P. Raniero Cantalamessa: Jesus offenbart und „verklärt“ sich im Evangelium

Kommentar zum 2. Fastensonntag (Lesejahr A)

| 1037 klicks

ROM, 15. Februar 2008 (ZENIT.org).- Der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., ruft in seinem Kommentar zum Evangelium des kommenden Sonntags (Gen 12,1-4a; 1 Tim 1,8b-10; Mt 17,1-9) dazu auf, den Umgang mit Jesu zu intensivieren. Nur so sei es möglich, eine ähnliche Erfahrung zu machen wie Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes auf dem Berg der Verklärung.

Der Kapuzinerpater vergleicht die Beziehung zu Christus mit einer Liebesbeziehung und erklärt: „Jesu Liebesbriefe sind das Evangelium!“

* * *

Und er wurde vor ihren Augen verwandelt

Warum nehmen Glaube und religiöse Praxis ab? Warum sind sie nicht mehr die Quelle der Lebenskraft, zumindest nicht für die meisten Menschen? Warum diese Langeweile, diese Müdigkeit, diese Mühe bei der Erfüllung der ureigenen Pflichten des Christen? Warum fühlen sich viele junge Menschen nicht mehr zum Glauben hingezogen? Und warum schließlich diese Niedergeschlagenheit und diese mangelnde Freude unter denen, die an Christus glauben? Die Evangeliumsstelle über die Verklärung hilft uns, auf all diese Fragen eine Antwort zu finden.

Welche Bedeutung hat die Verklärung wohl für die drei Jünger gehabt, die sie erleben durften? Sie kannten Jesus bereits in seiner äußeren Erscheinung. Er war für sie wie einer unter vielen; sie kannten seine Herkunft, seine Gewohnheiten, ja sogar den Tonfall seiner Stimme… Jetzt aber lernen sie einen anderen Jesus kennen – den wahren Jesus: nicht den, den man mit dem Blick des Alltags im gewöhnlichen Sonnenlicht zu erkennen vermag, sondern jenen, der die Frucht einer unerwarteten Offenbarung ist, eines Wandels, eines Geschenkes.

Damit sich die Dinge auch für uns ändern, so wie das bei diesen drei Jüngern auf dem Berg Tabor der Fall war, ist es notwendig, dass sich in unserem Leben etwas Ähnliches zuträgt – wie bei einem jungen Menschen, der sich verliebt.

Verliebt man sich in eine Person, so wird aus dem anderen, der zuvor ein Mensch unter vielen oder vielleicht jemand Unbekannter war, mit einem Schlag jemand Einzigartiger – der Einzige auf der Welt, der zählt. Alles andere wird unwichtig und rückt in den Hintergrund. Man ist völlig unfähig, an etwas anderes zu denken. Es vollzieht sich also eine echte Verklärung. Die geliebte Person wird wie in einem strahlenden Glanz gesehen. Alles an ihr scheint wunderbar zu sein, sogar die Fehler. Wenn überhaupt, dann fühlt man sich ihrer unwürdig. Die wahre Liebe macht demütig.

Sogar die Lebensgewohnheiten ändern sich. Ich habe junge Menschen kennen gelernt, denen ihre Eltern einfach nicht beibringen konnten, in der Früh aus dem Bett zu kommen und zur Schule zu gehen. Mussten sie arbeiten, dann wurden sie ihrer Arbeit rasch überdrüssig. Oder sie kümmerten sich nicht um ihre Vorlesungen und studierten, ohne jemals einen Abschluss zu bekommen. Doch dann, wenn sie sich in jemanden verliebt haben, wenn sie einander versprochen und verlobt sind, springen sie morgens aus dem Bett, drängen ungeduldig auf den Abschluss ihres Studiums und, wenn sie einer Arbeit nachgehen, bemühen sich ernsthaft, sie gut zu verrichten. Was ist passiert? Nicht viel – nur, dass sie das, was sie zuvor unter „Zwang“ getan haben, jetzt deshalb tun, weil es sie „anzieht“. Und die Anziehungskraft befähigt zu Taten, zu denen kein Zwang veranlassen kann. Sie verleiht den Beinen Flügel. „Jeder“, so sagte schon der Dichter Ovid, „wird vom Gegenstand der eigenen Leidenschaft angezogen.“

So etwas sollte sich auch einmal in unserem Leben zutragen, damit wir echte Christen werden, überzeugt und glücklich, es zu sein. „Aber die Frau oder den Mann kann man sehen und berühren“, könnte man einwenden. Darauf möchte ich antwort: Auch Jesus sieht und berührt man – aber mit anderen Augen und mit anderen Händen: mit denen des Herzens, des Glaubens.

Jesus ist auferstanden und lebt. Für den, der diese Erfahrung macht und ihn erkennt, ist er eine konkrete Person und nicht etwas Abstraktes. Ja, mit Jesus ist man sogar noch besser dran. Bei der menschlichen Verliebtheit werden dem Geliebten normalerweise auch Begabungen zugesprochen, die er vielleicht gar nicht besitzt. Mit der Zeit sieht man sich dann oft gezwungen, umzudenken. Bei Jesus gilt: Je mehr man ihn kennt und je öfter man mit ihm zusammen ist, desto mehr Motive gibt es, um in ihn verliebt zu sein und sich in der eigenen Wahl bestätigt zu wissen.

Das soll natürlich nicht bedeuten, dass man untätig abwarten soll, bis einem auch im Fall Christi der klassische „Liebespfeil“ trifft. Bleibt ein junger Mensch die ganze Zeit zu Hause, ohne jemanden zu sehen, dann wird sich in seinem Leben niemals etwas ereignen. Um sich zu verlieben, muss man häufigen Umgang miteinander haben! Ist man überzeugt davon oder glaubt man, dass es schön ist und sich lohnt, Jesus auf diese andere Art – verklärt – kennen zu lernen, dann ist es an der Zeit, mit ihm „Umgang zu haben“ und seine Schriften zu lesen.

Jesu Liebesbriefe sind das Evangelium! Dort offenbart und „verklärt“ er sich. Sein Haus ist die Kirche: Dort trifft man ihn.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]