P. Raniero Cantalamessa: Jesus könnte bei mir vorbeikommen, ohne dass ich es merke

Kommentar zum Evangelium des XIV. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B)

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ROM, 7. Juli 2006 (ZENIT.org).- Jesus wird in seiner "Heimatstadt" – unter denen, die sich "Christen" nennen – auch heute noch abgelehnt, bekräftigt P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, in seinem Kommentar zu den Lesungen des 14. Sonntags im Lesejahr B (Ez 1,13-15-2.23-25; 2 Kor 12,7-10; Mk 6,1-6). "Jesus lässt uns völlige Freiheit; er bietet uns seine Gaben an, zwingt uns aber nichts auf." Aber wenn wir zu ihm Ja sagen, dann dürften wir ein "Gnadenjahr" feiern.



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Die Ablehnung Jesu in seiner Heimat

Nachdem Jesus dank seiner Wunder und seiner Lehrtätigkeit beim Volk beliebt und berühmt geworden war, kam er eines Tages wieder in seine Heimatstadt Nazareth und begann, in der Synagoge zu lehren. Jedoch diesmal gab es keine Begeisterung und keine "Hosanna"-Rufe. Die Leute hörten ihm gar nicht richtig zu, sondern zerbrachen sich über Äußerlichkeiten den Kopf: "Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist?" Er hat doch nichts studiert, und wir kennen ihn doch ganz genau. "Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria… Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab" (vgl. Mk 6,2-3). Weil sie ihn zu kennen glaubten, meinten sie, einen Grund zu haben, ihm nicht zu glauben."

Da Jesus zu ihnen voller Trauer: "Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie" (Mk 6,4). Aus diesem Satz ist ein Sprichwort geworden: "Nemo propheta in patria" – "Niemand ist Prophet in seiner eigenen Heimat." Aber das ist nur ein Kuriosum. Diese Evangeliumsstelle birgt auch eine Lehre in sich, die uns betrifft und sich so zusammenfassen ließe: "Passt auf, dass ihr nicht den gleichen Fehler macht wie die Leute aus Nazareth!" In gewisser Weise kehrt Jesus ja auch heute immer wieder in seine Heimatstadt zurück, und zwar immer dann, wenn das Evangelium in jenen Ländern verkündet wird, die einst die Wiege des Christentums waren.

Unser Italien und Europa im Allgemeinen sind für das Christentum das, was Nazareth für Jesus war: "seine Heimatstadt" (Das Christentum entstand in Asien, wuchs aber in Europa: so wie Jesus eben in Bethlehem geboren wurde und in Nazareth heranwuchs). Wir laufen heute in dieselbe Gefahr hinein wie die Nazarener: Wir erkennen Jesus nicht. Die Verfassung des neuen vereinten Europas ist nicht der einzige Ort, von dem Jesus "vertrieben" worden ist...

Unsere Evangeliumsstelle lehrt uns etwas sehr Bedeutsames. Jesus lässt uns völlige Freiheit; er bietet uns seine Gaben an, zwingt uns aber nichts auf. Als er von seinen Landsleuten abgelehnt wird, lässt sich Jesus nicht dazu herab, beleidigende Worte auszustoßen oder Rache zu üben. Er reagiert nicht wie Publius Cornelius Scipio, jener Afrikaner, der Rom verließ und dabei gesagt haben soll: "Du undankbares Vaterland! Du sollst meine Gebeine nicht bekommen!" Jesus ging einfach woanders hin.

Als seine Jünger ein anderes Mal mit ansahen mussten, das Jesus nicht aufgenommen wurde, fragten sie ihren Herrn entrüstet: "Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet? Da wandte er sich um und wies sie zurecht" (Lk 9,54).

So handelt Jesus auch heute. "Gott ist schüchtern", könnte man sagen. Er hat einen viel größeren Respekt vor unserer Freiheit als wir miteinander. Und das bringt eine große Verantwortung mit sich. Der heilige Augustinus pflegte zu sagen: "Ich fürchte mich davor, dass Jesus vorübergeht" – "Timeo Jesum transeuntem". Es könnte ja wahrhaftig passieren, dass er bei mir vorbeikommt, ohne dass ich es merke, ohne dass ich bereit bin, ihn aufzunehmen.

Sein Kommen ist immer mit Gnaden verbunden. Markus berichtet mit knappen Worten, dass Jesus nach Nazareth kam und dort am Sabbat in der Synagoge lehrte. Das Lukasevangelium erläutert uns, was er an jenem Sabbat lehrte: Jesus sagte, er sei gekommen, "damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe" (Lk 4,18-19).

Was Jesus dort in der Synagoge von Nazareth verkündete, war somit das erste christliche Jubeljahr der Geschichte, das erste große "Gnadenjahr", an das alle anderen Jubiläen und "Heiligen Jahre" anknüpfen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]