daraus einige praktische Lehren zu ziehen. Auf die Nachricht des von Pilatus vollbrachten Blutbads und des Einsturzes des Turms von Schiloah kommentiert Jesus: „Meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ Wir können daraus eine äußerst wichtige Lehre ziehen. Das Unglück ist nicht, wie manche meinen, Zeichen einer göttlichen Bestrafung der Betroffenen; es ist allenfalls eine Warnung an jene, die verbleiben.

Es ist notwendig, in diesem Licht das schreckliche Unheil zu betrachten, das jeden Tag auf der Erde geschieht – häufig unter den ärmsten und schutzlosesten Völkern –, um nicht den Glauben zu verlieren. Jesus lehrt uns, wie wir reagieren sollten, wenn uns das Fernsehen abends Nachrichten von Erdbeben, Überflutungen oder Massakern, wie jenes des Pilatus vor Augen führt: nicht mit einem fruchtlosen „Oh, die Armen!“, sondern indem wir das zum Anlass nehmen, um über die Unsicherheit des Lebens nachzudenken, über die Notwendigkeit, bereit zu sein und sich nicht übertrieben an etwas zu klammern, was uns von einem Tag auf den anderen verloren gehen kann.

In diesem Abschnitt des Evangelium erklingt das gleiche Wort, mit dem Jesus seine Verkündigung begann: Bekehrung. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass die Bekehrung nicht nur eine Pflicht ist. Sie ist für alle auch eine Möglichkeit, ja nahezu ein Recht. Das ist eine gute, nicht eine schlechte Nachricht! Niemand ist von der Möglichkeit, sich zu ändern, ausgenommen. Niemand kann als unrettbar gelten. Es gibt im Leben moralische Situationen, die ausweglos erscheinen: Wiederverheiratete Geschiedene, Paare mit Kindern, die zusammenleben ohne verheiratet zu sein, schwere Strafen im Vorleben, Konditionierungen jeglicher Art.

Auch für sie besteht die Möglichkeit der Wandlung. Als Jesus sagte, dass es leichter für ein Kamel sei, durch ein Nadelöhr zu gehen, als für einen Reichen in das Himmelreich zu gelangen, fragten die Apostel: „Wer kann dann noch gerettet werden?“ Jesus antwortete mit einem Satz, der auch für die Fälle, die ich genannt habe, gültig ist: „Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott“ (vgl. Mk 10,25-27).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]