P. Raniero Cantalamessa: Jesus "berührt" und heilt uns auch heute

Kommentar zum Evangelium des XXIII. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)

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ROM, 8. September 2006 (ZENIT.org).- Die Taubheit der Herzen und die Voraussetzungen für eine gelungene Kommunikation, die nur auf Liebe basieren kann, beleuchtet der Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa, Prediger des Päpstlichen Hauses, anhand der Lesungen des kommenden Sonntags (Jes 35,4-7a; Jak 2,1-5; Mk 7, 31-37).



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Effata! Öffne Dich!

Das Evangelium berichtet heute von einer wunderschönen Heilung Jesu: "Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.

Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt. Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen" (Mk 7,32-37).

Jesus vollbrachte seine Wunder nicht wie einer, der mit einem Zauberstab hantiert oder mit den Fingern schnipst. Dieser "Seufzer", der ihm in dem Augenblick entfuhr, als er die Ohren des Tauben berührte, spricht von seinem immensen Mitgefühl mit dem Leid der Leute, seiner intensiven Anteilnahme an ihrem Unglück und seinem Einsatz für sie. Bei einer anderen Gelegenheit, als Jesus viele Kranke heilte, kommentiert der Evangelist Matthäus: "Er hat unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen" (Mt 8,17).

Die Wunder Christi sind nie ein Selbstzweck; sie sind "Zeichen". Was Jesus damals für das physische Wohl einer Person tat, verweist auf das, was er täglich für das seelische Wohl jeder Person zu tun wünscht. Der Mann, den Christus heilte, war taubstumm; er konnte sich nicht mit den anderen verständigen, ihre Stimmen weder hören, noch seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken. Wenn Taubheit und Stummheit für die Unfähigkeit stehen, sich mit den Mitmenschen zu verständigen und gute, schöne Beziehungen mit ihnen einzugehen, dann müssen wir einsehen, dass wir hier alle gemeint sind, die wir mehr oder weniger taubstumm sind und folglich zu denen gehören, denen Jesus lauthals zuruft: "Effata, öffne dich!"

Der Unterschied liegt darin, dass die körperliche Taubheit nicht vom Einzelnen abhängt und deshalb vollkommen schuldlos ist, während die moralische dies sehr wohl ist. Heute wird die Bezeichnung "taub" tunlichst vermieden, und man spricht lieber von der "Unfähigkeit zu hören", um so die einfache Tatsache, nicht hören zu können, von der moralischen Taubheit zu unterscheiden.

Wir sind beispielsweise taub, wenn wir nicht auf den Hilfeschrei achten, der an uns gerichtet ist; wenn wir es bevorzugen, zwischen uns und dem Nächsten eine "doppelte Verglasung" aus Gleichgültigkeit aufzurichten. Eltern sind taub, wenn sie nicht verstehen, dass hinter mancher merkwürdigen oder unordentlichen Haltung der Söhne eine versteckte Bitte steckt, die nach Aufmerksamkeit und Liebe verlangt. Ein Ehemann ist taub, wenn er in der Nervosität seiner Frau nicht das Zeichen von großer Ermüdung entdeckt oder die Notwendigkeit einer Aussprache. Und umgekehrt gilt das auch für die Ehefrau.

Wir sind stumm, wenn wir uns aus verletztem Stolz heraus verschließen und schweigen, während wir möglicherweise mit nur einem einzigen Wort der Entschuldigung und des Verzeihens den Frieden und die häusliche Ruhe zurückholen könnten. Ordensleute wie wir, also Mönche und Nonnen, verfügen am Tag über gewisse Zeiten der Stille, und manchmal bekennt jemand in einer Selbstanklage: "Ich habe die Stille gebrochen." Ich denke, dass wir uns manchmal genau des Gegenteils beschuldigen sollten und dann vielmehr sagen müssten: "Ich habe die Stille nicht gebrochen."

Die Qualität eines Gesprächs hängt aber nicht davon ab, ob gesprochen wird oder nicht, sondern davon, ob es aus Liebe geschieht – mit oder ohne Worte. Der heilige Augustinus sagte in einer Ansprache ans Volk: "Es ist unmöglich, unter jedem Umstand zu wissen, was jeweils gerecht ist und was es zu tun gilt: zu reden oder zu schweigen, etwas zu korrigieren oder es durchgehen zu lassen. Aber hier gebe ich euch eine kleine Richtlinie, die für alle Fälle gilt: 'Liebe – und tue, was du willst.'" Sorge dich darum, dass in deinem Herzen Liebe ist, denn dann wird dein Reden ein Reden aus Liebe sein, und dein Schweigen ein Schweigen aus Liebe; dann wird alles gut, weil aus Liebe nichts anderes hervorgeht als das Gute.

Die Bibel erlaubt es uns zu verstehen, wo der Bruch der Kommunikation anfängt, wo unsere Schwierigkeit liegt, auf gesunde und schöne Weise miteinander umzugehen: Während Adam und Eva ein gutes Verhältnis zu Gott hatten, war auch ihr gegenseitiges Verhältnis schön und aufregend: "Das ist Fleisch von meinem Fleisch…" Sobald aber ihr Verhältnis zu Gott Schaden nimmt, fangen die gegenseitigen Beschuldigungen an: "Er ist es gewesen, sie ist es gewesen…" An diesem Punkt gilt es jedes Mal, wieder neu anzusetzen.

Jesus ist gekommen, uns mit Gott zu versöhnen, und das versöhnt in der Folge mit den anderen. Jesus tut das vor allem durch die Sakramente. Die Kirche hat in diesen anscheinend merkwürdigen Gesten, die Jesus gegenüber dem Taubstummen einsetzt (er steckt die Finger in die Ohren und berührt seinen Mund), immer ein Symbol für die Sakramente gesehen, dank derer er fortfährt, uns physisch zu "berühren", um uns seelisch zu heilen. Deshalb werden bei der Taufe beim Täufling diese Gesten wiederholt, die Jesus gegenüber dem Taubstummen setzte: Er legt ihm die Finger in die Ohren, berührte dann die Zunge und sagte: "Effata! Öffne dich!" Besonders hilft uns das Sakrament der Eucharistie, jede verbaute Kommunikation mit dem Nächsten zu überwinden, und lässt uns zudem die noch wundervollere Gemeinschaft mit Gott erleben.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]