P. Raniero Cantalamessa: Jesus, der gute Hirte

Kommentar zum Evangelium des vierten Sonntags der Osterzeit (Lesejahr C)

| 1464 klicks

ROM, 27. April 2007 (ZENIT.org).- Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe. Christus ist der gute Hirt der Menschheit, der bei den Menschen wohnt und sie liebt. Dies hebt P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, in seinem Kommentar zum kommenden vierten Sonntag der Osterzeit hervor (Apg 13,14.43b-52; Offb 7,9-17; Joh 10,27-30). Jesus kenne seine Jünger, und er nenne sie bei ihrem jeweiligen Namen. Für ihn selbst gebe es allerdings nur den einen: Er liebt jeden von uns. Für jeden von uns hat er sein Leben hingegeben.



* * *



„Ich bin der gute Hirt“

In allen drei Lesejahren legt der vierte Ostersonntag einen Abschnitt des Johannesevangeliums über den guten Hirten vor. Nachdem uns das Evangelium am vergangenen Sonntag unter die Fischer geführt hat, führt es uns jetzt unter die Hirten – zwei Kategorien, die in den Evangelien dieselbe Wichtigkeit genießen: Von der einen kommt der Titel „Menschenfischer“, der den Aposteln gegeben wurde, von der anderen der Titel „Hirten der Seelen“.

Judäa war zum Großteil eine Hochebene mit schroffem und steinigem Terrain, das sich mehr für die Hirtentätigkeit als für die Landwirtschaft eignete. Das Gras war spärlich, und die Herde musste ständig von einem Platz zum anderen überwechseln. Es gab keine Schutzmauern, und so war die ständige Anwesenheit des Hirten unter der Herde erforderlich. Ein Reisender des letzten Jahrhunderts hat uns ein Bild des Hirten im Palästina der damaligen Zeit hinterlassen: „Wenn man ihn auf einer Weide sieht – schlaflos, mit dem Blick, der in der Ferne Ausschau hält, immer achtsam auf die Bewegungen der Herde –, so versteht man, warum der Hirte in der Geschichte Israels eine so große Bedeutung erhalten hat, dass sie diesen Titel ihren Königen gegeben haben, und warum Christus ihn als Emblem des Opfers seiner selbst angenommen hat.“

Im Alten Testament wird Gott selbst als Hirte seines Volkes dargestellt. „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“ (Ps 23,1). „Denn er ist unser Gott, wir sind das Volk seiner Weide, die Herde, von seiner Hand geführt“ (Ps 95,7). Auch der künftige Messias wird mit dem Bild des Hirten beschrieben: „Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam“ (Jes 40,11). Dieses vollkommene Bild des Hirten findet seine volle Verwirklichung in Christus. Er ist der gute Hirte, der sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf macht; er hat mit dem Volk Mitleid, weil er in ihm „Schafe ohne Hirten“ erkennt (vgl. Mt 9,36); er nennt seine Jünger „die kleine Herde“ (Lk 12,32). Petrus bezeichnet Jesus als „den Hirten unserer Seelen“ (1 Petr 2,25), und im Brief an die Hebräer ist vom„großen Hirten der Schafe“ die Rede (vgl. Heb 13,20).

Von Jesus als dem guten Hirten hebt der Abschnitt des Evangeliums von diesem Sonntag einige Charakteristiken hervor. Die erste betrifft die gegenseitige Kenntnis von Herde und Hirt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir.“ In bestimmten Nationen Europas werden die Schafe in erster Linie wegen ihres Fleisches gezüchtet; in Israel werden die Schafe aber vor allem wegen ihrer Wolle und ihrer Milch gezüchtet. Sie blieben deshalb jahrelang in der Gesellschaft des Hirten, der schließlich den Charakter jedes einzelnen Schafes kannte und es mit einem Kosenamen rief.

Es ist klar, dass Jesus genau das mit diesen Bildern sagen will. Er kennt seine Jünger (und als Gott alle Menschen). Er kennt sie „beim Namen“, was für die Bibel heißt: in ihrem innersten Wesen. Er liebt sie mit einer persönlichen Liebe, die einen jeden so erreicht, als wäre er der einzige, der vor ihm steht. Christus kann nur bis eins zählen – und dieses „Eins“ ist ein jeder von uns!

Der Abschnitt aus dem Evangelium sagt uns noch etwas über den guten Hirten. Er „gibt sein Leben hin für die Schafe, und keiner wird sie ihm entführen können“. Der Alptraum der Hirten Israels waren die wilden Tiere – Wölfe und Hyänen – und die Briganten. In isolierten Gegenden stellten sie eine ständige Bedrohung. Das war der Moment, in dem der Unterschied zwischen dem wahren Hirten und dem bezahlten Hirten auftauchte: zwischen dem, der die Schafe der Familie weidet und der zum Hirten berufen ist, und jenem, der nur um des Geldes wegen den Hirtendienst übernimmt und die Schafe aber nicht liebt, sondern vielmehr hasst. Der Söldner flieht vor der Gefahr und überlässt die Schafe dem Wolf oder dem Briganten; der wahre Hirt hingegen tritt der Gefahr mutig entgegen, um die Herde zu retten. Dies erklärt, warum die Liturgie uns das Evangelium vom guten Hirten in der Osterzeit vorschlägt: Ostern war der Augenblick, in dem Christus gezeigt hat, dass er der gute Hirte ist, der das Leben für seine Schafe gibt.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]