P. Raniero Cantalamessa: Gott kennt die Menschen, noch ehe sie geboren werden

Kommentar zum Hochfest der Geburt des heiligen Johannes des Täufers

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ROM, 22. Juni 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., geht in seinem Kommentar zu den Lesungen des kommenden Sonntags, an dem das Hochfest der Geburt des heiligen Johannes des Täufers begangen wird (Jes 49, 1-6; Apg 13, 22-26; Lk 1, 57-66.80), der Frage nach dem Schicksal jener Kinder nach, die ohne Taufe sterben.



Die Entstehung menschlichen Lebens ist nach Worten des Kapuzinerpaters ein „Projekt der Liebe des Schöpfers“, der auch denen sein Heil bereitet, die schuldlos auf die Gnade der Taufe verzichten müssen.

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„Er wird Johannes heißen“

Anstelle des 12. Sonntags im Jahreskreis feiern wir dieses Jahr das Fest der Geburt des heiligen Johannes des Täufers. Es handelt sich um ein sehr altes Fest, das auf das vierte Jahrhundert zurückgeht. Warum dieses Datum des 24. Juni? Bei der Verkündigung der Geburt Christi sagte der Engel zu Maria, dass ihre Verwandte Elisabeth im sechsten Monat schwanger sei. Der Täufer sollte also sechs Monate vor Jesus geboren werden – so wird mit dem Festtag die Chronologie respektiert (der 24. statt dem 25. Juni erklärt sich durch die Rechenweise der Alten, die sich nicht nach Tagen richtete, sondern nach Kalenden, Iden und Nonen). Natürlich haben diese Daten einen liturgischen und symbolischen Wert, nicht einen historischen. Den genauen Tag und das genaue Jahr der Geburt Jesu kennen wir nicht, und genauso wenig kennen wir die des Täufers. Aber was ändert das schon? Wichtig ist für uns Gläubige die Tatsache, dass er geboren wurde, nicht wann er geboren wurde.

Seine Verehrung verbreitete sich schnell, und so ist Johannes der Täufer zu einem jener Heiligen geworden, denen die meisten Kirchen in der Welt geweiht sind. 23 Päpste haben seinen Namen angenommen. Auf den letzten von ihnen, Papst Johannes XXIII., wurde der Satz angewandt, den das vierte Evangelium vom Täufer wiedergibt: „Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes.“

Wenige wissen, dass die Namen der sieben Noten der Tonleiter (Do, Re, Mi, Fa, Sol, La, Si) mit Johannes dem Täufer zu tun haben: Sie stammen von der ersten Silbe der sieben Verse der ersten Strophe des liturgischen Hymnus, der zu Ehren des Täufers komponiert worden ist.

Die Evangeliumsstelle des Gedenktags spricht von der Wahl des Namens „Johannes“. Es ist aber auch wichtig, was in der ersten Lesung und im Antwortpsalm zu hören ist: In der ersten Lesung aus dem Buch Jesajas heißt es: „Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt. Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher.“ Der Antwortpsalm kehrt zu dem Gedanken zurück, dass Gott uns bereits kennt, bevor wir geboren werden: „Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter… Deine Augen sahen, wie ich entstand.“

Wir haben eine sehr verkürzte und sehr juristische Sicht der menschlichen Person, die bei der Debatte um die Abtreibung große Verwirrung verursacht. Es scheint, als würde ein Kind die Würde der Person erst in dem Augenblick erhalten, in dem sie ihm von den menschlichen Autoritäten zuerkannt wird. Für die Bibel ist der Mensch, den Gott durch und durch kennt, jener Mensch, den Gott beim Namen ruft. Und Gott, so wird uns zugesagt, kennt uns schon im Mutterleib; seine Augen sahen uns, als wir noch „formlos“ im Mutterschoß waren.

Die Wissenschaft sagt uns, dass im Embryo der ganze zukünftige entstehende Mensch zugegen ist, bis in das kleinste Detail geplant. Der Glaube fügt dem hinzu, dass es sich nicht um ein unbewusstes Projekt der Natur handelt, sondern um ein Projekt der Liebe des Schöpfers.

Die Sendung des heiligen Johannes des Täufers ist schon völlig abgesteckt, ehe er geboren wird: „Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen; denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten.“

Die Kirche hat erklärt, dass Johannes der Täufer durch die Gegenwart Christi schon im Mutterleib geheiligt wurde – aus diesem Grund feiert sie das Fest seiner Geburt. Uns bietet sich dadurch die Gelegenheit, über ein heikles Problem nachzudenken, das heute aufgrund der Millionen von Kindern, die – vor allem aufgrund der Schrecken erregenden Verbreitung der Abtreibung – ohne den Empfang der Taufe sterben. Was lässt sich dazu sagen? Sind auch sie in einer gewissen Weise im Mutterleib geheiligt worden? Gibt es Heil für sie?

Ich antworte ohne Zögern: Sicher gibt es Heil für sie. Was der auferstandene Jesus sagt, gilt auch ihnen: „Lasst die Kinder zu mir kommen.“ Nach einer seit dem Mittelalter allgemein verbreiteten Meinung sind die ungetauften Kinder in den Limbus gekommen, einen Zwischenort, wo man nicht leidet, wo man aber ebenso wenig die Schau Gottes genießt. Es handelt sich aber um eine Vorstellung, die von der Kirche nie als Glaubenswahrheit definiert worden ist. Es war eine Hypothese der Theologen, die wir im Licht der Entwicklung des christlichen Bewusstseins und des Verständnisses des Heiligen Schriften nicht mehr aufrechterhalten können.

Als ich vor einiger Zeit diese meine Meinung in einem jener Kommentare zum Evangelium zum Ausdruck brachte, gab es verschiedene Reaktionen. Einige brachten ihre Dankbarkeit für diese Stellungnahme zum Ausdruck, die ihnen einen Stein vom Herzen nahm; andere warfen mir vor, die traditionelle Lehre aufzugeben und so die Bedeutung der Taufe herabzusetzen. Jetzt ist die Diskussion abgeschlossen, da die Internationale Theologenkommission, die für die Kongregation für die Glaubenslehre arbeitet, vor kurzem ein Dokument veröffentlich hat, in dem dasselbe gesagt wird.

Es scheint mir nützlich, auf dieses Thema im Licht dieses wichtigen Dokuments zurückzukehren, um einige Gründe zu erklären, die die Kirche dazu geführt hat, diese Schlussfolgerung zu ziehen: Jesus hat die Sakramente als ordentliche Mittel zum Heil eingerichtet. Sie sind also notwendig, und wer sie – trotz der Möglichkeit, sie zu empfangen – gegen sein Gewissen ablehnt oder vernachlässigt, bringt sein ewiges Heil in ernste Gefahr. Gott aber hat sich nicht an diese Mittel gebunden. Er kann den Menschen auch auf außerordentlichen Wegen zum Heil führen, wenn dieser ohne eigene Schuld der Taufe entzogen wird. Er hat dies zum Beispiel mit den unschuldigen Kindern getan, die ohne Taufe gestorben sind. Die Kirche hat immer die Möglichkeit einer Begierdetaufe oder einer Bluttaufe zugelassen, und viele dieser Kinder haben wirklich eine Bluttaufe empfangen, wenngleich sie anderer Natur sein mag…

Ich glaube nicht, dass die Klärung, zu der die Kirche gelangt ist, zur Abtreibung ermutigen wird; wäre das der Fall, so wäre es tragisch, und man müsste sich ernsthaft Sorgen machen – nicht um das Heil der ungetauften Kinder, sondern um das der getauften Eltern. Das hieße nämlich, sich über Gott lustig zu machen. Die Erklärung der Theologenkommission wird im Gegenteil den Gläubigen ein wenig Trost schenken, die sich – bestürzt angesichts des schrecklichen Schicksals so vieler Kinder in der Welt von heute – wie alle anderen Menschen auch Gedanken machen und Fragen stellen.

Kehren wir zu Johannes dem Täufer und seinem Fest zurück: Der Engel sagte zu Zacharias, als er ihm die Geburt seines Sohnes verkündete: „Deine Frau Elisabet wird dir einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Johannes geben. Große Freude wird dich erfüllen, und auch viele anderen werden sich über seine Geburt freuen“ (Lk 1,13-14). In der Tat, viele haben sich über seine Geburt gefreut, wenn wir nun nach 20 Jahrhunderten noch einmal über jenes Kind sprechen.

Ich möchte mit diesen Worten auch einen Glückwunsch an alle Väter und Mütter verbinden, die wie Elisabet und Zacharias die Zeit der Erwartung oder der Geburt eines Kindes leben: Möget auch Ihr Freude und Jubel über die Jungen oder Mädchen verspüren, die Gott Euch anvertraut hat, und möget Ihr Euch über ihre Geburt wirklich freuen – Euer ganzes Leben lang und in Ewigkeit!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]