P. Raniero Cantalamessa, OFMCap - Erste Fastenpredigt 2012

Der heilige Athanasius und der Glaube an die Göttlichkeit Christi

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ROM, 9. März 2012 (ZENIT.org). – In seiner ersten Fastenzeitpredigt lädt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFMCap, dazu ein, die Schönheit und den Reichtum der Glaubensinhalte der Kirchenväter neu zu entdecken.

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In Hinblick auf das vom Heiligen Vater Benedikt XVI. ausgerufene Jahr des Glaubens (12. Oktober 2012 bis 24. November 2013) wollen die vier Fastenzeitpredigten unserem Glauben neuen Schwung und Frische geben, indem sie eine neue Verbindung zu den großen Kirchenvätern der Vergangenheit herstellen. Daher der Titel des ganzen Zyklus, der dem Hebräerbrief entnommen ist: „Denkt an eure Vorsteher und ahmt ihren Glauben nach!“ (Hebr 13,7).

Wir werden mit jeder Predigt die Lehre von einem der vier großen Kirchenlehrer des Orients kennenlernen – Athanasius, Basilius, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa – um zu sehen, was ein jeder von ihnen uns in der heutigen Zeit zu sagen hat im Hinblick auf auf das Dogma, das er zu Lebzeiten verteidigt hat, d.h., die göttliche Natur Christi, der Heilige Geist, die Dreifaltigkeit und die Gotteskenntnis. Ein andermal werden wir uns dann, so Gott will, mit den großen Kirchenlehrern der Westkirche befassen: Augustinus, Ambrosius und Leo dem Großen.

Was wir von den Kirchenvätern lernen möchten, ist nicht in erster Linie, wie man den Glauben in der Welt verkündet, d.h. die Evangelisierung, und auch nicht, wie man den Glauben gegen Fehler verteidigt, d.h. die Orthodoxie. Wir wollen vielmehr unseren eigenen Glauben vertiefen und durch die Väter den Reichtum, die Schönheit und die Freude wiederentdecken, die, wie Paulus sagt, „aus Glauben zum Glauben“ entsteht (Röm 1,17), im Übergang von einem theoretischen zu einem im Leben umgesetzten Glauben. Eine Zunahme im „Umfang“ des Glaubens wird der Kirche neue Kraft geben, sich in der Welt zu verkünden und ihre Orthodoxie zu verteidigen.

Pater Henri de Lubac vertrat die Ansicht, es habe in der Geschichte nie eine Erneuerung der Kirche gegeben, die nicht zugleich auch eine Rückbesinnung auf die Väter gewesen sei. Auch das Zweite Vatikanische Konzil, dessen Eröffnung sich nun bald zum 50. Mal jährt, ist da keine Ausnahme. Es ist eng mit Zitaten aus den Werken der Kirchenväter durchwoben; unter den Hauptakteuren des Konzils waren viele Patrologen. Nach der Heiligen Schrift bilden die Kirchenväter die zweite Schicht des Bodens, auf dem Theologie, Liturgie, Bibelexegese und die gesamte Spiritualität der Kirche ruhen und aus dem sie ihre Kraft schöpfen.

In manchen gotischen Kathedralen des Mittelalters sieht man eine seltsame Darstellung: Riesige Gestalten tragen ganz kleine Menschen, die auf ihren Schultern sitzen. Es ist die in Stein gehauene Darstellung einer Überzeugung, die die Theologen der damaligen Zeit so in Worte fassten: „Wir sind wie Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, so dass wir weiter blicken können als sie; nicht, weil unser Blick schärfer ist, sondern weil wir zu riesenhafter Höhe angehoben wurden“ [1]. Diese Riesen sind natürlich die Kirchenväter. Auch wir heute sitzen auf ihren Schultern.

1. Athanasius, der Streiter um die göttliche Natur Christi.

Beginnen wir unsere Parade mit dem heiligen Athanasius, Bischof von Alexandria, 295 geboren und 373 gestorben. Wenige Väter haben die Kirchengeschichte so tief beeinflusst wie er. Man erinnert sich seiner aus vielen Gründen: weil sein Buch über das Leben des heiligen Antonius einen großen Einfluss auf die Entfaltung des Mönchtums ausübte; weil er der erste war, der die Freiheit der Kirche auch in einem christlichen Staat forderte; weil er freundschaftliche Beziehungen zu den westlichen Bischöfen unterhielt, auch dank der Kontakte, die er während seines Exils knüpfen konnte, das eine Annäherung zwischen Alexandria und Rom markierte.

Doch das ist es nicht, womit wir uns befassen wollen. Kierkegaard hat in seinem Tagebuch einen merkwürdigen Gedanken festgehalten: „Die dogmatische Terminologie der frühen Kirche ist wie ein verzaubertes Schloss, in dem die anmutigsten Prinzen und Prinzessinnen in tiefem Schlaf ruhen. Man muss sie nur aufwecken, und schon stehen sie in all ihrer Herrlichkeit vor uns“ [2]. Das Dogma, das wir mit der Hilfe des heiligen Athanasius „aufwecken“ und im Glanz all seiner Herrlichkeit betrachten wollen, ist die Göttlichkeit Christi; ihretwegen erlitt er sieben Mal das Exil.

Der Bischof von Alexandria war sich vollauf bewusst, nicht der Entdecker dieser Wahrheit zu sein. Im Gegenteil, sein ganzes Lebenswerk zielt darauf ab, zu beweisen, dass dies schon immer der Glaube der Kirche gewesen sei und dass nicht diese Wahrheit, sondern die sie leugnende Häresie neu sei. Sein Verdienst liegt eher darin, die Hindernisse aus dem Weg geräumt zu haben, die bis in seine Zeit hinein die volle und vorbehaltslose Anerkennung der göttlichen Natur Christi in der griechischen Kulturwelt verhindert hatten.

Eines dieser Hindernisse, vielleicht das wichtigste, war der griechische Brauch, das göttliche Wesen mit dem Wort „agennetos“ (nicht gezeugt) zu bezeichnen. Wie konnte man verkünden, dass das Wort wahrer Gott sei, wenn es doch Sohn war und folglich vom Vater gezeugt wurde? Da hatte Arius es leicht, die Gleichsetzung gezeugt = gemacht aufzustellen, d.h., aus dem „gennetos“ ein „genetos“ zu machen, und mit dem berühmten Satz zu enden, der die Bombe platzen ließ: „Es gab eine Zeit, als es ihn nicht gab!“ (auf Griechisch klingt es noch lapidarer: „en ote ouk en“: „es war, als er nicht war“). Damit machte man aus Christus ein Geschöpf, auch wenn er dem Rest der Schöpfung nicht gleichgesetzt war. Athanasius verteidigte mit all seinen Kräften den in Nicäa festgelegten Grundsatz „Genitus, non factus“ (gezeugt, nicht geschaffen). Er löste das Dilemma mit der einfachen Bemerkung: „Das Wort ‚agenetos‘ haben die Griechen erfunden, weil sie den Sohn nicht kannten“ [3].

Ein weiteres kulturelles Hindernis, das, auch wenn es weniger deutlich zu spüren war, der vollen Anerkennung der Göttlichkeit Christi im Wege stand, lag in der Vorstellung einer Vermittlergottheit, die „deuteros theos“ genannt wurde und die Schöpfung der materiellen Welt ausgeführt haben sollte. Seit Plato war diese Vorstellung zum gemeinsamen Nenner vieler religiöser und philosophischer Systeme der Antike geworden. Die Versuchung, den Sohn, „durch den alles geworden ist“, mit diesem Mittlergeist gleichzusetzen, hatte sich schon lange in die Spekulationen der christlichen Denker, wenn auch nicht ins Leben der Kirche eingeschlichen. Das Ergebnis war eine dreigeteilte Struktur des Seins: an der Spitze der von niemandem gezeugte Vater, nach ihm der Sohn (und später auch der Heilige Geist), und zum Schluss die Schöpfung.

Der Begriff des „Homoousios“, des „Genitus non factus“, beseitigt ein für allemal das Haupthindernis für die hellenistische Gedankenwelt, die vollwertige Göttlichkeit Christi anzuerkennen, und bewirkt eine christliche Katharsis des metaphysischen Universums der Griechen. Dank diesem Begriff geht nur eine einzige Trennlinie durch die Vertikale des Seins und diese Linie trennt nicht den Sohn vom Vater, sondern den Sohn von den Geschöpfen. Wenn man das Prinzip von Nicäa in einem Satz zusammenfassen wollte, könnte man ihn so formulieren: Zu allen Zeiten und in jedem Kulturkreis muss Christus als Gott anerkannt werden, und zwar nicht in irgendeiner Nebenbedeutung, sondern im höchsten Sinn, den das Wort „Gott“ in jener Kultur besitzt.

Athanasius hat die Verteidigung dieser Errungenschaft zu seinem Lebenszweck gemacht. Als alle, von den Kaisern bis zu den Bischöfen und Theologen, zwischen Ablehnung und Kompromissversuchen hin und her schwankten, blieb er allein fest. Es hat Momente gegeben, als der künftige gemeinsame Glaube der ganzen Kirche in nur einem Herzen lebte: in seinem. Die Einstellung, die man zu Athanasius hatte, entschied, auf welcher Seite man stand.

2. Das soteriologische Argument

Doch wichtiger als die Betonung der bekannten und unbestrittenen Tatsache, dass Athanasius einen festen Glauben an die volle Göttlichkeit Christi besaß, ist die Frage, was ihn in diesem Kampf motivierte, woher er eine so unerschütterliche Gewissheit bezog. Nicht aus der Spekulation, sondern aus dem Leben; genauer: aus der Meditation über die Erfahrung, die die Kirche von der Erlösung in Christus macht.

Athanasius verlagert das Interesse der Theologie vom Kosmos auf den Menschen, weg von der Kosmologie und hin zur Soteriologie. Indem er an die Kirchentradition der Zeit vor Origenes anknüpft, vor allem an Irenäus, verwertet Athanasius die Argumente des langen Kampfes gegen den Gnostizismus, der das Augenmerk der Theologen auf die Heilsgeschichte und die Erlösung gelenkt hatte. Christus steht nicht mehr, wie zur Zeit der Apologeten, zwischen Gott und dem Kosmos, sondern zwischen Gott und den Menschen. Dass Christus zwischen Gott und den Menschen vermittelt bedeutet jedoch nicht, dass er einen Rang zwischen Gott und den Menschen einnimmt (ontologische Mediation, die oft als ein Untergeordnetsein aufgefasst wurde), sondern, dass er Gott und den Menschen verbindet. In ihm wird Gott zum Menschen und der Mensch zum Gott, d.h., er wird vergöttlicht[4].

Vor diesem ideellen Hintergrund steht der Gebrauch, den Athanasius vom soteriologischen Argument macht, um die Göttlichkeit Christi zu beweisen. Das soteriologische Argument entsteht nicht erst im Streit gegen Arius; vielmehr ist es in allen großen christologischen Debatten der Antike enthalten, vom Streit mit den Gnostikern bis zum Streit gegen den Monotheletismus. In seiner klassischen Formulierung lautet es: „Quod non est assumptum non est sanatum“, „Was nicht erhoben wurde, ist nicht gerettet“ [5]. Dieses Argument wurde immer wieder den Umständen angepasst, damit es gegen die jeweils vorherrschende Häresie eingesetzt werden konnte: gegen die Leugnung der leiblichen Menschennatur Christi (Gnostizismus), der menschlichen Natur seiner Seele (Apollinarianismus) oder der Freiheit seines Willens (Monotheletismus).

Im Gebrauch, den Athanasius von diesem Argument macht, können wir es folgendermaßen zusammenfassen: „Was nicht von Gott angenommen wurde, ist nicht gerettet“, wobei die ganze Überzeugungskraft in dem kleinen Zusatz „von Gott“ steckt. Die Erlösung erfordert, dass der Mensch nicht von irgendeinem Vermittler angenommen wird, sondern von Gott selbst: „Wenn der Sohn ein Geschöpf wäre“, schreibt Athanasius, „bliebe der Mensch sterblich, da er nicht mit Gott vereint wäre“; und weiter: „Der Mensch wäre nicht vergöttlicht, wenn das fleischgewordene Wort nicht eines Wesens mit dem Vater wäre“[6]. Athanasius hat viele Jahrhunderte vor Heidegger und mit wesentlicher größerer Ernsthaftigkeit erkannt: „nur noch ein Gott kann uns retten“[7].

Die soteriologischen Schlussfolgerungen, die Athanasius aus dem „Homoousios“ von Nicäa zieht, sind vielseitig und tiefgreifend. Den Sohn als „eines Wesens“ mit dem Vater zu bezeichnen bedeutet, ihn auf eine so hohe Ebene zu stellen, dass nichts mehr seinem Aktionskreis entkommen kann. Es heißt auch, dass die Bedeutung Christi im selben Fundament verankert wird wie seine Natur, d.h. im Vater. Jesus Christus ist in der Geschichte der Welt keine Zweitfigur und Ergänzung Gottes, sondern im Gegenteil die Gegenwart des Vaters selbst. Athanasius schreibt:

„Der Vater mit seinem Wort, das ebenfalls Gott ist, lenkt und erhält in seiner Güte die ganze Welt, damit die Schöpfung durch das Licht seiner Führung, seiner Vorsehung und seiner Ordnung weiter existieren kann… Das allmächtige und allerheiligste Wort des Vaters durchdringt alle Dinge und erreicht mit seiner Kraft alle Orte, erleuchtet alles Seiende und umschließt und umarmt alle Dinge. Es gibt kein Wesen, das sich seiner Macht entzieht. Alle Dinge erhalten von ihm allein ihr Leben und werden von ihm am Leben erhalten: sowohl die einzelnen Geschöpfe in ihrer Individualität, als auch das erschaffene Universum in seiner Gesamtheit“. [8]

Man muss jedoch eine wichtige Präzisierung machen: Die Göttlichkeit Christi ist kein praktisches „Postulat“, wie etwa für Kant die Existenz Gottes selbst ist [9]. Kein Postulat, sondern die Erklärung einer beobachteten Tatsache. Ein Postulat und folglich eine menschliche theologische Schlussfolgerung wäre sie dann, wenn man von einer bestimmten Vorstellung der Erlösung ausginge und daraus die Göttlichkeit Christi herleitete, weil man sich jene Art der Erlösung nicht anders erklären kann. Die Erklärung einer Tatsache ist sie hingegen, wenn man wie Athanasius von einer Heilserfahrung ausgeht und beweist, dass diese nicht existieren könnte, wenn Christus nicht Gott wäre. Nicht die Erlösung erklärt die Göttlichkeit Christi, sondern die Göttlichkeit Christi erklärt die Erlösung.

3. Corde creditur! (Mit dem Herzen wird geglaubt!)

Es ist aber an der Zeit, von uns selbst zu sprechen: Was können wir heute aus dem erbitterten Kampf lernen, den Athanasius seinerzeit ausgetragen hat? Die Göttlichkeit Christi ist heute der wahre „articulus stantis et cadentis ecclesiae“, d.h. die Wahrheit, mit der die Kirche steht oder fällt. Solange die Göttlichkeit Christi von allen Christen als selbstverständlich betrachtet wurde, konnte man meinen, dieses Dogma reiche allein für eine „Rechtfertigung durch den Glauben“ aus; aber heute ist es nicht mehr so. Man kann sagen, das Hauptproblem des heutigen Menschen bestünde darin, festzulegen, wie die Sünder gerechtfertigt werden: Wenn man gar nicht mehr das Bedürfnis einer Rechtfertigung spürt oder überzeugt ist, sie in sich selbst finden zu können. „Ich selbst klage mich heute an“, lässt Sartre eine seiner Theaterfiguren von der Bühne rufen, „und nur ich kann mich auch freisprechen; ich, der Mensch. Wenn es Gott gäbe, wäre der Mensch ein Nichts“ [10].

Die Göttlichkeit Christi ist der Eckstein, der die zwei wichtigsten Mysterien des christlichen Glaubens trägt: die Dreifaltigkeit und die Menschwerdung. Sie sind wie zwei Türen, die sich gemeinsam öffnen und schließen. Wenn man diesen Stein entfernt, bricht das ganze Gebäude des christlichen Glaubens in sich zusammen: wenn der Sohn nicht Gott ist, wer bildet dann die Dreifaltigkeit? Athanasius hatte dies schon sehr deutlich erkannt, als er gegen die Arianer schrieb:

„Wenn das Wort nicht gemeinsam mit dem Vater seit aller Ewigkeit existiert, dann gibt es keine ewige Dreifaltigkeit, sondern es war zuerst eine Einheit und dann, mit der Zeit, ist durch einen Zusatz die Dreifaltigkeit entstanden“ [11].

(Dieser Gedanke einer Dreifaltigkeit, die „durch einen Zusatz“ entsteht, wurde vor nicht allzu vielen Jahren von einigen Theologen wieder vorgeschlagen, indem sie Hegels dialektisches Schema des Entstehens auf die Dreifaltigkeit anwendeten!). Lange vor Athanasius hatte schon Johannes die Verbindung zwischen diesen beiden Mysterien festgelegt: „Wer leugnet, dass Jesus der Sohn ist, hat auch den Vater nicht; wer bekennt, dass er der Sohn ist, hat auch den Vater“ (1 Joh 2,23). Diese beiden Dinge stehen oder fallen gemeinsam; aber wenn sie gemeinsam fallen sollten, müssten wir mit Paulus traurig bekennen: Wir Christen „sind erbärmlicher daran als alle anderen Menschen“ (1 Kor 15,19).

Wir müssen jene so respektvolle und zugleich so direkte Frage Jesu ernsthaft auf uns einwirken lassen: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“; und auch jene noch persönlichere Frage: „Glaubst du?“. Glaubst du wirklich? Mit ganzem Herzen? Paulus sagt, „Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen“ (Röm 10,10). Oft hat in Vergangenheit das Mundbekenntnis, also der zweite Teil dieses Vorgangs, so sehr überhandgenommen, dass es den ersten, viel wichtigeren Teil, der sich in den verborgenen Tiefen des Herzens abspielt, in den Schatten stellte. „Aus den Wurzeln des Herzens steigt der Glaube empor“, ruft Augustinus [12].

Vielleicht sollten wir Gläubige und vor allem wir Kirchenmänner die falsche Überzeugung ablegen, dass unser Glaube bereits gefestigt sei. Zweifeln sollten wir – nicht an Jesus natürlich, sondern an uns selbst – um die Suche nach einem authentischeren Glauben beginnen zu können. Vielleicht wäre es ja gut, eine Zeitlang niemandem etwas beweisen zu wollen, sondern den Glauben zu verinnerlichen und seine Wurzeln in unserem Herzen wiederzuentdecken!

Jesus fragte Petrus dreimal: „Liebst du mich?“. Er wusste, dass die Antwort beim ersten und zweiten Mal zu hastig gekommen war, um echt zu sein. Beim dritten Mal begriff Petrus endlich. Auch die Frage nach unserem Glauben muss in dieser Weise gestellt werden: dreimal und mit Nachdruck, bis auch wir begreifen und uns der Wahrheit nähern: „Glaubst du? Glaubst du? Glaubst du wirklich?“. Vielleicht werden wir am Ende antworten müssen: „Nein, Herr, ich glaube nicht wirklich mit ganzem Herzen und ganzer Seele. Stärke meinen Glauben!“.

Athanasius erinnert uns aber auch an eine andere wichtige Wahrheit: dass der Glaube an die Göttlichkeit Christi nicht möglich ist, wenn man nicht auch die Erfahrung der Erlösung durch Christus gemacht hat. Ohne diese Erfahrung wird die Göttlichkeit Christi schnell zur Idee, zur These, und bekanntermaßen kann man jeder Idee eine andere Idee und jeder These eine andere These entgegenstellen. Nur einem Leben, pflegten die Wüstenväter zu sagen, gibt es nichts entgegenzustellen.

Die Erfahrung der Erlösung macht man, indem man das Wort Gottes liest (und es für das nimmt, was es ist, nämlich Wort Gottes!), die Sakramente, vor allem die Eucharistie, austeilt und empfängt, die Charismen ausübt, mit der Gemeinschaft der Gläubigen in Verbindung bleibt, betet. Im 4. Jahrhundert stellte Euagrios das berühmte Gleichnis auf: „Wenn du ein Theologe bist, wirst du wahrhaft beten, und wenn du wahrhaft betest, wirst du ein Theologe sein“ [13].

Athanasius bewahrte die Theologie davor, in der philosophischen Spekulation der verschiedenen „Schulen“ gefangen zu bleiben, und machte aus ihr eine Vertiefung der Offenbarung im Einklang mit der Tradition. Ein bedeutender protestantischer Historiker hat Athanasius‘ großes Verdienst auf diesem Gebiet anerkannt: „Ihm verdanken wir, dass der Glaube an Christus fester Glaube an Gott blieb, im Unterschied zu allen anderen Formen des Glaubens: Den heidnischen, philosophischen, idealistischen… Mit ihm ist die Kirche wieder zur heilbringenden Institution, d.h. zur ‚Kirche‘ im eigentlichen Sinn geworden, deren Inhalt aus der Predigt Christi besteht“ [14].

Das alles betrifft uns heute ganz besonders, seit die Theologie sich als eine „Wissenschaft“ bezeichnet und an den Universitäten gelehrt wird, die weitaus weniger Kontakt zum Leben der Gemeinschaft der Gläubigen haben als zu Zeiten des Athanasius das „Didaskaleion“, die theologische Schule, die durch Clemens und Origenes in Alexandria entstanden war. Eine Wissenschaft fordert von denen, die sie praktizieren, dass sie ihr Feld „beherrschen“ und ihrem Studienobjekt gegenüber „neutral“ bleiben; aber wie kann man etwas „beherrschen“, das man kurz zuvor als seinen Gott angebetet hat? Wie kann man „neutral“ bleiben, wenn unser Studienobjekt Jesus ist? Das ist einer der Gründe, die mich dazu bewogen haben, den akademischen Unterricht aufzugeben und meine Zeit gänzlich meinem Amt als Prediger zu widmen. Ich erinnere mich noch, wie mir jedes Mal zumute war, wenn ich an theologischen Kongressen und Tagungen teilnahm, vor allem im Ausland. Ich dachte: „Da die Welt der Universitäten sich von Jesus abgewendet hat, werde ich mich von den Universitäten abwenden“.

Damit will ich nicht sagen, dass die Theologie als Studienfach von den Universitäten verschwinden soll. Gerade am italienischen Beispiel sieht man, wie negativ es sich auswirkt, wenn die staatlichen Universitäten keine theologische Fakultät besitzen. Die katholische und ganz allgemein religiöse Kultur wird in ein Ghetto verdrängt; in den Büchereien findet man kein einziges Buch über den Glauben, außer, es berührt esoterische Themen oder was sonst gerade Mode ist. Der Dialog zwischen Theologie und menschlicher Wissenschaft und Philosophie wird auf Distanz geführt, und das ist nicht dasselbe. Wenn ich mit Akademikern spreche, rate ich oft davon ab, meinem Beispiel zu folgen, das nicht mehr ist als eine persönliche Entscheidung. Stattdessen empfehle ich ihnen, ihre privilegierte Position aufs beste zu nutzen und allenfalls zu versuchen, neben Unterricht und Forschung auch noch etwas Zeit für seelsorgerische Tätigkeiten zu finden.

Wenn es also weder möglich noch wünschenswert ist, die Theologie von den Universitäten zu verbannen, gibt es jedoch eines, was die akademischen Theologen tun können: demütiger sein und ihre Grenzen anerkennen. Ihre Art zu glauben ist weder die einzige, noch die edelste. Pater Henri de Lubac schreibt: „Das Amt eines Predigers besteht nicht in der volkstümlichen Formulierung einer abstrakten, älteren und höher stehenden Lehre. Es ist im Gegenteil die Verbreitung der Lehre selbst in ihrer höchsten Form. Das gilt für die Apostel, die die ersten christlichen Prediger waren, und es gilt für alle, die ihnen in der Kirche nachgefolgt sind: Kirchenväter und Kirchenlehrer bis hin zu unseren heutigen Priestern“ [15]. Ähnlich äußert sich Hans-Urs von Balthasar, der von einer „Mission der Prediger“ spricht, „der selbst die Mission der Theologen untergeordnet ist“ [16].

4. „Habt vertrauen, ich bin es!“

Wenden wir uns zum Abschluss noch einmal der Göttlichkeit Christi zu. Sie erfüllt das gesamte christliche Leben mit Licht.

Ohne den Glauben an die Göttlichkeit Christi:

bleibt Gott uns fern,
bleibt Christus auf seine Zeit beschränkt,
ist das Evangelium eines der vielen religiösen Bücher der Menschheit,
ist die Kirche nur eine menschliche Einrichtung,
ist Evangelisierung nur Propaganda,
ist die Liturgie nur das Gedenken einer Vergangenheit, die es nicht mehr gibt,
wird die christliche Moral zu einer schweren Last und einem unangenehmen Joch.

Aber mit dem Glauben an die Göttlichkeit Christi:

ist Gott der Emanuel, der Gott, der mit uns ist,
ist Christus der Auferstandene, der im Heiligen Geist lebt,
ist das Evangelium die endgültige Offenbarung Gottes an die Menschheit,
ist die Kirche das universale Sakrament der Erlösung,
ist Evangelisierung die Mitteilung einer empfangenen Gabe,
ist die Liturgie eine freudige Begegnung mit dem Auferstandenen,
ist unser gegenwärtiges Leben der Anfang der Ewigkeit.

Denn es steht geschrieben: „Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben“ (Joh 3,36). Der Glaube an die Göttlichkeit Christi ist heute besonders wichtig, um die Hoffnung über die Zukunft der Kirche und der Welt aufrecht zu erhalten. Gegen die Gnostiker, die die menschliche Natur Christi leugneten, erhob einst Tertullian seine Stimme: „Parce unicae spei totius orbis!“, „Nehmt der Welt nicht ihre einzige Hoffnung!“ [17]. Heute müssen wir dieselben Worte an jene richten, die sich weigern, an die Göttlichkeit Christi zu glauben.

Zu den Aposteln sprach Jesus, nachdem er die Winde beruhigt hatte, Worte, die er heute für ihre Nachfolger wiederholt: „Habt vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (Mk 6,50).

[1] Bernhard von Chartres, in Johannes von Salisbury, Metalogicon, III, 4 (Corpus Chr. Cont. Med., 98, S.116).

[2] S. Kierkegaard, Tagebuch, II A 110.

[3] Athanasius, De decretis Nicenae synodi, 31.

[4] Vgl. Athanasius, De incarnatione 54; vgl. Irenäus, Adv. haer. V, praef.

[5] Gregor von Nazianz, Brief an Cledonius (PG 37, 181).

[6] Athanasius, Contra Arianos II 69 e I 70.

[7] Antwort. Martin Heidegger im Gespräch, Pfullingen 1988.

[8] Athanasius, Contra gentes 41-42.

[9] I. Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Kap. III, VI.

[10] J.-P. Sartre, Der Teufel und der liebe Gott, X, 4, Gallimard, Paris 1951, S. 267 ff.

[11] Athanasius, Contra Arianos I, 17-18 (PG 26, 48).

[12]Augustinus, Kommentar zum Johannesevangelium, 26,2 (PL 35,1607).

[13] Euagrios, De oratione 61 (PG 79, 1165).

[14] H. von Campenhausen, Griechische Kirchenväter, 8. Aufl. Stuttgart 1993.

[15] H. de Lubac, Exégèse médièvale, I, 2, Paris 1959, S. 670.

[16] H.U. von Balthasar, Das contemplative Gebet, zitiert ebd. in De Lubac.

[17] Tertullian, De carne Christi, 5, 3 (CC 2, S. 881).

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]