P. Raniero Cantalamessa: „In den Heiligen verwirklicht sich die wahre Berufung des Menschen“

Kommentar zum Hochfest Allerheiligen

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2. November 2007 (ZENIT.org).- Der Mensch ist nicht dazu berufen, wie die Blätter, die im Herbst von den Bäumen fallen, zu verfaulen, bekräftigt P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des päpstlichen Hauses, in seinem Kommentar zum Hochfest Allerheiligen (Off 7,2-4.9-14; 1 Joh 3,1-3; Mt 5,1-12a). Die Heiligen zu betrachten heißt, „unser Schicksal zu betrachten“, und nach und nach immer klarer zu erkennen, dass man sich nicht mit „halben Sachen“ oder der Mittelmäßigkeit zufrieden geben darf.



„In den Heiligen verwirklicht sich die wahre Berufung des Menschen, die darin besteht, ‚Lobpreis der Herrlichkeit Gottes‘ zu sein.“

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Wer sind die Heiligen?

Seit langem senden die Wissenschaftler Signale ins All, dies in der Hoffung auf Antwort seitens intelligenter Wesen, die auf irgendeinem Planeten existieren. Die Kirche steht von jeher in einem Dialog mit Bewohnern einer anderen Welt: den Heiligen. Das ist es, was wir verkünden, wenn wir sagen: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen.“ Selbst wenn es intelligente Wesen außerhalb des Sonnensystems gäbe, wäre die Kommunikation mit ihnen unmöglich, da zwischen der Frage und der Antwort Millionen von Jahren liegen würden. Hier hingegen ist die Antwort unmittelbar, da es für Kommunikation und Begegnung eine Mitte gibt: den auferstandenen Christus.

Vielleicht hat das Fest Allerheiligen auch aufgrund der Zeit im Jahr, in die es fällt, etwas Besonderes, das seine Popularität und die zahlreichen Traditionen erklärt, die in einigen Teilen der Christenheit mit ihm verbunden sind. Der Grund liegt in dem, was Johannes in der zweiten Lesung sagt. In diesem Leben sind wir „Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden“ – Wir sind wie ein Embryo im Schoß der Mutter, der geboren werden will.

Die Heiligen sind schon „geboren“ (die Liturgie nennt ihren Todestag „Tag der Geburt – „dies natalis“). Sie zu betrachten heißt, unser Schicksal zu betrachten. Während sich um uns herum die Natur „entkleidet“ und die Blätter abfallen, lädt uns das Fest Allerheiligen dazu ein, in die Höhe zu blicken. Es erinnert uns daran, dass wir nicht dazu bestimmt sind, wie die Blätter auf der Erde für immer zu verfaulen.

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium handelt von den Seligpreisungen. Insbesondere eine Seligpreisung hat die Wahl dieser Stelle inspiriert: „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.“ Die Heiligen sind jene, die nach Gerechtigkeit hungerten und dürsteten, das heißt in der Sprache der Bibel: nach Heiligkeit. Sie haben sich nicht der Mittelmäßigkeit ergeben, sie haben sich nicht mit halben Sachen zufrieden gegeben.

Zu begreifen, wer die Heiligen sind, dazu verhilft uns die erste Lesung vom Tag. Sie „haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht“. Die Heiligkeit empfängt man von Christus; sie wird nicht „selbst produziert“. Im Alten Testament bedeutete „heilig sein“ von all dem „getrennt zu sein“, was unrein ist. Im christlichen Sinn heißt es dagegen mehr „vereint sein“ – natürlich mit Christus.

Die Heiligen, das heißt die Geretteten, sind nicht nur jene, die im Kalender und im Verzeichnis der Heiligen aufgezählt werden. Es gibt auch „unbekannte Heilige“: Sie haben das Leben für die Brüder riskiert; die Märtyrer der Gerechtigkeit und der Freiheit oder der Pflicht; die „heiligen Laien“, wie sie jemand einmal nannte. Ohne es zu wissen, wurden auch ihre Gewänder im Blut des Lammes weiß gewaschen, da sie nach ihrem Gewissen gelebt haben und ihnen das Wohl der Brüder am Herzen gelegen ist.

Eine Frage steigt spontan auf: „ Was machen die Heiligen im Paradies?“ Die Antwort ist auch hier in der ersten Lesung zu finden: Die Geretteten beten an; sie werfen sich vor dem Thron nieder, sie rufen: „Lob, Ehre, Segen, Gnade:“ In ihnen verwirklicht sich die wahre Berufung des Menschen, die darin besteht, „Lobpreis der Herrlichkeit Gottes“ zu sein (vgl. Eph 1,14).

Ihr Chor wird von Maria angeführt, die im Himmel ihren Lobgesang fortführt: „Meine Seele preist Gott.“ In diesem Lobpreis finden die Heiligen ihre Seligkeit und ihre Freude: „Mein Geist preist Gott.“ Der Mensch ist das, was er liebt und bewundert. Indem Gott geliebt und gepriesen wird, geht man in Gott ein, hat man Anteil an seiner Herrlichkeit und Freude.

Der heilige Simeon, der neue Theologe, hatte eines Tages eine so starke mystische Gotteserfahrung, dass er bei sich rief: „Wenn das Paradies nichts anderes ist, als das, so reicht mir das!“ Die Stimme Christi aber sprach zu ihm: „Du bist wirklich kleinlich, wenn du dich damit zufrieden gibst. Die Freude, die du erfahren hast, ist im Vergleich mit der Freude des Paradieses wie ein gemalter Himmel auf Papier gegenüber dem wahren Himmel.“

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]