P. Raniero Cantalamessa: „Die Zöllner von gestern sind die Pharisäer von heute“

Kommentar zum 30. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)

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ROM, 26. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFMCap., weist in seinem Kommentar zum Evangelium über den selbstgerechten Pharisäer und den gottesfürchtigen Zöllner des kommenden Sonntags (vgl. Sir 35,15b-17.20-22a; 2 Tim 4,6-8.16-18; Lk 18,9,14) darauf hin, dass sich aufgrund des Wertewandels die Rollen von Pharisäer und Zöllner gleichsam vertauscht haben. Heute scheuten sich fromme Menschen, ihre Religiosität zu zeigen, während es bei jenen, die es nicht sind, umgekehrt sei. Was der Kapuzinerpater vorschlägt ist, sich im Alltag wie der Pharisäer zu verhalten und im Tempel wie der Zöllner.



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Der Pharisäer und der Zöllner

Das Evangelium dieses Sonntags ist das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner. Wer an diesem Sonntag zur Kirche geht, wird wohl einen Kommentar hören, der mehr oder minder so lautet: Der Pharisäer steht für den vernünftigen Menschen, der glaubt, er wäre mit Gott und den Menschen im Reinen, und der voller Verachtung auf den Nächsten schaut. Der Zöllner dagegen ist der, der gefehlt hat. Er erkennt dies jedoch und bittet Gott demütig um Vergebung. Er denkt nicht daran, durch eigene Verdienste gerettet zu werden, sondern durch die Barmherzigkeit Gottes. Die Wahl Jesu zwischen diesen beiden Menschen lässt keinen Zweifel, worauf das Ende dieses Gleichnisses hindeutet: Letzterer geht als Gerechtfertigter nach Hause, das heißt als der, dem vergeben wurde und der sich mit Gott versöhnt hat, und der Pharisäer kehrt so heim, wie er gekommen war: Er behält seine Gerechtigkeit für sich, verliert damit aber die Gerechtigkeit Gottes.

Da ich diese Erklärung aber so oft gehört und sie selbst immer wieder wiederholt habe, begann sie, mich nicht mehr zufrieden zu stellen. Es ist nicht so, als wäre sie falsch. Aber sie entspricht nicht mehr unseren Zeiten.

Jesus erzählte seine Gleichnisse für die Leute, die ihn in diesem Augenblick zuhörten. In einer von Glauben und Religiosität gesättigten Kultur wie jener im Galiäa und Judäa der damaligen Zeit bestand Heuchelei darin, die Achtung des Gesetzes und der Heiligkeit zur Schau zu stellen, da dies das war, was einem den meisten Beifall eintrug. In unserer säkularisierten und permissiven Kultur haben sich die Werte gewandelt. Was bewundert wird und den Weg zum Erfolg erschließt, ist gegenüber früher eher das Gegenteil: die Ablehnung der traditionellen moralischen Normen, Unabhängigkeit, die Freiheit des Individuums.

Für die Pharisäer lautete das Losungswort: „Beachtung“ der Normen. Heute lautet das Losungswort für viele: „alles übertreten“. Sagt man von einem Schriftsteller, von einem Buch oder einem Schauspiel, dass sie „extrem“ sind, dann bedeutet das, ihm eines der am meisten ersehnten Komplimente zu machen. Mit anderen Worten: Heute müssen wir die Begriffe des Gleichnisses umkehren, um die ursprüngliche Absicht zu wahren.

Die Zöllner von gestern sind die Pharisäer von heute! Heute ist es der Zöllner, der alles missachtet; der zu Gott sagt: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie diese Pharisäer: die Gläubigen, die Heuchler und die, die intolerant sind; jene, die sich um das Fasten sorgen, im Alltag aber schlimmer sind als wir.“ Es sieht so aus, als gäbe es da auch die, die paradoxerweise so beten: „Ich danke dir, Gott, dass ich ein Atheist bin!“

La Rochefoucauld sagte, dass die Heuchelei die Gebühr ist, den das Laster an die Tugend entrichtet. Heute ist sie oft die Gebühr, den die Tugend dem Laster entrichtet. Es besteht nämlich vor allem bei den jungen Menschen die Tendenz, sich schlechter und hemmungsloser zu zeigen, als sie es tatsächlich sind – um gegenüber den anderen nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Ein praktischer und sowohl für die anfangs erwähnte traditionelle als auch für die hier entfaltete Interpretation gültiger Schluss ist dieser: Sehr wenige (ja vielleicht keine) stehen nur auf der Seite des Pharisäers oder nur auf der Seite des Zöllners, sind entweder gerecht in allem oder Sünder in allem. Meistens haben wir etwas vom einen und vom anderen. Das Schlimmste wäre, wenn wir uns im Alltag wie der Zöllner und im Tempel wie der Pharisäer verhielten: Die Zöllner waren Sünder; skrupellose Menschen, die das Geld und die Geschäfte über alles stellten. Die Pharisäer hingegen waren im praktischen Leben sehr streng und gesetzestreu. Wir ähneln also dem Zöllner im Alltag und dem Pharisäer im Tempel, wenn wir Sünder sind wie der Zöllner und uns für gerecht halten wie der Pharisäer.

Wenn wir uns damit abfinden müssen, ein wenig der eine und ein wenig der andere zu sein, so soll es doch wenigsten umgekehrt sein: Pharisäer im Alltag und Zöllner im Tempel! Bemühen wir uns – wie der Pharisäer – im Alltag darum, nicht zu stehen und ungerecht zu sein, die Gebote zu beachten und die Steuern zu zahlen. Und wie der Zöllner wollen wir erkennen, wenn wir vor Gott stehen, dass das Wenige, was wir gemacht haben, allein ihm zu verdanken ist. Und dann rufen wir für uns und für alle seine Barmherzigkeit an.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]