P. Raniero Cantalamessa: Gott ist dreifaltig, weil er die Liebe ist

Kommentar zum Evangelium des Dreifaltigkeitssonntags (Lesejahr B)

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ROM, 9. Juni 2006 (ZENIT.org).- In seiner Betrachtung der Lesungen des bevorstehenden Dreifaltigkeitssonntags (Ex 34,4b-6.8.-9; 2 Kor 13,11-13; Joh 3,16-18) zeigt Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa OFMCap., Prediger des Päpstlichen Hauses, auf, dass Gott dreifaltig ist, weil er die Liebe par excellence ist. Er liebt sich nicht selbst, sondern ist Liebesgemeinschaft. Und das irdische Bild, das der göttlichen Dreifaltigkeit am nächsten kommt, ist für den Prediger die Familie.



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Ein unsagbar nahes Geheimnis

Das christliche Leben steht gänzlich im Zeichen und in der Gegenwart der Dreifaltigkeit. Zu Beginn unseres Lebens werden wir "im Namen des Vaters, des Sohns des Heiliges Geistes" getauft, und wenn es zu Ende geht, betet man für uns: "Mache dich auf den Weg, Bruder (Schwester) in Christus, im Namen Gottes, des allmächtigen Vaters, der dich erschaffen hat; im Namen Jesu Christi, des Sohnes des lebendigen Gottes, der für dich gelitten hat; im Namen des Heiligen Geistes, der über dich ausgegossen worden ist."

Zwischen diesen beiden Polen ereignen sich in unserem Leben weitere "Übergangsmomente", die für einen Christen allesamt nichts anderes sind als Anrufungen des dreifaltigen Gottes. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiliges Geistes geben sich die Eheleute bei der Hochzeit das Ja-Wort, unter in diesem Namen werden die Diakone vom Bischof zu Priestern geweiht. Im Namen der Dreifaltigkeit haben auch zahlreiche bedeutende Verträge und Dokumente ihren Anfang genommen, genauso wie wichtige Veranstaltungen religiöser oder ziviler Natur.

Somit stimmt es nicht, dass die Dreifaltigkeit ein Geheimnis ist, das in weiter Ferne läge und für das alltägliche Leben bedeutungslos wäre. Das Gegenteil ist der Fall: Die drei Personen, von denen die Rede ist, machen die tiefste "Mitte des Lebens" aus; und sie befinden sich nicht außerhalb von uns – wie das etwa bei der Ehefrau oder beim Ehemann sehr wohl der Fall ist –, sondern sie sind in uns. Dadurch, dass sie "bei uns wohnen" (vgl. Joh 14,23), werden wir zu "Tempeln" der dreifaltigen Gottes.

Aber warum glauben wir Christen an die Dreifaltigkeit? Ist es nicht schon schwierig genug, an die Existenz Gottes zu glauben? Soll man dem noch hinzufügen, dass dieser Gott der "eine und dreifaltige" ist? Wir Christen glauben, dass Gott der eine und dreifaltige Gott ist, weil wir glauben, dass Gott die Liebe ist! Indem uns Jesus offenbart hat, dass Gott die Liebe ist, hat er uns förmlich dazu "gezwungen", die Dreifaltigkeit anzuerkennen, die eben keine menschliche Erfindung ist.

Wenn Gott die Liebe ist, dann muss er irgendjemanden lieben. Es gibt keine "leere" Liebe, sondern die Liebe bedarf eines Objekts. Aber wen liebt Gott, der von sich selbst sagt, dass er die Liebe ist? Liebt er die Menschen? Doch die Menschen gibt es ja erst seit einigen Millionen von Jahren, nicht länger. Liebt er den Kosmos, das Universum? Das Universum besteht immerhin, aber eben dennoch auch "erst" seit einigen Milliarden von Jahren. Wen liebte also Gott vor dieser Zeit – er, der sich selbst als die Liebe schlechthin bezeichnen kann? Wir können doch nicht sagen, dass er sich einfach selbst, denn das wäre ja dann keine Liebe, sondern Egoismus oder Narzismus.

Die Antwort gibt die christliche Offenbarung: Gott ist die Liebe, weil er schon seit immer, sozusagen "in seinem Schoß", einen Sohn hat: das Wort, das er mit einer grenzenlosen Liebe liebt, und dies zusammen mit dem Heiliges Geist. In der Liebe treten immer drei Wahrheiten oder Grundelemente auf: derjenige, der liebt; derjenige, der geliebt wird und schließlich die Liebe, die die beiden verbindet. Der christliche Gott ist der eine und dreifaltige Gott, weil er eine Liebensgemeinschaft ist. In der Liebe verbinden sich Einheit und Verschiedenartigkeit miteinander, die Liebe schafft Einheit in der Vielfalt: Einheit in den Absichten, Gedanken und Wünschen, Verschiedenartigkeit der Interessensgebiete und Charaktereigenschaften, des menschlichen Umfelds, des Geschlechts. In dieser Hinsicht ist die Familie jenes Bild, das dem der Dreifaltigkeit am nächsten kommt. Als Gott das erste Menschenpaar schuf, sagte er ja: "Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich" (Gen 1,26-27).

Zeitgenössische Atheisten vertreten die Ansicht, dass Gott nichts anderes als eine Projektion des Menschen wäre – so als ob jemand sein eigenes Bild nicht von dem einer anderen Person unterscheiden könnte. In Bezug auf andere Ideen über Gott mag das vielleicht stimmen, aber in Bezug auf den christlichen Gott trifft das nicht zu. Was für eine Notwendigkeit hätte denn den Mensch dazu geführt, sich selbst in drei Personen aufzuspalten, in Vater, Sohn und Heiliger Geist? Die Lehre über die Dreifaltigkeit ist somit in sich selbst das beste Gegenmittel für den modernen Atheismus.

Erscheint dir das, was ich gesagt habe, allzu kompliziert? Hast du nicht so viel verstanden? Wenn das der Fall sein sollte, dann mach dir keine Sorgen. Wenn man auf der einen Seite eines Flusses oder eines Sees steht und wissen will, was es auf dem anderen Ufer gibt, dann geht es in erster Linie nicht darum, den Blick zu schärfen und den Horizont auszuloten, sondern vielmehr darum, ins Boot zu steigen, das zum anderen Ufer fährt. Was die Dreifaltigkeit angeht, geht es also nicht so sehr darum, groß über dieses Geheimnis zu spekulieren, sondern eben darum, am Glauben der Kirche festzuhalten; sie ist das Boot, das einen zur Dreifaltigkeit bringt.