P. Raniero Cantalamessa: Mutter Teresas „dunkle Nacht“ ist einzigartig

„Ich glaube, dass Mutter Teresa die Heilige des Medienzeitalters ist“

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ROM, 28. August 2007 (ZENIT.org).- Die Erfahrung der „dunklen Nacht des Geistes“ habe die selige Mutter Teresa von Kalkutta (1910 - 1997) davor bewahrt, ein Opfer des Medienzeitalters zu werden und von sich selbst eingenommen zu sein, betonte P. Raniero Cantalamessa OFM Cap. im Hinblick auf die Veröffentlichung von bisher unveröffentlichten privaten Briefen der seligen Gründerin der Missionarinnen der Nächstenliebe.



Das Buch „Mother Teresa: Come Be My Light“ wurde von Pater Brian Kolodiejchuk, dem Postulator ihres Selig- und Heiligsprechungsprozesses, herausgegeben und erschien im „Doubleday“-Verlag.

In einem der dort abgedruckten Briefe heißt es: „Es gibt so viel Widersprüchlichkeit in meiner Seele, ein so tiefes Verlangen nach Gott, so tief, dass es weh tut; ein ständiges Leiden, und damit verbunden das Gefühl, nicht gewollt, ja zurückgestoßen zu sein von Gott – leer, ohne Glauben, ohne Liebe, ohne Eifer. Die Seelen üben keine Anziehungskraft aus. Der Himmel bedeutet nichts, er erscheint mir als leerer Ort.“

Die Tatsache, dass Mutter Teresa angesichts des starken Gefühls der Abwesenheit Gottes in ihrem Leben einen so tiefen Schmerz erfahren habe, ist nach Worten von Kapuzinerpater Cantalamessa ein positives Zeichen. „Für Mutter Teresa war das die schrecklichste Prüfung, die sie hätte durchmachen können“, erklärte er gegenüber „Radio Vatikan“. Atheisten würde eine solche Erfahrung nicht traurig stimmen.

Der Prediger des Papstes stellte klar, dass es sich bei der so genannten „dunklen Nacht des Geistes“ nicht um eine einfache Abwesenheit, sondern um eine „Gegenwart-Abwesenheit Gottes“ handle: „Gott ist da, aber man bemerkt seine Gegenwart nicht.“ Der tiefe geistliche Schmerz, den Mutter Teresa erfahren habe, mache sie nur noch größer. „Die Tatsache, dass Mutter Teresa fähig war, stundenlang wie verzückt vor dem Allerheiligsten auszuharren, wie es mehrere Augenzeugen geschildert haben… und wenn man dann noch bedenkt, in welchem Zustand sie sich befand – das bedeutet Martyrium!“

Der Kapuzinerpater würdigte in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Fähigkeit der Seligen, ihr Leid für sich zu behalten. „Vielleicht geschah es zur Sühne des weitverbreiteten Atheismus in der heutigen Welt“, fügte der Ordenspriester hinzu. Mutter Teresa habe die Erfahrung der Abwesenheit Gottes auf eine positive Weise getragen – „mit Glaube, mit Gott“.

Die dunkle Nacht des Geistes, die Mutter Teresa durchgemacht habe, brauche niemanden zu schockieren oder überraschen, bekräftigte Pater Cantalamessa. Die „dunkle Nacht“ sei in der christlichen Tradition etwas sehr Bekanntes, in der Weise, wie sie Mutter Teresa erfahren habe, allerdings möglicherweise etwas Neues, noch nicht Gehörtes.

„Während die ‚dunkle Nacht des Geistes ‘ des heiligen Johannes vom Kreuz eine allgemeine Vorbereitungsphase auf die definitive, so genannte ‚vereinende‘ Phase hin war, hat es bei Mutter Teresa den Anschein, dass es sich um einen dauerhaften Zustand handelte: von einem bestimmten Punkt ihres Lebens an, als sie dieses große Werk der Nächstenliebe begann, bis zum Ende.

Meiner Ansicht nach hat die Tatsache, dass diese ‚Nacht‘ fortdauerte, eine große Bedeutung für uns heute. Ich glaube, dass Mutter Teresa die Heilige des Medienzeitalters ist, denn diese ‚Nacht des Geistes‘ bewahrte sie davor, ein Opfer der Medien zu werden; konkret davor, sich selbst zu erhöhen. Genau das sagte sie ja, als sie große Preise und Ehrungen der Medien entgegennahm. Aufgrund dieser inneren Leere spürte sie nichts.“