P. Raniero Cantalamessa: Mutter durch den Glauben

Kommentar zum Hochfest der Gottesmutter Maria

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ROM, 31. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Die Gottesmutterschaft Mariens ist „das Größte“, bekräftigt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., in seinem Kommentar zum Hochfest vom 1. Januar (Num 6,22-27; Gal 4, 4-7; Lk 2,16-21). Das „unvergleichliche Privileg“, das der Jungfrau zuteil wurde, finde sein Gegenstück in ihrem demütigen Glauben, den jeder Christ nachzuahmen aufgerufen ist.



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Mutter durch den Glauben

Am ersten Januar feiert die Kirche das Hochfest der allerseligsten „Gottesmutter“ Maria: ein Titel, der eines der größten Geheimnisse und – für den Verstand – eines der größten Paradoxe des Christentums darstellt. Es hat die Liturgie der Kirche mit Erstaunen erfüllt und sie ausrufen lassen: „Jener, den die Himmel nicht fassen können, ist in deinem Schoß geborgen, ist Mensch geworden!“

Es hat seine Richtigkeit, dass die Kirche uns dieses Fest der Mutter Gottes in der Weihnachtsoktav feiern lässt. Denn es war zu Weihnachten, in dem Augenblick, als Maria „ihren Sohn gebar, den Erstgeborenen“ (vgl. Lk 2,7) – und nicht davor –, dass Maria wahrhaft und vollends zur Mutter Gottes wurde. Mutter ist kein Titel wie die anderen, die uns gegeben werden und unser Sein nicht wirklich prägen. Mutter wird man, indem man eine Reihe von Erfahrungen durchmacht, die für immer Spuren hinterlassen und nicht lediglich den Leib der Frau verändern, sondern auch das Bewusstsein ihrer selbst.

Wenn in der Heiligen Schrift von der göttlichen Mutterschaft Mariens gesprochen wird, werden stets zwei Elemente beziehungsweise grundlegende Momente hervorgehoben, die übrigens jenen entsprechen, die die allgemeine menschliche Erfahrung als wesentlich erachtet, damit man von einer wahren und vollen Mutterschaft sprechen kann: Es handelt sich um Empfängnis und Geburt.

„Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären“ (Lk 1,31). Derjenige, der in ihr „gezeugt“ worden ist, stammt vom Heiligen Geist, und sie wird einen Sohn „gebären“ (vgl. Mt 1,20f). Die Prophezeiung Jesajas, in der alles vorausgesagt wurde, lautet ähnlich: „Die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären“ (Jes 7,14). Das ist der Grund, weshalb Maria zu Weihnachten, gerade zu dem Zeitpunkt, als sie Jesus zur Welt bringt, in vollem Sinne Mutter Gottes wird. Das erste Moment, die Zeugung, haben Vater und Mutter gemein, während das zweite, die Geburt, ausschließlich der Mutter angehört.

„Gottesmutter“ ist der älteste und wichtigste dogmatische Titel der Madonna. Er stellt das Fundament ihre gesamten Größe dar. Durch ihn ist Maria im Christentum nicht nur Gegenstand der Verehrung, sondern auch der Theologie; sie ist Teil der Abhandlung, die Gott zum Thema hat, weil Gott direkt mit der göttlichen Mutterschaft Mariens verwickelt ist. Es handelt sich auch um den ökumenischsten Titel, den es gibt, da er zumindest grundsätzlich unterschiedslos von allen christlichen Konfessionen geteilt und angenommen wird.

Im Neuen Testament finden wir den Titel „Gottesmutter“ für Maria nicht ausdrücklich vor. Wir finden jedoch Bezeugungen, in denen im Licht der aufmerksamen Betrachtung der Kirche und unter der Führung des Heiligen Geistes deutlich wird, dass sie eine solche Wahrheit bereits im Kern enthalten: Maria wird in den Evangelien häufig „Mutter Jesu“, „Mutter des Herrn“ oder einfach nur „die Mutter“ und „seine Mutter“ genannt. Diese Tatsachen stellten für die Kirche den Ausgangspunkt dar, um im ökumenischen Konzil von Ephesos im Jahr 431 die göttliche Mutterschaft Mariens und den Titel „Theotokos“, Gottesmutter, zu definieren.

Die Promulgation dieser Glaubenswahrheit ließ die Verehrung der Mutter Gottes explosionsartig steigen, die weder im Osten noch im Westen jemals zu Ende gegangen ist und die in liturgischen Festen, Ikonen, Hymnen und der Erbauung zahlreicher Kirchen, die ihr gewidmet worden sind – unter anderem der Santa Maria Maggiore in Rom – Ausdruck fand.

Die körperliche oder auch wirkliche Mutterschaft Mariens mit der außergewöhnlichen und einmaligen Beziehung, die sie zwischen ihr und Jesus beziehungsweise zwischen ihr und der ganzen göttlichen Dreifaltigkeit stiftet, ist und bleibt, objektiv betrachtet, das Größte und ein unvergleichliches Privileg: eben weil sie in Marias demütigem Glauben ein Gegenstück findet.

„Maria“, so erklärt der heilige Augustinus, „empfing Christus durch den Glauben in ihrem Herzen, bevor sie ihn in ihrem Leib empfing.“ Wir können Maria in der leiblichen Empfängnis Christi nicht nachahmen; wir können und sollten sie aber in der Empfängnis im Herzen nachahmen, das heißt im Glauben.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]