P. Raniero Cantalamessa: Die Familie Gottes (die Kirche), Garant und Förderer der Familie

Kommentar zum Evangelium des 13. Sonntags im Jahreskreis C

| 694 klicks

ROM, 28. Juni 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., widmet sich in seinem Kommentar zu den Lesungen des kommenden Sonntags (1 Kön 19,16b.19-21; Gal 4,31- 5,1,13-18; Lk 9,51-62) ganz der Frage nach der Haltung Jesu zu Verwandschaft und Blutfamilie. Dabei zieht er den Schluss: Jesus habe für sich nur deshalb eine alles andere überragende Liebe beanspruchen können, weil er Gott selbst ist.



* * *

„Lass die Toten ihre Toten begraben“

Im April wurde das Buch „Jesus von Nazareth“ von Benedikt XVI. veröffentlicht. Deshalb habe ich daran gedacht, bei meinen Kommentaren zu den Evangelien der kommenden Sonntage auf die Reflexionen des Papstes Bezug zu nehmen. Zuallererst möchte ich etwas über den Inhalt und das Ziel dieses Werkes sagen: Es beschäftigt sich mit Jesus, und zwar von der Taufe im Jordan an bis zum Augenblick der Verklärung, also vom Beginn seines öffentlichen Wirkens bis zu seinem Epilog. Ein Folgeband wird sich – vorausgesetzt, dass Gott dem Papst, wie dieser bekannte, genügend Kraft und Zeit zum Schreiben schenkt – mit den Berichten über Tod und Auferstehung beschäftigen beziehungsweise mit den Kindheitserzählungen, die in diesem ersten Band nicht enthalten sind.

Das Buch setzt die historisch-kritische Exegese voraus und bedient sich ihrer Schlussfolgerungen, möchte aber über diese Methode hinausgehen, indem eine theologische Interpretation im eigentlichen Sinn angestrebt wird, das heißt eine allumfassende und keine partielle, die das Zeugnis der Evangelien und der Schriften als Bücher, die von Gott inspiriert sind, ernst nimmt.

Das Ziel des Buchs besteht darin aufzuzeigen, dass die Gestalt Jesu, zu der man auf diesem zuvor skizzierten Weg gelangt, „viel logischer und auch historisch betrachtet viel verständlicher ist als die Rekonstruktionen, mit denen wir in den letzten Jahrzehnten konfrontiert wurden. Ich denke“, so fügt der Papst hinzu, „dass gerade dieser Jesus – der der Evangelien – eine historisch sinnvolle und stimmige Figur ist.“

Es ist äußerst bemerkenswert, dass die Entscheidung des Papstes, sich an den Jesus der Evangelien zu halten, in den aktuellsten und autorisierten Richtlinien der kritisch-historischen Methode selbst Bestätigung erfahren haben – wie im monumentalen Werk des Schotten James Dunn (Christianity in the Making), nach dem „die synoptischen Evangelien ein Modell und eine Technik der mündlichen Überlieferung bezeugen, die in der Jesus-Tradition mehr zu Stabilität und Kontinuität beigetragen haben als jene, die man sich davon ausgehend erdacht hat.“

Nun wollen wir uns aber dem Evangelium des XIII. Sonntags im Jahreskreis zuwenden. Darin ist von drei Begegnungen die Rede, die Christus während einer Reise machte. Wir wollen uns auf eine dieser Treffen konzentrieren: „Zu einem anderen sagte er [Jesus]: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes.“

Der Papst geht in seinem Buch auf das dieser Stelle zugrunde liegende Thema der verwandschaftlichen Beziehungen ein, indem er mit dem jüdisch-amerikanischen Rabbiner Jacob Neusner einen Dialog führt. Neusner hat ein Buch geschrieben (A Rabbi Talks with Jesus), in dem er sich vorstellt, unter jener Menschenmenge zu sein, die Jesus predigen hörte, und in dem er erklärt, warum er – auch wenn er eine große Bewunderung für den Meister aus Nazareth hegt – nicht dessen Jünger hätte sein können. Einer seiner Beweggründe ist gerade die Haltung Jesu gegenüber den familiären Banden. Bei mehreren Gelegenheiten, so erklärt der Rabbiner, habe es den Anschein, als ob Jesus zur Übertretung des Vierten Gebots – „Du sollst Vater und Mutter ehren“ – einlade. Wie wir gehört haben, fordert er dazu auf, auf das Begraben des eigenen Vaters zu verzichten, und an einer anderen Stelle sagt er, dass derjenige, der Vater oder Mutter mehr liebt als ihn, seiner nicht würdig sei.

Auf diese Einwände reagiert man üblicherweise damit, dass man auf andere Worte Jesu aufmerksam macht, die mit Nachdruck die dauerhafte Gültigkeit der familiären Bande bekräftigen: die Unauflöslichkeit der Ehe; die Verpflichtung, Vater und Mutter beizustehen. Der Papst gibt in seinem Buch aber eine tiefere, noch erleuchtendere Antwort auf diesen Einwand, der nicht nur von Rabbi Neusner vorgebracht wird, sondern auch von vielen christlichen Evangeliumslesern. Er geht dabei von dem Wort aus, das Jesus sagte, nachdem ihn einer vom Besuch seiner Verwandten unterrichtet hatte. Er erwiderte: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? … Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mt 12,49-50).

Jesus schafft mit diesen Worten die natürliche Familie nicht ab, offenbart allerdings eine neue Familie, in der Gott der Vater und alle Männer und Frauen – dank des gemeinsamen Glaubens an ihn, Christus – Brüder und Schwestern sind. Hatte er das Recht, so etwas zu tun?, fragt sich der Rabbiner Neusner. Diese geistige Familie hatte ja bereits existiert: im Volk Israel, dass geeint war durch die Beachtung der Torah, das heißt des mosaischen Gesetzes. Nur zum Studium der Torah war es „einem Jungen erlaubt, das väterliche Haus zu verlassen.

Jesus sagt aber nicht: „Wer seinen Vater oder seine Mutter mehr liebt als die Torah, der ist der Torah nicht würdigt“, sondern er sagt: „Wer seinen Vater oder seine Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.“ Er stellt sich an den Platz der Torah - und das kann nur jemand tun, der größer ist als die Torah und größer als Moses, der sie verordnete.

Der jüdische Rabbiner hat nach Benedikt XVI. Recht mit seiner Schlussfolgerung: „Nur Gott allein kann von mir all das verlangen, worum Jesus bittet.“ Die Diskussion über Jesus und die verwandschaftlichen Bande (genauso wie die über Jesus und die Befolgung des Sabbats) führt uns, wie der Papst feststellt, zum wahren Kern der Frage: zu wissen, wer Jesus ist. Wenn ein Christ nicht daran glaubt, dass Jesus mit der Autorität Gottes handelt und dass er selbst Gott ist, dann ist die Haltung des jüdischen Rabbiners, der es ablehnt, ihm zu folgen, viel stimmiger als die Haltung dieses Christen. Man kann die Lehre Jesu nicht annehmen, ohne gleichzeitig auch ihn als Person anzunehmen.

Ziehen wir aus dieser Kontroverse auch eine praktische Lehre. Die „Familie Gottes“, die die Kirche ist, lehnt die natürliche Familie nicht nur nicht ab, sondern sie ist ihr Garant und Förderer. Heute sehen wir das. Es ist bedauerlich, dass einige Meinungsverschiedenheiten im Schoß der heutigen Gesellschaft, die den Bereich der Ehe und der Familie berühren, viele Menschen daran hindern, das providentielle Werk der Kirche zugunsten der Familie wahrzunehmen, und dass man sie in dieser wichtigen Schlacht, in der die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel steht, allein lässt.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]