P. Raniero Cantalamessa: Glaube und Sakramente, unsere wahren „Talente“

Kommentar zu den Lesungen des 33. Sonntags im Jahreskreis A

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ROM, 14. November 2008 (ZENIT.org).- Das Gleichnis von den Talenten, das übermorgen, Sonntag, in der heiligen Messe zu hören sein wird (vgl. 33. Sonntag im Jahreskreis A), veranlasst P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des päpstlichen Hauses, zu einer Klarstellung: Die Talente, die Jesus meint, sind nicht die natürlichen Fähigkeiten und Begabungen, sondern vielmehr das Wort Gottes und sein Reich - der Glaube. In diesem Sinn ermutigt der Kapuzinerpater alle, zu „Entdeckern von Talenten“ zu werden.

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Das Gleichnis von den Talenten

Das Evangelium dieses Sonntags handelt vom Gleichnis von den Talenten. Leider wurde in der Vergangenheit die Bedeutung dieses Gleichnisses gewöhnlich verfälscht oder wenigstens sehr verkürzt. Wenn von Talenten die Rede ist, denken wir sofort an die naturgegebenen Begabungen, an Intelligenz, Schönheit, Kraft, künstlerische Fähigkeiten. Man bedient sich dieser Metapher, wenn man über Schauspieler, Sänger oder Komiker spricht. Dieser Gebrauch ist nicht ganz falsch, aber zweitrangig. Jesus wollte nicht über die Pflicht sprechen, die natürlichen Begabungen zu kultivieren, die man erhalten hat, sondern die geistlichen Gaben Frucht bringen zu lassen, die er gebracht hat. Zur Entfaltung der natürlichen Begabungen drängt uns ja schon die Natur, der Ehrgeiz, der Durst nach Verdienst. Manchmal ist es deshalb sogar notwendig, diese Tendenz, seine Talente zu fördern, zu bremsen, da sie allzu leicht zur Karrieregier führen kann und zur Sucht, sich über die anderen hinwegzusetzen.

Die Talente, von denen Jesus spricht, sind das Wort Gottes, der Glaube, ja, mit einem Wort, das von ihm angekündigte Reich. In diesem Sinn steht das Gleichnis von den Talenten mit dem Gleichnis vom Sämann in Zusammenhang. Dem unterschiedlichen Los des von ihm gesäten Samenkorns – bei einigen ergibt es 60 Prozent, bei anderen hingegen bleibt es unter den Dornen begraben oder wird von den Vögeln des Himmels gefressen – entspricht hier der unterschiedliche Verdienst, der mit den Talenten erarbeitet wird.

Talente sind für uns Christen von heute der Glaube und die Sakramente, die wir empfangen haben. Das Gleichnis zwingt uns also zu einer Gewissenerforschung: Was machen wir aus diesen Talenten? Ähneln wir dem Diener, der sie fruchtbar werden ließ, oder jenem, der sie unter der Erde vergrub? Für viele ist die Taufe wirklich ein vergrabenes Talent. Ich vergleiche sie mit einem Geschenk, das einer an Weihnachten bekommen hat und das in einem Winkel vergessen worden ist, ohne jemals ausgepackt worden zu sein.

Die Früchte der natürlichen Talente sterben mit uns oder gehen bestenfalls auf unsere Erben über; die Früchte der geistlichen Talente hingegen folgen uns ins ewige Leben und werden uns eines Tages das Lob des göttlichen Richters einbringen: „Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!“

Unsere Pflicht als Menschen und Christen besteht nicht nur darin, unsere natürlichen Talente zu entfalten, sondern auch darin, den anderen dabei zu helfen, die Ihrigen zu pflegen. In der modernen Welt gibt es einen Beruf, der mit einem englischen Wort „talent scout“ genannt wird, das heißt „Entdecker von Talenten“. Es sind dies Leute, die es verstehen, verborgene Talente auszumachen – bei Malern, Sängern, Schauspielern, Fußballern usw. –, und die ihnen helfen, ihr Talent zu pflegen und jemanden zu finden, der sie fördert. Das machen sie natürlich nicht umsonst oder aus Liebe zur Kunst, sondern um etwas an deren finanziellen Erfolg zu verdienen, wenn sie sich einmal durchgesetzt haben.

Das Evangelium lädt uns alle dazu ein, „talent scouts“ zu sein, nicht aber aus Liebe zum Geld, sondern um denen zu helfen, die nicht die Möglichkeit haben, es alleine zu schaffen. Die Menschheit verdankt einige ihrer Genies und größten Künstler dem Altruismus einer Person, die an sie geglaubt und sie ermuntert hat, als keiner an sie glaubte. Ein beispielhafter Fall, der mir in den Sinn kommt, ist der des Theo van Gogh, der sein ganzes Leben lang seinen Bruder Vincent moralisch und wirtschaftlich unterstützte, als keiner an diesen glaubte und es ihm nicht gelang, seine Bilder zu verkaufen. Sie schrieben sich mehr als 600 Briefe, die eine Dokumentation von herausragender Menschlichkeit und Spiritualität darstellen. Ohne ihn hätten wir heute nicht jene Bilder, die wir alle lieben und bewundern.

Die erste Lesung vom kommenden Sonntag lädt uns dazu sein, bei einem Talent besonders innezuhalten, einem Talent, das ein natürliches und ein geistliches zugleich ist: das Talent der Weiblichkeit, des Frauseins. Die Lesung enthält nämlich die bekannte Huldigung an die Frau, die mit den Worten anhebt: „Eine tüchtige Frau, wer findet sie?“ Diese schöne Lobrede hat einen Fehler, der natürlich nicht von der Bibel anhängt, sondern von der Epoche, in der sie geschrieben wurde, und von der Kultur, die sie widerspiegelt. Sieht man genau hin, so entdeckt man, dass sie ganz auf den Mann ausgerichtet ist. Am Ende heißt es ja: Glücklich der Mann, der so eine Frau besitzt, denn sie „sorgt für Wolle und Flachs, und schafft mit emsigen Händen“; sie lässt ihn aufrechten Hauptes unter den Freunden gehen. – Ich glaube nicht, dass die Frauen von heute über dieses Lob begeistert wären.

Ich möchte das jetzt aber beiseite lassen und die Aktualität dieser Lobesrede auf die Frau hervorheben. Überall tritt die Notwendigkeit hervor, der Frau mehr Platz einzuräumen, das weibliche Genie in seinem Wert hervortreten zu lassen. Wir glauben nicht, dass das „ewig Weibliche uns retten wird“. Die Erfahrung des Alltags zeigt nämlich, dass die Frau uns „nach oben erheben“, aber auch abstürzen lassen kann. Auch sie bedarf der Rettung durch Christus. Es ist aber sicher so, dass sie – wenn sie einmal von ihm erlöst und auf menschlicher Ebene von alten Formen der Unterdrückung „befreit“ worden ist – einen großen Beitrag zur Rettung unserer Gesellschaft vor einigen alten Übeln leisten kann, die sie bedrohen: Gewalt, Wille zur Macht, geistliche Dürre, Verachtung des Lebens…

Nach so vielen Zeitaltern, in denen die Menschheit ihren Namen vom Mann übernommen hat – das Zeitalter des „homo erectus“, „homo faber“ bis hin zum „homo sapiens“ von heute –, bleibt zu hoffen, dass sich für sie endlich ein Zeitalter der Frau auftut: ein Zeitalter des Herzens, der Milde, des Mitleids. Es war der Kult der Jungfrau, der in vergangenen Jahrhunderten die Achtung der Frau und ihre Idealisierung in einem Großteil der Literatur und Kunst inspirierte. Auch die Frau von heute kann bei der Verteidigung ihrer Würde und des Talents des Frauseins auf sie als Vorbild, Freundin und Verbündete blicken.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]