P. Raniero Cantalamessa: „Gott ruft alle, und er ruft zu jeder Zeit!“

Kommentar zum Evangelium des 25. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A)

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ROM, 19. September 2008 (ZENIT.org).- Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, so erklärt der Prediger des Päpstlichen Hauses, will den Menschen vor Augen führen, dass das Heil Jesu, das Reich Gottes, ausnahmslos jedem angeboten wird. Außerdem weist P. Raniero Cantalamessa OFM Cap. in seinem Kommentar zum kommenden Sonntag (Jes 55,6-9; Phil 1,20c-27a; Mt 20,1-16) darauf hin, dass es durchaus einen Unterschied macht, ob man viele Jahre ein Leben aus dem Glauben führt, oder eben erst kurz vor dem Tod zum Glauben gelangt.

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Geht auch ihr in meinen Weinberg!

Das Gleichnis von den Arbeitern, die zu verschiedenen Tageszeiten in den Weinberg geschickt werden, bereitet den Lesern des Evangeliums immer große Schwierigkeiten. Ist das Verhalten des Gutsbesitzers akzeptierbar, der dem, der eine Stunde gearbeitet hat, denselben Lohn gibt wie dem, der einen ganzen Tag lang gearbeitet hat? Die Gewerkschaften würden heute auf die Barrikaden steigen, würde jemand so handeln wie jener Gutsbesitzer.

Die Schwierigkeit ergibt sich aus einem Missverständnis. Das Problem der Entlohnung wird abstrakt und ganz allgemein in den Blick genommen, oder eben hinsichtlich des ewigen Lohns im Himmel. So gesehen würde dies in der Tat dem Prinzip widersprechen, nach dem Gott „jedem vergelten wird, wie es seine Taten verdienen“ (Röm 2,6). Jesus aber bezieht sich hier auf eine ganz konkrete Situation, auf einen ganz klaren Fall: Das einzige Geld, das allen gegeben wird, ist das Himmelreich, das Jesus auf die Erde gebracht hat – die Möglichkeit, des messianischen Heils teilhaftig zu werden. Das Gleichnis beginnt ja mit den Worten: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ…“

Das Problem besteht in der Position, die Juden und Heiden, Gerechte und Sünder in Bezug auf das Heil einnehmen, das Jesus verkündet. Auch wenn die Heiden (die Sünder, die Zöllner, die Dirnen usw.) sich aufgrund der Verkündigung Jesu für Gott entscheiden, während sie vorher fern („untätig“) waren, so werden sie im Reich dadurch nicht eine andere, eine niedrigere Stellung einnehmen. Auch sie werden am selben Tisch sitzen und die Fülle der messianischen Güter genießen. Ja, mehr noch: Da sie sich bereiter erwiesen haben, das Evangelium anzunehmen, als die so genannten „Gerechten“, wird das Wirklichkeit werden, was Jesus am Schluss des heutigen Gleichnisses sagt: „So werden die Letzten die Ersten sein.“

Hat man einmal das Reich kennen gelernt, das heißt den Glauben angenommen, dann ist Platz für Unterschiedlichkeiten. Das Schicksal dessen, der Gott sein Leben lang dient und seine Talente am meisten ausnützt, ist nicht identisch mit dem Schicksal dessen, der Gott nur die Überbleibsel des Lebens gibt – mit einer Beichte, zu der es irgendwie dann doch noch kommt am Lebensende.

Das Gleichnis enthält auch eine Lehre spiritueller Natur, die von größter Bedeutung ist: Gott ruft alle, und er ruft zu jeder Zeit! Das Problem ist also eher das der Berufung und weniger das des Lohns. So wurde unser Gleichnis im nachsynodalen Schreiben Johannes Pauls II. über die „Berufung und Sendung der Laien in der Kirche und in der Welt“ (Christifideles laici) ausgelegt: „Die Laien gehören zu jenem Volk Gottes, für das die Weinbergarbeiter im Matthäusevangelium stehen… ‚Geht auch ihr.’ Der Ruf ergeht nicht nur an die Hirten, an die Priester, an die Ordensleute. Er umfasst alle. Auch die Laien sind persönlich vom Herrn berufen, und sie empfangen von ihm eine Sendung für die Kirche und für die Welt“ (1-2).

Ich möchte die Aufmerksamkeit auch auf einen Aspekt lenken, der im Gleichnis vielleicht nebensächlich erscheinen mag, in der modernen Gesellschaft jedoch umso stärker verspürt wird: das Problem der Arbeitslosigkeit.

Auf die Frage des Gutsbesitzers: „Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?“, antworteten sie ihm: „Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!“ Die trostlose Antwort „Niemand hat uns angeworben“ könnte heute von Millionen von Arbeitslosen gegeben werden.

Jesus ist diesbezüglich nicht unsensibel. Wenn er die Szene so gut beschreibt, dann deshalb, weil sein Blick viele Male mitleidsvoll auf die Scharen von Männern gefallen war, die auf dem Boden saßen oder an einer Mauer lehnten, mit einem Fuß gegen die Wand, und auf eine Anstellung warteten.

Jener Gutsbesitzer weiß, dass die Arbeiter der letzten Stunde jetzt desselben bedürfen wie die anderen. Auch sie haben Kinder, denen sie zu Essen geben müssen, wie jene der ersten Stunde. Indem er allen denselben Lohn gibt, zeigt er, dass der nicht nur den Verdienst beachtet, sondern auch das Bedürfnis.

Unsere kapitalistischen Gesellschaften begründen den Lohn ausschließlich auf Verdienst (der oft mehr nominell als wirklich ist) und Dienstalter, und nicht auf das Bedürfnis eines jeden Menschen. In der Zeit, in der ein junger Arbeiter mehr verdienen sollte, um Heim und Familie zu gründen, ist sein Lohn am geringsten, und am Ende seiner Karriere, wenn er es eigentlich nicht mehr braucht, schießt der Lohn (vor allem bestimmter sozialer Schichten) in die Höhe.

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg lädt uns dazu ein, ein gerechteres Gleichgewicht zwischen den beiden Erfordernissen Verdienst und Bedürfnis zu schaffen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]