P. Raniero Cantalamessa: Die göttliche Hoffnung, Ursache wahrer Lebensfreude

Kommentar zum vierten Adventsonntag (Lesejahr A)

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ROM, 22. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., weist in seinem Kommentar zu den Lesungen des „Sonntags der Geburten“, wie er es nennt – zum vierten Adventsonntag (Jes 7,10-14; Röm 1,1-7; Mt 1,18-24) – darauf hin, dass der Hauptgrund für den Geburtenmangel unserer Tage in der zuweilen abhanden gekommenen Lebensfreude zu suchen ist.



„Ist das Heiraten immer ein Akt des Glaubens, so ist das Kinderkriegen immer ein Akt der Hoffnung“, betont der Kapuzinerpater. Die Hoffnung, die in seinen Augen eine „Urkraft“ ist, stelle sich – sollte sie verloren sein – mit der Annahme des Jesuskindes und aller anderen Kinder von neuem ein.

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Mit der Geburt Jesu Christi war es so

Eines verbindet die drei Lesungen dieses Sonntags – jede spricht von einer Geburt: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben“ (1. Lesung); „Jesus Christus… ist dem Fleisch nach geboren als Nachkomme Davids“; „Mit der Geburt Jesu Christi war es so“ (Evangelium). Wir könnten ihn den „Sonntag der Geburten“ nennen!

Wir kommen nicht darum herum, uns sofort die Frage zu stellen: Warum werden in Italien und in anderen westlichen Ländern so wenige Kinder geboren? Der Hauptgrund des Geburtenmangels ist nicht in erster Linie ein wirtschaftlicher. Wäre dem so, müssten die Geburten zunehmen, wenn man zu den höheren Schichten der Gesellschaft geht oder je weiter man vom Süden der Welt in den Norden kommt. Wir wissen aber, dass es genau umgekehrt ist.

Der Grund liegt tiefer: Es ist der Mangel an Hoffung verbunden mit dem, was das mit sich bringt: der Verlust an Vertrauen in die Zukunft, Lebenskraft, Kreativität, Poesie und Lebensfreude. Ist das Heiraten immer ein Akt des Glaubens, so ist das Kinderkriegen immer ein Akt der Hoffnung. Nichts wird in der Welt ohne Hoffnung getan. Wir brauchen die Hoffnung, so wie wir Sauserstoff zum Atmen brauchen.

Fällt jemand in Ohnmacht, ruft man denen, die ihm nahe stehen, zu: „Gebt ihm etwas Starkes zum Einatmen!“ Dasselbe müsste man mit dem tun, der dabei ist, sich gehen zu lassen, sich vor dem Leben zu ergeben: „Gebt ihm einen Grund zur Hoffnung!“ Wenn in einer menschlichen Situation die Hoffnung neu geboren wird, so scheint alles anders zu sein, auch wenn sich in Wirklichkeit nichts verändert hat. Die Hoffnung ist eine Urkraft. Sie wirkt Wunder, im wahrsten Sinn dieses Wortes.

Das Evangelium hat unseren Zeitgenossen in diesem Augenblick der Geschichte etwas ganz Wesentliches zu bieten: die Hoffnung – die theologale Tugend, das heißt die Tugend, die von Gott selbst geben wird. Die irdischen Hoffnungen (Wohnung, Arbeit, Gesundheit, Kindererziehung) enttäuschen unerbittlich, wenn da nicht etwas Tieferes ist, das sie stützt und erhebt, selbst wenn sie Wirklichkeit werden.

Schauen wir uns einmal an, was mit einem Spinnennetz passiert: Spinnweben sind ein Kunstwerk – vollkommen in Symmetrie, Elastizität, Funktionalität; gut gespannt von allen Seiten durch Fäden, die sie in der Horizontale aufspannen. In ihrem Zentrum aber werden sie von einem einzigen Faden zusammengehalten, der von oben kommt; jenem Faden, den die Spinne beim Heruntersteigen gewoben hat. Durchreißt man die seitlichen Fäden, so kommt die Spinne heraus, repariert den Schaden, und alles ist wieder in Ordnung. Reißt man aber jenen Faden durch, der von oben kommt, so fällt alles in sich zusammen. Die Spinne weiß dann, dass nichts mehr zu machen ist, und entfernt sich. Die theologale Hoffnung ist in unserem Leben der Faden von oben; jener Faden, der das ganze Netz unserer Hoffnungen trägt.

In diesem Moment, in dem wir so stark das Bedürfnis nach Hoffnung verspüren, kann das Christfest eine Gelegenheit darstellen, um die vorherrschende Tendenz umzukehren. Erinnern wir uns daran, was Jesus sagt: „Wer ein Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ Das gilt für alle, die ein armes und verlassenes Kind aufnehmen, die ein Kind der Dritten Welt adoptieren oder es ernähren; es gilt aber vor allem für christliche Eltern, die sich in Liebe, Glaube und Hoffnung dem Geschenk des neuen Lebens öffnen. Ich bin sicher, dass viele Paare, die im Moment des Wahrnehmens der Schwangerschaft etwas verwirrt waren, in der Folge gespürt haben, dass sie sich die Worte der Weihnachtsverheißung des Jesajas tatsächlich zu Eigen machen können: „Du hast die Freude vervielfacht, du hast sie vermehrt, da ein Kind für uns geboren ist, da uns ein Kind gegeben wurde!“

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]