P. Raniero Cantalamessa: Maria ist „Symbol und Garant“ der überreichen Gnade Gottes

Kommentar zum Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter

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ROM, 6. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., erklärt in seinem Kommentar zum Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria am kommenden Samstag (Gen 3,9-15.20; Eph 1,3-6.11-12; Lk 1,26-38), warum das Dogma der unbefleckten Empfängnis gerade heute von ungebrochener Aktualität ist.


In einer Zeit, in der das Sündenbewusstsein schwindet, erinnere uns diese Glaubenswahrheit nicht nur daran, dass es die Sünde gibt und dass wir gegen sie kämpfen müssen, sondern auch, dass Gott stärker ist als die Sünde.


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Ohne Sünde

Mit dem Dogma der unbefleckten Empfängnis sagt die katholische Kirche, dass Maria durch ein einzigartiges Privileg Gottes und im Hinblick auf die Verdienste des Todes Christi vor dem Makel der Erbsünde bewahrt und schon ganz heilig geboren worden ist. Vier Jahre nach der Verkündigung dieser Wahrheit durch Papst Pius IX. wurde sie von der Gottesmutter in Lourdes bei einer ihrer Erscheinungen vor Bernadette mit folgenden Worten persönlich bestätigt: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“

Das Fest der Unbefleckten Empfängnis erinnert die Menschheit daran, dass es nur eines gibt, was den Menschen wirklich befleckt – die Sünde. Das ist eine Botschaft, die heute mit neuer Kraft vorgetragen werden muss. Die Welt hat den Sinn für die Sünde verloren. Sie scherzt über sie, als wäre sie das Unschuldigste auf der Welt. Sie kokettiert mit der Vorstellung der Sünde, um ihre Produkte und Unterhaltungen attraktiver zu machen. Sie nimmt Kosenamen in den Mund, wenn sie von der Sünde, ja sogar von den schwersten Sünden spricht: kleine Sünden, kleines Laster, kleine Leidenschaft… Der Ausdruck „Erbsünde“ hat in der Werbung eine völlig andere Bedeutung als in der Bibel: Eine Sünde verleiht dem, der sie begeht, Originalität!

Die Welt fürchtet sich vor allem, nur nicht vor der Sünde. Sie fürchtet sich vor der Luftverschmutzung, vor den schweren physischen Krankheiten, vor dem Atomkrieg, und heute besonders vor dem Terrorismus. Aber sie fürchtet sich nicht vor dem Krieg gegen Gott, der der Ewige, der Allmächtige und die Liebe selbst ist. Dabei sagt Jesus doch: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, euch aber sonst nichts tun können. Ich will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der nicht nur töten kann, sondern die Macht hat, euch auch noch in die Hölle zu werfen. Ja, das sage ich euch: Ihn sollt ihr fürchten“ (Lk 12,4-5).

Diese Umstände färben auch auf die Gläubigen ab, auch wenn sie nach dem Evangelium leben wollen. Sie schläfern ihr Gewissen ein und fördern somit eine Art geistliche Anästhesie. Es gibt tatsächlich eine Narkose durch Sünde. Das christliche Volk erkennt seinen wahren Feind – den Herrn, der es gefangen hält – nur deshalb nicht mehr, weil es sich um eine „goldene Sklaverei“ handelt. Viele, die das Wort Sünde in den Mund nehmen, haben eine völlig falsche Vorstellung von ihr. Die Sünde wird entpersonalisiert und nur mehr mit Strukturen in Zusammenhang gebracht. Das geht so weit, dass sie schließlich mit den Positionen der eigenen politischen oder ideologischen Gegner identifiziert wird. Eine Umfrage zu dem, was die Leute für Sünde halten, würde wahrscheinlich Ergebnisse liefern, die uns erschrecken lassen.

Statt sich von der Sünde zu befreien, konzentrieren sich heute alle Bemühungen darauf, von den Gewissensbissen der Sünde zu befreien. Statt gegen die Sünde zu kämpfen, kämpft man gegen die Vorstellung der Sünde, die man durch das „Schuldgefühl“ ersetzt, was etwas ganz anderes ist. Man tut genau das, was sonst in allen Bereichen als das Schlechteste angesehen wird: das Problem zu leugnen, satt es zu lösen; das Böse ins Unbewusste zurückzudrängen und es dort zu begraben, statt es zu eliminieren – wie der, der meint, den Tod ausschalten zu können, indem er nicht mehr an ihn denkt, oder jener, der sich darum bemüht, das Fieber zu senken, ohne sich um die Krankheit zu kümmern, von der das Fieber ja nur das Symptom ist, das sie zu erkennen gibt. Der heilige Johannes sagte: „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner und sein Wort ist nicht in uns“ (1 Joh 1,8-10).

Gott sagt das Gegenteil. Er sagt, dass wir gesündigt haben. In der Heiligen Schrift heißt es, dass Christus „für unsere Sünden gestorben ist“ (vgl. 1 Kor 15,3). Entfernt man die Sünde, so nimmt man der Erlösung Christi ihren Sinn und zerstört die Bedeutung seines Todes. Christus hätte dann einfach nur gegen Windmühlen gekämpft und sein Blut umsonst vergossen.

Das Dogma der unbefleckten Empfängnis aber sagt uns auch etwas höchst Positives: Gott ist stärker als die Sünde.

„Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden“ (Röm, 5,20). Dafür ist Maria Symbol und Garant. Die ganze Kirche ist dazu berufen, hinter ihr „herrlich zu erscheinen“; „ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos“ (Eph 5,27).

In einem Dokument des II. Vatikanischen Konzils heißt es: „Während aber die Kirche in der seligsten Jungfrau schon zur Vollkommenheit gelangt ist, in der sie ohne Makel und Runzel ist (vgl. Eph 5,27), bemühen sich die Christgläubigen noch, die Sünde zu besiegen und in der Heiligkeit zu wachsen. Daher richten sie ihre Augen auf Maria, die der ganzen Gemeinschaft der Auserwählten als Urbild der Tugenden voranleuchtet“ (Lumen gentium, 65).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]