P. Raniero Cantalamessa: Gottes Plan mit dem Menschen und die Mittlerschaft Mariens

Kommentar zum Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria

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ROM, 7. Dezember 2006 (ZENIT.org).- Die Jungfrau Maria ist für jeden Menschen ein Vorbild und tritt für ihn unaufhörlich bei Gott ein, erklärt P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, anhand der Textstellen zum Hochfest der Unbefleckten Empfängnis (Gen 3,9-15.20; Eph 1,3-6.11-12; Lk 1,26-38). „Wir sind alle gerufen, heilig und makellos zu sein – das ist unser wahres Lebensziel und der Plan, den Gott für uns vorgesehen hat.“



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Zum Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria

Damit das Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens nicht nur eine Feier über die „Privilegien“ der Jungfrau Maria bleibt, sondern wo auch wir zutiefst mit einbezogen werden, müssen wir sie im Licht jener Worte des heiligen Paulus sehen, die uns die zweite Lesung nahe bringt: „Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“ hat uns in ihm „erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott“ (vgl. Eph 1,3-4).

Wir sind also alle gerufen, heilig und makellos zu sein – das ist unser wahres Lebensziel und der Plan, den Gott für uns vorgesehen hat. Paulus betrachtet an einer späteren Stelle im Epheserbrief diesen Plan, den er nicht nur auf jeden einzelnen bezieht, sondern auch auf die weltumspannende Kirche als Braut Christi: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos“ (Eph 5,25-27).

Eine Menschheit von Heiligen und Untadeligen – das ist das große Projekt Gottes für sein Werk, die Kirche. Es geht ihm um eine Menschheit, die ihm zur Seite steht und nicht vor seiner Gegenwart flieht, wie es Adam und Eva voller Scham nach dem Sündenfall taten. Er wünscht sich eine Menschheit, die er durch seinen Sohn und im Heiligen Geist vor allem anderen lieben und hinein nehmen kann in die Gemeinschaft mit ihm.

Welche Bedeutung kommt nun in diesem weltumspannenden Projekt dem Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria zu, das wir heute feiern? Die Liturgie antwortet uns in der Präfation darauf, wenn wir Gott zugewandt singen: „Sie ist Urbild und Anfang der Kirche, der makellosen Braut deines Sohnes. Vor allen Heiligen ist sie ein Vorbild der Heiligkeit, ihre Fürsprache erfleht uns deine Gnade durch unseren Herrn Jesus Christus.“

Das feiern wir also an diesem Hochfest Mariens: die Vollendung des göttlichen Werkes in Maria, verbunden mit der Zusage und der Garantie, dass sich alles erfüllen wird: „Denn für Gott ist nichts unmöglich!“ (Lk 1,37).

Maria ist der Beweis dafür. In ihr leuchtet schon jetzt der zukünftige Glanz der Kirche auf, einem Tautropfen gleich, der an einem stillen Morgen das strahlende Blau des Himmels widerspiegelt.

Maria erweist sich aber nicht nur als jene, die hinter uns liegt, in den Anfängen der Kirche, sondern auch als jene, die vor uns steht, denn: „Vor allen Heiligen ist sie ein Vorbild der Heiligkeit.“

Wir sind nicht ohne Erbsünde geboren worden, wie es dank einer besonderen Gnade Gottes bei Maria der Fall; ja, bei uns ist vielmehr so, dass das Böse in allen Fasern unseres Seins wohnt, in all unseren Umgangsformen. Deshalb gibt es an uns zahlreiche „Falten“, die es zu glätten gilt, und „Flecken“, die wir abwaschen müssen. Bei dieser Arbeit der Reinigung und der Wiederherstellung des göttlichen Abbilds in uns haben wir in Maria eine machtvolle Fürsprecherin.

Die Liturgie bezeichnet Maria als das „Vorbild der Heiligkeit“. Dieses Bild ist angebracht, allerdings sollten wir in diesem Zusammenhang auf menschliche Parallelen verzichten. Die Jungfrau Maria ist wahrlich kein Modell, wie es Menschen sind, die Pose stehen und unbeweglich bleiben, damit der Künstler sie malen kann. Sie ist ein Vorbild, das mitwirkt und in und mit uns zusammenwirkt; sie nimmt uns bei der Hand, damit wir die Züge ihres und unseres höchsten und erhabensten Vorbilds, des Vorbilds Jesus Christus, auf vorzügliche Weise widerspiegeln und „an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilhaben“ (vgl. Röm 8,29).

Noch bevor Maria Vorbild der Heiligkeit ist, ist sie „Gnadenspenderin“. Die Marienverehrung bringt, wenn sie aufgeklärt und kirchlich ist, die Gläubigen niemals vom einzigen Mittler ab, sondern sie führt hin zu ihm.

Wer eine echte Erfahrung der Gegenwart Mariens in seinem Leben machen durfte, ist sich bewusst, dass sie ganz und gar vom Evangelium und einer tiefen Erkenntnis Christi geprägt ist. Maria steht geistig andauernd vor dem ganzen Gottesvolk, um immer wieder jene Worte zu wiederholen, die sie auf der Hochzeit zu Kanaan sagte: „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2,5).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]