P. Raniero Cantalamessa hält dritte Fastenpredigt im Vatikan: "Wenn du umkehrst"

Ansprache über die Krise des Priesters

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ROM, 26. März 2010 (ZENIT.org).-"Treue! Der Heilige Vater hat dieses Wort als Hauptthema über das Programm zum diesjährigen Priesterjahr gestellt: „Treue Christi und Treue des Priesters". Das Wort Treue hat zwei grundlegende Bezugspunkte. Der erste bezieht sich auf das Durchhaltevermögen und der zweite auf die Zuverlässigkeit, die Ehrenhaftigkeit, genau das Gegenteil der Untreue, der Lüge und des Verrates", erklärte P. Raniero Cantalamessa heute morgen vor Papst und Kurie im Vatikan. Wir veröffentlichen den vollständigen Wortlaut der Predigt.

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P. Raniero Cantalamessa, ofmcap.

Dritte Fastenpredigt

„WENN DU UMKEHRST..."

1. Die Krise des Priesters

In der Schrift finden wir die Beschreibung der inneren Krise eines Priesters, in der sich viele Seelsorger von heute, da bin ich mir sicher, wiedererkennen würden. Es handelt sich dabei um die Beschreibung des Jeremias, der - bevor er zu einem Propheten wurde - ein Priester war, um „die Worte Jeremias, des Sohnes Hilkijas, aus der Priesterschaft zu Anatot im Land Benjamin." (Jer 1,1).

„Fürwahr, Herr, ich habe dir mit gutem Willen gedient, ich bin für den Feind bei dir eingetreten ... Ich sitze nicht heiter im Kreis der Fröhlichen; von deiner Hand gepackt, sitze ich einsam; ... Wie ein versiegender Bach bist du mir geworden, ein unzuverlässiges Wasser" (Jer 15, V.11. 17.18). In einem anderen Moment tritt die Krise noch offener zutage: „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören; du hast mich gepackt und überwältigt. Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich! Ja, sooft ich rede, muss ich schreien...Denn das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Spott und Hohn. Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer" (Jer 20, 7-9).

Was ist die Antwort Gottes an den Propheten in Krise? Kein: „Ach du Armer, ja, du hast Recht, wie unglücklich du doch bist!" „Darum - so spricht der Herr: Wenn du umkehrst, lasse ich dich umkehren, dann darfst du wieder vor mir stehen. Redest du Edles und nicht Gemeines, dann darfst du mir wieder Mund sein. Jene sollen sich dir zuwenden, du aber wende dich ihnen nicht zu" (Jer 15, 19). Mit anderen Worten: Umkehr!

Als wir von der Neuheit des Amtes im Neuen Bund sprachen, haben wir gesehen, dass sie in der Gnade besteht, das heißt in der Tatsache, dass das Geschenk der Pflicht vorangeht und dass die Pflicht gerade dem Geschenk entspricht. Wenden wir nun dieses Grundprinzip auf das Priesteramt an. Was wir bisher in Betracht gezogen haben, bildete die priesterliche Gnade, das empfangene Geschenk: Diener Christi, Spender der Geheimnisse Gottes. Wir können unsere Reflexionen nicht abschließen, ohne auch die Pflicht und den Aufruf ins Licht zu setzen, der dem entspringt, sozusagen das „ex opere operantis" des Priestertums. Das ist der Aufruf Gottes an Jeremia: Umkehr!

Ich glaube, die vom Heiligen Vater mehrmals in der Vergangenheit geäußerte Sorge dadurch aufzugreifen, die ja zum Teil die Ausrufung dieses Priesterjahres motivierte, indem ich diese letzte Betrachtung der Notwendigkeit der inneren Reinigung der Kirche widme, angefangen beim Klerus.

Der Aufruf zur Umkehr erklingt in den entscheidenden Momenten des Neuen Testaments: Zu Beginn der Predigt Jesus: „Bekehrt euch, und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,15); zu Beginn der apostolischen Verkündigung am Pfingsttag: „Brüder, was sollen wir tun?" Und Petrus antwortet: „Kehrt um, und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen" (Apg 2, 37). Dies sind aber nicht die Kontexte, die uns Priester auf direkte Weise betreffen. Wir haben an das Evangelium geglaubt, wir sind getauft und haben den Heiligen Geist empfangen. Es gibt da ein anderes „Kehrt um!", das uns von nahem betrifft und aus dem Innern eines jeden der sieben Sendschreiben an die Gemeinden in der Geheimen Offenbarung des Johannes erklingt. Es gilt nicht den Nichtgläubigen oder Neophyten, sondern den Menschen, die bereits seit geraumer Zeit in der christlichen Gemeinde leben.

Etwas macht diese Sendschreiben besonders wichtig für uns: Sie sind an den Hirten und Verantwortlichen einer jeden der sieben Gemeinden gerichtet. „An den Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe": der Titel „Engel" würde sich nicht ohne direkten oder indirekten Bezug auf den Hirten der Gemeinde erklären. Es ist undenkbar, dass der Heilige Geist wirklichen Engeln die Verantwortung für die Schuld und die Abweichungen zuweist, zu denen es in den verschiedenen Gemeinden gekommen ist, und dass die Einladung an sie ergeht.

2. „Seid treu bis zum Ende"

Wir wollen einige dieser Sendschreiben lesen und dabei versuchen, in ihnen die Elemente einer echten Umkehr des Klerus (Diakone, Priester und Bischöfe) zu erfassen. Beginnen wir beim ersten Schreiben, das an die Gemeinde von Ephesus gerichtet ist. Wir bemerken vor allem eines. Der Auferstandene beginnt seine Rede nicht, indem er das sagt, was in der Gemeinde nicht in Ordnung ist. Dieses Schreiben beginnt wie fast alle anderen damit, dass es das Positive hervorhebt, das Gute, das in der Gemeinde geschieht: „Ich kenne deine Werke und deine Mühe und dein Ausharren; ich weiß: Du kannst die Bösen nicht ertragen ... und hast sie als Lügner erkannt"(Offb 2, 2).

Genau an dieser Stelle kommt es zum Ruf zur Umkehr: „Ich werfe dir aber vor, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Bedenke, aus welcher Höhe du gefallen bist. Kehr zurück (metanoeson) zu deinen ersten Werken!"

Der Aufruf zur Umkehr erscheint wie eine Rückkehr zum ursprünglichen Eifer und zur ursprünglichen Liebe zu Christus. Wer von uns Priestern erinnert sich nicht voll Rührung an den Augenblick, in dem wir uns bewusst wurden, von Gott zu seinem Dienst bestellt zu sein, den Augenblick der Profess für die Ordensleute, die Begeisterung der ersten Jahre im Dienst als Priester? Es ist wahr, dass damals auch der Faktor des Alters, der Jugend eine Rolle spielte. Doch in diesem Fall handelt es sich nicht um „Natur": Gnade war es damals, und Gnade kann es heute sein.

„Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist" (2 Tim 1,6). Der griechische Begriff, der mit „entfachen" übersetzt wird, suggeriert die Vorstellung eines Hauchens auf das Feuer, damit es neu auflodert, eines Entflammens der Kerze. In einer der Adventsbetrachtungen haben wir gesehen, dass die bei der Weihe empfangene sakramentale Salbung durch das Gebet und einen Sprung des Glaubens neu aktiv und wirksam werden kann. Auch der Verfasser des Briefes an die Hebräer mahnte die ersten Christen, sich an ihre anfängliche Begeisterung zu erinnern: „Erinnert euch an die früheren Tage..." (Hebr 10,32).

Mit dem Schreiben an die Gemeinde von Ephesus erhalten wir also die dringende Aufforderung, die frühere Liebe und den früheren Eifer wiederzuerlangen. Eine weitere Komponente der priesterlichen Umkehr finden wir im Schreiben an die Gemeinde von Smyrna. Auch hier stellt der Auferstandene vor allem das Positive ins Licht: „Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut" (Offb 2,9), aber es folgt sehr bald der Aufruf: „Sei treu bis in den Tod; dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben".

Treue! Der Heilige Vater hat dieses Wort als Hauptthema über das Programm zum diesjährigen Priesterjahr gestellt: „Treue Christi und Treue des Priesters". Das Wort Treue hat zwei grundlegende Bezugspunkte. Der erste bezieht sich auf das Durchhaltevermögen und der zweite auf die Zuverlässigkeit, die Ehrenhaftigkeit, genau das Gegenteil der Untreue, der Lüge und des Verrates.

Die erste Bedeutung ist jene, die in den Worten des Auferstandenen an die Gemeinde von Smyrna erklingt; bei der zweiten handelt es sich um jene, die der heilige Paulus in dem Text meint, den wir als Leittext für unsere Betrachtungen gewählt haben: „Als Diener Christi soll man uns betrachten und als Verwalter von Geheimnissen Gottes. Von Verwaltern aber verlangt man, dass sie sich treu erweisen" (1 Kor 4, 1-2). Dieses Wort ruft vielleicht gewollt das Wort Jesus aus dem Lukasevangelium in Erinnerung: „Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr einsetzen wird, damit er seinem Gesinde zur rechten Zeit die Nahrung zuteilt?" (Lk 12, 42). Das Gegenteil von dieser Treue und von jemanden, der nichts tut, finden wir im Gleichnis vom untreuen Verwalter (Lk 16, 1 ff.).

Dieser Treue steht die Überlieferung der Treue Christi und der Kirche diametral gegenüber, das Doppelleben, die Vernachlässigung der Pflichten des eigenen Standes, vor allem was den Zölibat und die Keuschheit betrifft. Wir wissen aus schmerzhafter Erfahrung, wie viel Schaden der Kirche und den Seelen durch diese Art der Untreue zugefügt werden kann. Das ist vielleicht die härteste Prüfung, die der Kirche in diesem Moment auferlegt ist.

3. „An die Gemeinde von Laodizea schreibe..."

Das Schreiben, das uns am meisten nachdenken lassen muss, ist jenes, das an den Engel der Gemeinde von Laodizea ergeht. Wir kennen seinen strengen Ton: „ Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien" (Offb 3, 15 ff). Die Lauheit eines Teils des Klerus, der Mangel an Eifer und die apostolische Trägheit: Ich glaube, dass es diese Dinge sind, die die Kirche noch mehr schwächen als die gelegentlichen Skandale einiger Priester, die mehr Lärm machen und bei denen es leichter ist, sich vor ihnen zu schützen. „Das große Unglück für uns Pfarrer", beklagte der Heilige Pfarrer von Ars, „besteht darin, dass die Seele abstumpft".[1] Gewiss gehörte er nicht zu diesen Pfarrern, dieser Satz aber gibt zu denken.

Man darf nicht verallgemeinern (die Kirche ist reich an heiligen Priestern, die in der Stille ihre Pflicht erfüllen), schlimm aber wäre es zu schweigen. Ein engagierter Laie sagt mir traurig: „Die Bevölkerung unseres Landes ist in den letzten 20 Jahren um über drei Millionen Einwohner angewachsen, wir Katholiken aber sind bei der Zahl von früher stehen geblieben. In unserer Kirche stimmt etwas nicht". Und da ich jenen Klerus kannte, wusste ich, was nicht in Ordnung war: Die Sorge vieler von ihnen galt nicht den Seelen, sondern dem Geld und der Bequemlichkeit.

Es gibt Orte, an denen die Kirche lebendig ist und fast nur mit dem Engagement und dem Eifer einiger Laiengläubigen und Laiengruppen evangelisiert, die zudem bisweilen behindert und voller Misstrauen betrachtet werden. Oft sind sie es, die ihre Priester antreiben, ihre Reisen und Aufenthalte bezahlen, um an Einkehrtagen oder Exerzitien teilzunehmen, die andernfalls nie stattfinden würden.

Manchmal sind jene, die am wenigsten für das Reich Gottes tun, diejenigen, die am meisten Vorteile einfordern. Der heilige Petrus und der heilige Paulus haben das Bedürfnis verspürt, vor der Versuchung zu warnen, sich als Beherrscher des Glaubens zu gebärden: „Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde!" (vgl. 1 Petr 5,3), und so schreibt der erste; „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude; denn im Glauben seid ihr fest verwurzelt," schreibt Paulus im 2. Brief an die Korinther ( 2 Kor 1, 24).

Man gebärdet sich zum Beispiel als Beherrscher des Glaubens, wenn man alle Räumlichkeiten der Pfarrei als sein Eigentum betrachtet, das nach Belieben überlassen werden kann, statt als Güter, die der ganzen Gemeinde gehören und deren Hüter und nicht Eigentümer man ist.

Als ich einmal in einem europäischen Land predigte, das in der Vergangenheit eine Schmiede von Priestern und Missionaren gewesen war und jetzt eine tiefe Krise durchmacht, fragte ich einen Priester vor Ort, worin die Ursachen hierfür zu sehen seien. „In diesem Land - so antwortete er mir - entschieden die Priester von der Kanzel herab und im Beichtstuhl alles, sogar darüber, wer wen heiraten durfte und wie viele Kinder sie haben sollten. Als sich in der Gesellschaft der Sinn für die individuelle Freiheit und das Bedürfnis nach ihr verbreitete, widersetzten sich die Leute und wendeten der Kirche den Rücken zu". Der Klerus fühlte sich mehr als „Beherrscher des Glaubens" denn als Mitarbeiter an der Freude der Leute.

Das Wort des Auferstandenen an die Gemeinde in Laodizea: „Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt" (Offb 3,17) lässt an eine weitere große Versuchung für den Klerus denken, wenn die Leidenschaft für die Seelsorge nachlässt, das heißt die Sucht nach Geld. Schon der heilige Paulus beklagte bitterliche: „Omnia quae sua sunt quaerunt, non quae Jesu Christi": Denn alle suchen ihren Vorteil, nicht die Sache Jesu Christi (Phil 2, 21). Unter den dringlichsten Empfehlungen der Ältesten in den Pastoralbriefen findet sich jene, nicht am Geld zu hängen („Er sei kein Trinker und kein gewalttätiger Mensch, sondern rücksichtsvoll; er sei nicht streitsüchtig und nicht geldgierig"; 1Tim 3, 3). Im Schreiben zum Beginn des Priesterjahres stellt der Heilige Vater den heiligen Pfarrer von Ars als ein Beispiel priesterlicher Armut vor. „Darum war er reich, um den anderen zu geben, und sehr arm für sich selbst". Er erklärte: „Mein Geheimnis ist einfach: alles geben und nichts behalten".

In seiner langen Rede über die Hirten[2] schlug der heilige Augustinus für eine gesunde Gewissenserforschung das Wort des Ezechiel gegen die nachlässigen Hirten vor. Es ist nicht schlecht, sie noch einmal zu hören, um wenigstens zu wissen, was im Priesteramt zu vermeiden ist:

„Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden? Ihr trinkt die Milch, nehmt die Wolle für eure Kleidung und schlachtet die fetten Tiere; aber die Herde führt ihr nicht auf die Weide. Die schwachen Tiere stärkt ihr nicht, die kranken heilt ihr nicht, die verletzten verbindet ihr nicht, die verscheuchten holt ihr nicht zurück, die verirrten sucht ihr nicht und die starken misshandelt ihr" (Ez 34, 2-4).

4. „Ich stehe vor der Tür und klopfe an"

Aber auch das herbe Schreiben an die Gemeinde von Laodizea ist wie alle anderen ein Liebesbrief. Dieser endet mit einem sehr bewegenden Bild aus der Bibel: „Wen ich liebe, den weise ich zurecht und nehme ihn in Zucht. Mach also Ernst, und kehr um! Ich stehe vor der Tür und klopfe an" (Offb 3,19-20).

In uns Priestern klopft Christus nicht an, um einzutreten, sondern um hinauszugehen. Wenn es um die erste Bekehrung geht, vom Unglauben zum Glauben, oder von der Sünde zur Gnade, steht Christus draußen und klopft an die Wände des Herzens, um einzutreten; wenn es um die nachfolgenden Bekehrungen geht, von einem Stand der Gnade zu einem höheren, von der Lauheit zum Eifer, geschieht das Umgekehrte: Christus ist drinnen und klopft an die Wände des Herzens, um hinauszugehen!

Ich erkläre, in welchem Sinn. In der Taufe haben wir den Geist Christi empfangen; er bleibt in uns wie in seinem Tempel (1 Kor 3,16), bis er nicht durch die Todsünde hinausgejagt wird. Es kann aber geschehen, dass dieser Geist wie in einem Herzen aus Stein gefangen ist, das sich um ihn herum bildet. Er hat nicht die Möglichkeit, sich auszudehnen und die Fähigkeiten, Handlungen und Gefühle des Menschen zu durchdringen. Wenn wir den Satz Christi lesen: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an" (Offb 3, 20), sollten wir begreifen, dass er nicht von außen, sondern von innen anklopft. Er will nicht eintreten, sondern hinausgehen.

Der Apostel sagt, dass Christus in uns „geformt" werden muss (vgl. Gal 4,19), das heißt, dass er sich in uns entfalten und seine volle Gestalt erlangen muss: Diese Entfaltung wird durch die Lauheit und ein Herz aus Stein behindert. Manchmal stehen an den Seiten der Straße große Bäume, deren vom Asphalt bedrängte Wurzeln darum kämpfen, sich auszubreiten, und dabei teilweise den Zement anheben. So müssen wir uns das Reich Gottes im Herzen des Menschen vorstellen: ein Same, der dazu bestimmt ist, ein majestätischer Baum zu werden, auf dem sich die Vögel des Himmels ausruhen, der sich jedoch mühsam entfaltet, wenn er von den irdischen Sorgen erstickt wird.

Natürlich gibt es verschiedene Stufen in dieser Situation. In der Mehrheit der auf dem geistlichen Weg engagierten Seelen ist Christus nicht wie in einer Rüstung gefangen, sondern sozusagen frei auf Bewährung. Er ist frei und kann sich bewegen, aber innerhalb bestimmter Grenzen. Dies geschieht dann, wenn man ihn in aller Stille verstehen lässt, was er von uns fordern kann und was nicht. Gebet ja, aber ohne dabei den Schlaf, die Ruhe, die gesunde Information zu kompromittieren...; Gehorsam ja, aber unsere Bereitschaft darf nicht missbraucht werden; Keuschheit ja, aber nicht soweit, dass wir uns gewisser Schauspiele berauben würden. Also: halbe Sachen.

In der Geschichte der Heiligkeit ist der heilige Augustinus das berühmteste Beispiel für die erste Umkehr, die Umkehr von der Sünde zur Gnade; das lehrreichste Beispiel für die zweite Umkehr, die Umkehr von der Lauheit zum Eifer, ist die heilige Teresa von Avila. Was sie über sich in ihrer "Vita" sagt, ist wahrscheinlich übertrieben und von der Feinheit ihres Gewissens bestimmt, es kann jedoch uns allen zu einer nützlichen Gewissenserforschung dienen: „Ich fing an, mich von einem Zeitvertreib in den anderen, von einer Eitelkeit in die andere und von einer Gelegenheit in die andere zu werfen. Zuletzt geriet ich in so viele gefährliche Gelegenheiten, und meine Seele war in eine Menge von Eitelkeiten verstrickt ... Dazu kam, dass mit dem Anwachsen meiner Sünden der Geschmack und die Freude an Tugendübungen immer mehr schwand (Teresa von Avila, Das Leben, 7. Kapitel, 1.) [...]. Ich wollte diese beiden einander so sehr entgegengesetzten Feinde miteinander versöhnen: das Leben des Geistes mit dem Gefallen und dem Zeitvertreib der Sinne".

Das Ergebnis war schließlich eine ganz tiefe Unzufriedenheit: „Ich führte ein so unvollkommenes Leben, dass ich die lässlichen Sünden fast gar nicht beachtete. Die Todsünden fürchtete ich zwar noch, doch nicht so, wie es hätte sein sollen, weil ich ihre Gefahren nicht mied. Ich kann sagen, dass diese Lebensweise eine der peinlichsten ist, die man sich meines Erachtens denken kann. Ich fand keinen Genuss in Gott und hatte auch keine Freude an der Welt. Gab ich mich weltlichen Vergnügungen hin, so peinigte mich die Erinnerung an das, was ich Gott schuldig wäre; bekräftigte ich mich die Erinnerung an das, was ich Gott schuldig wäre; beschäftigte ich mich mit Gott, ließen mir meine Neigungen keine Ruhe" (Teresa von Avila, Das Leben, 8. Kapitel, 2). Viele Priester könnten in dieser Analyse den eigentlichen Grund für ihre mangelnde Befriedigung und Unzufriedenheit entdecken.

Es war die Kontemplation des leidenden Christus, die Teresa die entscheidende Veranlassung zur Änderung verlieh, die aus ihr die Heilige und Mystikerin machte, die wir alle kennen.[3]

5. „Ich will hoffen"

Um zum Schluss zu kommen, wollen wir zur Antwort Gottes auf das Klagen des Jeremia zurückkommen. Gott offenbart seinem bekehrten Propheten Verheißungen, die eine besondere Bedeutung annehmen, liest man sie als Worte, die an uns Priester der katholischen Kirche im aktuellen Moment des schweren Unbehagens ergehen, in dem wir uns befinden: „Redest du Edles und nicht Gemeines, dann darfst du mir wieder Mund sein", das heißt: Wenn du es verstehst, das Wesentliche vom Zweitrangigen in deinem Leben zu unterscheiden, wenn du meine Billigung der Billigung der Menschen vorziehst, „darfst du mir wieder Mund sein". „Jene sollen sich dir zuwenden, du aber wende dich ihnen nicht zu": es wird die Welt sein, die deine Gunst sucht, und nicht umgekehrt. „Dann mache ich dich für dieses Volk zur festen, ehernen Mauer (dieses Wort ist jetzt an Sie gerichtet, Heiliger Vater); mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen; denn ich bin mit dir, um dir zu helfen und dich zu retten" (Jer 15, 19-20).

Was in diesem Augenblick geschieht, ist sozusagen ein Einbrechen der Hoffnung; wir müssen erneut die Enzyklika unseres Heiligen Vaters nehmen und sie lesen: „Spe salvi facti sumus". Die Schrift verweist auf verschiedene Beispiele der Hoffnung, eines aber ist besonders lehrreich und kommt der aktuellen Situation sehr nahe: das Dritte Buch der Klagelieder des Jeremia. Es beginnt in einem tröstlichen Ton: „Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat durch die Rute seines Grimms. Er hat mich getrieben und gedrängt in Finsternis, nicht ins Licht...Ein Gelächter war ich all meinem Volk, ihr Spottlied den ganzen Tag... Ich sprach: Dahin ist mein Glanz und mein Vertrauen auf den (Klgl, 3, 1.14.18).

An diesem Punkt jedoch ist es, als würde der Prophet plötzlich umdenken; er sagt zu sich selbst: „Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende. Neu ist es an jedem Morgen; groß ist deine Treue. Mein Anteil ist der Herr, sagt meine Seele, darum harre ich auf ihn" (Klgl 3,1.22-24). Es ist der Augenblick, in der er eine Entscheidung trifft: „Ich darf hoffen", der Ton ändert sich und er wandelt sich von einem Ton der Klage zu einer vertrauensvollen Hoffnung, die auf Wiederherstellung setzt: „Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht. Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn. Gut ist es für den Mann, ein Joch zu tragen in der Jugend. Er sitze einsam und schweige, wenn der Herr es ihm auflegt. Er beuge in den Staub seinen Mund; vielleicht ist noch Hoffnung" (1.25-29).

Einmal predigte ich an einem Einkehrtag für den Klerus einer amerikanischen Diözese, die von der Reaktion der öffentlichen Meinung angesichts der Skandale einiger ihrer Mitglieder erschüttert war. Es war kurz nach dem 11. September 2001, dem Tag der „Twin Towers", und der materielle Schutt schien das Symbol für anderen Schutt zu sein. Dieser Text aus der Schrift trug sichtbar dazu bei, vielen neues Vertrauen und neue Hoffnung zu schenken.

Christus leidet mehr als wir an der Erniedrigung seiner Priester und an der Qual seiner Kirche; wenn er dies erlaubt, so deshalb, weil er das Gute kennt, das daraus für eine größere Reinheit seiner Kirche hervorgehen kann. Wenn Demut vorhanden sein wird, so wird die Kirche herrlicher denn je aus diesem Krieg hervorgehen! Die Aggressivität der Medien - wir sehen es auch in anderen Fällen - erreicht langfristig gesehen die gegenteilige Wirkung. Seine Einladung: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen" erging an erster Stelle an jene, die ihn umgaben, und heute an die Priester. „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt": die schönste Frucht dieses Priesterjahres wird eine Rückkehr zu Christus sein, eine Erneuerung unserer Freundschaft mit ihm. In seiner Liebe wird der Priester all das finden, wessen er sich in einem menschlichen Sinne beraubt hat, und es wird „das Hundertfache" sein, wie er verheißen hat.

Ändern wir also die anfängliche Klage des Jeremia in Danksagung um: „Danke, Herr, dass du uns eines Tages betört hast, und danke, dass wir uns betören ließen, danke, dass du uns die Möglichkeit gegeben hast, zu dir zurückzukehren, und uns nach jedem Versuch der Flucht wieder annimmst. Danke, dass du uns die Obhut „deiner Vorhöfe" anvertraust (vgl. Sach 3,7) und uns „zu deinem Mund" machst.

[1] In: Benedikt XVI., Schreiben zum Beginn des Priesterjahres

[2] Vgl. Augustinus, Sermo 46: CCL 41, S.529 ff.

[3] Ib. 9, 1-3