P. Raniero Cantalamessa OFMCap: Gott ist die Liebe

Zweite Fastenpredigt

| 1816 klicks

ROM, 1. April 2010 (ZENIT.org).- Am heutigen Vormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., in der Kapelle „Redemptoris Mater" des Apostolischen Palastes die zweite der vier traditionellen Fastenpredigten für den Papst und die Kurie. Er betrachtete das Thema: Gott ist die Liebe.

***

Die erste und grundlegende Verkündigung an die Welt, mit der die Kirche beauftragt ist und die die Welt von der Kirche erwartet, ist die der Liebe Gottes. Aber damit die Mitarbeiter der Evangelisation in der Lage sind, diese Gewissheit weiterzugeben, müssen sie selber von ihr durchdrungen sein, muss sie das Licht ihres eigenen Lebens sein. Zu diesem Ziel könnte zumindest ein klein wenig die jetzige Meditation dienen.

Der Ausdruck „die Liebe Gottes" hat zwei sehr unterschiedliche Bedeutungen: in der einen ist Gott das Objekt, in der anderen ist er das Subjekt; die eine weist auf unsere Liebe zu Gott, die andere auf die Liebe Gottes zu uns. Der menschliche Verstand, der eher dazu neigt, aktiv als passiv zu sein, hat der ersten Bedeutung immer den Vorrang gegeben, das heißt, der „Pflicht", Gott zu lieben. Auch die christlichen Predigten haben diesen Weg beschritten und sprechen in einigen Epochen fast nur von dem „Gebot", Gott zu lieben, und von den Stadien dieser Liebe.

Die biblische Offenbarung aber gibt der zweiten Bedeutung den Vorrang: der Liebe „von" Gott und nicht der Liebe „zu Gott". Aristoteles hatte gesagt, dass Gott die Welt bewege, „insofern er geliebt wird", das heißt, insofern er Objekt der Liebe und Zweckursache der Geschöpfe ist.1 Aber die Bibel sagt genau das Gegenteil, nämlich, dass Gott die Welt erschafft und bewegt, weil er sie liebt. Das Wichtigste gegenüber der Liebe Gottes ist also nicht, dass der Mensch Gott liebt, sondern, dass Gott den Menschen liebt, und dass er „ ihn zuerst liebt": „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat" (1 Joh 4, 10). Davon hängt alles andere ab, auch unsere eigene Möglichkeit, Gott zu lieben: „Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat" (1 Joh 4, 19).

1. Die Liebe Gottes in der Ewigkeit

Johannes ist ein Mann der großen Sprünge. Bei der Rekonstruktion der irdischen Geschichte Christi verweilten die anderen Evangelisten bei seiner Geburt von Maria, er aber macht einen großen Sprung zurück, von der Zeit in die Ewigkeit: „Am Anfang war das Wort". Das gleiche macht er mit der Liebe. Alle anderen, einschließlich Paulus, haben von der Liebe Gottes gesprochen, die sich in der Geschichte manifestiert und im Tod Christi gipfelt; er geht weiter in der Geschichte zurück. Er stellt uns nicht nur einen Gott vor, der liebt, sondern einen Gott, der die Liebe ist. „Am Anfang war die Liebe und die Liebe war bei Gott und die Liebe war Gott." So können wir seine Aussage: „Gott ist die Liebe" (1 Joh 4, 10) verstehen.

Augustinus hat darüber geschrieben: „Auch wenn hier in diesem ganzen Brief und auf allen Seiten der Heiligen Schrift keine weitere Lobrede auf die Liebe außer diesem einen einzigen Satz stehen würde, dass Gott die Liebe ist, müssten wir nicht weiter fragen".2 Die ganze Bibel macht nichts anderes als „von der Liebe Gottes zu erzählen"3 Dies ist die Botschaft, die alle anderen stützt und erklärt. Man diskutiert ohne Ende und nicht erst seit heute, ob Gott existiere; aber ich glaube, dass es nicht am wichtigsten ist zu wissen, ob Gott existiert, sondern, ob er die Liebe ist. Wenn er, als Hypothese, existierte, aber nicht die Liebe wäre, hätte man von seiner Existenz mehr zu befürchten als sich an ihr zu freuen, wie es bei verschiedenen Völkern und Zivilisationen der Fall ist. Der christliche Glaube versichert uns dahingegen: Gott existiert und er ist die Liebe!

Der Ausgangspunkt unseres Weges ist die Dreifaltigkeit. Warum glauben Christen an die Dreifaltigkeit? Die Antwort ist: Weil sie glauben, dass Gott die Liebe ist.4 Wo Gott als höchstes Gesetz oder höchste Macht begriffen wird, bedarf es keiner Pluralität von Personen, und darum versteht man auch die Dreifaltigkeit nicht. Recht und Macht können von nur einer Person ausgeübt werden, die Liebe nicht.

Es gibt keine Liebe, die nicht Liebe zu jemandem oder zu etwas ist, ebenso wie -sagt der Philosoph Husserl- es kein Wissen gibt, das nicht ein Wissen über etwas wäre. Wen aber liebt Gott, um Liebe zu definieren? Die Menschheit? Aber die Menschen existieren erst seit einigen Millionen Jahren; wen hat Gott vor ihnen geliebt, um Liebe zu definieren? Gott konnte nicht an einem bestimmten Punkt beginnen, Liebe zu sein, weil Gott sich in seinem Wesen nicht verändern kann. Den Kosmos? Aber das Universum existiert nur seit einigen Milliarden Jahren. Wen hat Gott davor geliebt, um sich als Liebe definieren zu können? Wir können nicht sagen: er liebte sich selbst, denn sich selbst lieben ist keine Liebe, sondern Egoismus, oder, wie die Psychologen sagen, Narzissmus.

Und hier liegt die Antwort der christlichen Offenbarung, die die Kirche von Christus bewahrt hat und in ihrem Credo ausdrückt. Gott ist Liebe in sich selbst, vor aller Zeit, denn von Ewigkeit her hat er einen Sohn, das Wort, den er mit einer unendlichen Liebe liebt, die der Heilige Geist ist. In jeder Liebesbeziehung gibt es immer drei Realitäten oder Subjekte: jemanden, der liebt, etwas, das geliebt wird und die Liebe, die beide vereint.

2. Die Liebe Gottes in der Schöpfung

Wenn sich diese tiefe Liebe in der Zeit entfaltet, dann nennen wir das Heilsgeschichte. Deren erste Etappe ist die Schöpfung. Die Liebe ist ihrer Natur nach „diffusivum sui", das heißt, sie strebt danach, sich mitzuteilen. Da „das Handeln dem Sein entspringt", erschafft Gott, der die Liebe ist, auch aus Liebe. „Warum hat Gott uns geschaffen?" lautete einmal die zweite Frage des Katechismus und die Antwort war: „Um ihn zu kennen, zu lieben und ihm in diesem Leben zu dienen und sich dann an ihm in dem anderen Leben im Paradies zu erfreuen." Eine unmissverständliche, aber partielle Antwort. Sie antwortet auf die Frage nach der Zielursache: „Zu welchem Zweck, für welches Ziel hat Gott uns erschaffen"; sie antwortet nicht auf die Frage nach der verursachenden Ursache: „Warum hat er uns geschaffen, was hat ihn dazu gebracht, uns zu erschaffen". Auf diese Antwort darf man nicht antworten: „Damit wir ihn lieben", sondern „weil er uns liebte". „Sein bedeutet Geliebtsein": Das ist nach dem Philosophen Gabriel Marcel das Prinzip der christlichen Metaphysik.

Wie weit entfernt ist unter diesem Gesichtspunkt die christliche Schöpfungslehre des Universums von der des atheistischen Szientismus, an die wir uns im Advent erinnerten! Eines der tiefsten Leiden für einen Jugendlichen oder ein Mädchen würde es bedeuten, eines Tages erkennen zu müssen, dass sie aus Zufall in der Welt sind, nicht gewollt, nicht erwartet, möglicherweise ein Fehler der Eltern. Ein bestimmter atheistischer Szientismus scheint darum bemüht zu sein, diese Art von Leiden über die ganze Menschheit zu bringen. Niemand scheint sich der Tatsache bewusst zu sein, dass wir aus Liebe geschaffen wurden. Noch besser drückt es die hl. Katharina von Siena in einem ihrer inbrünstigen Gebete zur Hl. Dreifaltigkeit aus:

„Wie hast du also, Vater, diese deine Kreatur geschaffen? [...]. Das Feuer hat dich dazu gebracht. O unfassbare Liebe, obwohl du in deinem Licht alle Bosheiten sahst, die dein Geschöpf gegen deine unendliche Güte begehen musste, richtetest du deinen Blick auf dieses, als würdest du nichts sehen, und dein Auge ruhte auf der Schönheit deines Geschöpfes, wie verrückt und trunken vor Liebe, in das du dich verliebtest und für das du dich aus Liebe hingegeben hast. Du gabst ihm das Sein nach deinem Bild und deiner Ähnlichkeit. Du, o ewige Wahrheit, hast mir deine Wahrheit verkündet, nämlich, dass die Liebe dich drängt, es zu schaffen."

Dies ist nicht nur Agape, die Liebe der Barmherzigkeit, des Schenkens oder des Herabbeugens; es ist auch Eros in seinem reinen Sinn; es ist Anziehungskraft gegenüber dem Objekt der eigenen Liebe, Hochschätzung und Faszination durch seine Schönheit.

3. Die Liebe Gott in der Offenbarung

Die zweite Etappe der Liebe Gottes ist die Offenbarung, die Schrift. Gott spricht zu uns von seiner Liebe vor allem durch die Propheten. Er sagt in Hosea: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. Sie aber haben nicht erkannt, dass ich sie heilen wollte. Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war da für sie wie die (Eltern), die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen" (Hos 11, 1-4).

Wir finden die gleiche Sprache auch in Jesaja: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn?" (Jes 49, 15) und in Jeremiah: „Ist mir denn Efraim ein so teurer Sohn oder mein Lieblingskind? Denn sooft ich ihm auch Vorwürfe mache, muss ich doch immer wieder an ihn denken. Ich muss mich seiner erbarmen" (Jer 31, 20).

In diesen Prophezeiungen drückt sich die Liebe Gottes gleichzeitig als väterliche und mütterliche Liebe aus. Die väterliche Liebe ist immer Ermutigung und Eifer; der Vater will sein Kind wachsen sehen und es zur ganzen Reife bringen. Darum korrigiert er es und lobt es in seiner Gegenwart, aus Angst, es könnte glauben, am Ziel angekommen zu sein und darum nicht mehr wachsen zu müssen. Die mütterliche Liebe dagegen zeichnet sich durch Annahme und Zärtlichkeit aus; es ist eine „hingebungsvolle" Liebe; Teil der tiefen Seinsverbindung zur Mutter, wo das Geschöpf sich gebildet hat, und von der aus seine ganze Person ausgeht und sie „ zitternd vor Erbarmen" macht.

Im menschlichen Bereich sind diese beiden Arten von Liebe -männlich und mütterlich- mehr oder weniger stark getrennt. Der Philosoph Seneca sagte: „Siehst du nicht, wie unterschiedlich die Arten der Liebe von Vater und Mutter sind? Die Väter wecken ihre Söhne früh auf, um sie zum Studium zu bringen, erlauben ihnen nicht, faul zu sein und bringen sie dazu, vor Schweiß zu triefen, manchmal auch vor Tränen. Die Mütter dagegen hätscheln sie auf ihrem Schoß, halten sie in ihrer Nähe und vermeiden es, ihnen zu widersprechen, sie zum Weinen zu bringen und sie zu ermüden."5 Während der Gott der heidnischen Philosophen gegenüber den Menschen nur „eine Seele eines Vaters hat, der sie ohne Nachsicht liebt" (so seine Worte), hat der biblische Gott hingegen auch die Seele einer Mutter, die „mit Nachsicht" liebt.

Der Mensch kennt aus der Erfahrung auch eine andere Art Liebe, eine, von der man sagt, sie sei „stark wie der Tod und ihre Glut ist eine Feuersglut" (vgl. Hl 8, 6). Gott hat auch diese Art der Liebe in der Bibel beschrieben, um uns einen Eindruck seiner leidenschaftlichen Liebe zu uns zu geben. Alle Phasen und Wechselfälle der ehelichen Liebe werden aufgezählt und zu diesem Ziel genutzt: Das Besingen der Liebe im Stadium der Wachsens während der Brautzeit ( vgl. Jer 2, 2); die Fülle der Freude bei Tag und bei Nacht ( vgl. Jes 62, 5); das Drama der Trennung (vgl. Hos 2, 4) und schließlich das hoffnungsvolle Wiederaufblühen der alten Verbindung (vgl. Hos 2, 16; Jes 54, 8).

Die eheliche Liebe ist zutiefst eine Liebe des Begehrens und der Wahl. Wenn es aber wahr ist, dass der Mensch sich nach Gott sehnt, ist es auch geheimnisvollerweise das Gegenteil wahr, das heißt, dass Gott sich nach dem Menschen sehnt, seine Liebe wünscht und hochschätzt und sich über sie freut, „wie der Bräutigam sich freut über die Braut" (Jes 62, 5).

Wie der Heilige Vater in „Deus Caritas est" erwähnt, ist die eheliche Metapher, die fast die ganze Bibel durchzieht und die Sprache des „Bundes" inspiriert, der beste Beweis, dass auch die Liebe Gottes für uns Eros und Agape ist, geben und suchen gemeinsam ist. Man kann sie nicht auf reine Barmherzigkeit reduzieren, auf ein „dem Menschen eine Wohltat tun" im eher verkürzten Sinn des Ausdrucks.

4. Die Liebe Gottes in der Fleischwerdung

So kommen wir an der höchsten Stufe der Liebe Gottes an, der Fleischwerdung: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab" (Joh 3, 16). Gegenüber der Fleischwerdung stellt sich die gleiche Frage, vor die wir gegenüber der Schöpfung gestellt wurden. Warum wurde Gott Mensch? Cur Deus homo? Für lange Zeit war die Antwort: um uns von der Sünde zu erlösen. Duns Scotus vertiefte diese Antwort, indem er aus der Liebe das grundlegende Motiv der Fleischwerdung machte, ebenso wie das Motiv für alle anderen Werke, die der Dreifaltigkeit entspringen.

Gott, sagt Scotus, liebt zunächst einmal sich selber. An zweiter Stelle möchte er, dass die anderen Geschöpfe ihn lieben („secundo vult alios habere condiligentes"). Wenn er sich zur Fleischwerdung entschließt, dann darum, weil ein anderes Geschöpf existiert, welches er mit der größtmöglichen Liebe außerhalb seiner selbst liebt.6 Die Fleischwerdung hätte auch stattgefunden, wenn Adam nicht gesündigt hätte. Christus ist der erste Gedanke und der erste Wille, „der Erstgeborene der ganzen Schöpfung" (Kol 1, 15) und nicht die Lösung eines Problems, welches der Sünde Adams folgte.

Aber auch die Antwort von Scotus ist unvollständig und wird durch das, was uns die Heilige Schrift über die Liebe Gottes sagt, vervollständigt. Gott wollte die Fleischwerdung seines Sohnes nicht nur, um jemanden außerhalb seiner selbst zu haben, der ihn in der ihm gebührenden Weise lieben würde, sondern auch und vor allem, um außerhalb seiner selbst jemanden zu haben, den er in der ihm gebührenden Weise lieben kann! Und dies ist sein fleischgewordener Sohn, an dem der Vater „sein Wohlgefallen hat" und mit dem wir alle „Söhne im Sohn" werden.

Christus ist der höchste Beweis der Liebe Gottes zu den Menschen, nicht nur im objektiven Sinne, im Sinne eines Pfandes, das man jemandem aus Liebe gibt; er ist es auch im subjektiven Sinne. Mit anderen Worten ist er nicht nur Beweis der Liebe Gottes, sondern er ist die Liebe Gottes selber, die eine menschliche Form angenommen hat, um innerhalb unserer menschlichen Daseinssituation lieben zu können und geliebt zu werden. Ein sehr alter christlicher Schriftsteller gibt so die Worte des Johannes 1, 14 wieder: „Die Liebe [des Vaters] wurde in ihm Fleisch".7

Der Heilige Paulus prägt einen eigenen Ausdruck für diese neue Art der Liebe Gottes, er nennt sie: „Die Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist" (Röm 8, 39). Wenn wie wir gesagt haben, unsere ganze Liebe zu Gott sich konkret in der Liebe zu Christus ausdrücken muss, dann deswegen, weil jede Liebe Gottes zu uns zuerst in Christus vereint und ausgedrückt ist.

5. Die Liebe Gottes ist in die Herzen eingegossen

Die Geschichte der Liebe Gottes endet nicht mit der Auferstehung Christi, sondern verlängert sich durch Pfingsten, von wo aus die „Liebe Gottes in Christus Jesus" bis ans Ende der Welt präsent und wirksam wird. Wir werden deswegen nicht darauf beschränkt, nur in der Erinnerung an die Liebe Gottes zu leben, als wäre sie etwas Vergangenes. „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist" (Röm 5, 5).

Aber was ist diese Liebe, die bei der Taufe in unsere Herzen eingegossen wird? Ist es ein Gefühl Gottes für uns? Eine wohlwollende Haltung uns gegenüber? Eine Neigung? Etwas Vorsätzliches also? Sie ist viel mehr, sie ist etwas Reales. Sie ist wörtlich die Liebe Gottes, das heißt, die Liebe, die in der Hl. Dreifaltigkeit zwischen Vater und Sohn strömt und die in der Fleischwerdung eine menschliche Form angenommen hat, an der wir jetzt in einer Form „des Einhausens" teilhaben. „Mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen" (Joh 014, 23).

Wir werden „Teilhaber an der göttlichen Natur" (2Petr 1, 4), das heißt, Teilhaber an der göttlichen Liebe. Wir beginnen, uns durch die Gnade zu finden, erklärt der hl. Johannes vom Kreuz, inmitten des Stroms der Liebe, der seit Ewigkeit in der Hl. Dreifaltigkeit zwischen dem Vater und dem Sohn fließt.8 Noch besser: zwischen dem Strom der Liebe, der jetzt im Himmel zwischen dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus fließt, der vom Tode auferstanden ist und dessen Glied wir sind.

6. Wir haben an die Liebe Gottes geglaubt!

Also, ehrwürdige Väter, Brüder und Schwestern, was ich hier bescheiden versucht habe nachzuempfinden, ist die objektive Offenbarung der Liebe Gottes in der Geschichte. Jetzt kommen wir zu uns: was tun, was sagen wir, nachdem wir gehört haben, wie sehr Gott uns liebt? Eine erste Antwort ist: Gott wiederlieben! Ist dies nicht das erste und größte Gebot des Gesetzes? Ja, aber dies kommt erst später. Eine andere mögliche Antwort: uns gegenseitig zu lieben, wie Gott uns geliebt hat! Sagt der Evangelist Johannes nicht, dass „wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben" (1 Joh 4, 11)? Auch das kommt erst später. Zuerst gibt es etwas anderes zu tun. An die Liebe Gottes glauben! Nachdem gesagt wurde, dass „Gott die Liebe ist", verkündet der Evangelist Johannes: „Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen" (1 Joh 4, 16).

Der Glaube also. Aber hier handelt es sich um einen besonderen Glauben: den staunenden Glauben, den ungläubigen Glauben (ein Paradox, ich weiß, aber es ist wahr!), den Glauben, der nicht weiß, wozu er fähig ist zu glauben, auch wenn er bereits glaubt. Wie ist es möglich, dass Gott, vollkommen glücklich in seiner ruhigen Ewigkeit, den Wunsch hatte, uns nicht nur zu schaffen, sondern auch zur Person zu werden und unter uns zu leiden? Wie ist dies möglich? Also dies ist der staunende Glaube, der Glaube, der glücklich macht.

Der große Konvertit und Apologet des Glaubens Clive Staples Lewis (Schriftsteller, und nebenbei Autor der Erzählreihe von Narnia, die vor kurzem auf die Leinwand gebracht wurde) schrieb einen einzigartigen Roman „Dienstanweisung für einen Unterteufel". Es handelt sich hierbei um Briefe, die ein alter Teufel an einen jungen und noch unerfahrenen Unterteufel schreibt, der auf der Erde damit beauftragt ist, einen jungen Londoner zu verführen, der gerade zu einer christlichen Glaubenspraxis zurückgekehrt ist. Das Ziel ist, ihm alle Tricks beizubringen, um bei dieser Absicht Erfolg zu haben. Es handelt sich um ein modernes, feinfühliges Werk der Moral und der Askese, das verkehrtherum gelesen werden muss, das heißt, genau das Gegenteil vom dem geschehen sollte, was vorgeschlagen wird.

An einer bestimmten Stelle nimmt der Autor an einer Art Diskussion teil, die sich zwischen den Dämonen entwickelt... Sie können nicht begreifen, dass der Feind (so nennen sie Gott) wirklich die „menschlichen Würmer liebt und ihre Freiheit wünscht". Sie sind sicher, dass dies nicht sein kann. Es müsse sich um einen Betrug handeln, einen Trick. Wir wurden betrogen, sagen sie, von dem Tag an, seit „Unser Vater" (so nennen sie Luzifer) sich gerade aus diesem Grund von ihm entfernt hat. Wir haben es noch nicht aufgedeckt, aber der Tag wird kommen.9 Die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen ist für sie das Geheimnis aller Geheimnisse. Und ich glaube, dass zumindest darin die Dämonen Recht haben.

Es scheint ein glücklicher und einfacher Glaube zu sein, aber er ist vielleicht eines der schwierigsten Dinge für uns menschlichen Geschöpfe. Glauben wir wirklich, dass Gott uns liebt? Nein, wenn wir es nicht wirklich glauben, oder besser noch, es nicht genügend glauben! Wenn wir es glaubten, dann wären sofort unser Leben, wir selber, die Dinge, die Ereignisse, der Schmerz selbst vor unseren Augen verwandelt. Schon heute wären wir mit ihm im Paradies, denn das Paradies ist nichts anders als dies: frohlocken in der Fülle der Liebe Gottes.

Die Welt hat es immer schwieriger gemacht, an die Liebe zu glauben. Wer einmal betrogen oder verletzt wurde, hat Angst zu lieben oder geliebt zu werden, weil er weiß, wie sehr es schmerzt, betrogen zu werden. So wird die Schar derjenigen, die es nicht schaffen, an die Liebe Gottes zu glauben, immer größer; sie glauben im Gegenteil an gar keine Liebe mehr. Der Enttäuschte und der Zyniker sind kennzeichnend für unsere säkularisierte Kultur. Auf persönlicher Ebene besteht weiterhin die Erfahrung unserer Armut und unseres Elends, die uns sagen lässt: „Ja, diese Liebe Gottes ist schön, aber nicht für mich! Ich bin ihrer nicht wert..."

Die Menschen bedürfen des Wissens darum, dass Gott sie liebt und niemand ist besser dazu im Stande, ihnen diese gute Nachricht zu bringen, als die Jünger Christi. Die andern Menschen in der Welt teilen mit den Christen die Furcht vor Gott, die Sorge um soziale Gerechtigkeit und um Respekt vor dem Menschen, um Frieden und Toleranz. Aber niemand, ich sage niemand, keiner der Philosophen, keine der Religionen, sagt dem Menschen, dass Gott ihn liebt, ihn zuerst geliebt hat und ihn mit einer Liebe voll Erbarmen und voller Sehnsucht liebt: mit Eros und Agape.

Der hl. Paulus schlägt uns eine Methode vor, wie wir diese Liebe Gottes konkret auf unsere Existenz anwenden können. Er schreibt: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat." (Röm 8, 35-37). Zu den Gefahren und den Feinden der Liebe Gottes zählt er das, was er tatsächlich in seinem Leben erfahren hat: Angst, Verfolgung und das Schwert (vgl. 2 Kor 11, 23). Diese lässt er in seinem Sinn Revue passieren und stellt fest, dass keines von ihnen so stark ist, es mit dem Gedanken an die Liebe Gottes aufzunehmen.

Wir sind dazu eingeladen, es wie er zu machen: unser Leben zu betrachten, wie es sich darstellt, die Ängste, die sich in uns eingenistet haben, die Traurigkeit, die Gefahren, die Komplexe, einen physischen oder moralischen Defekt, eine peinliche Erinnerung, die uns demütigt, an die Oberfläche zu bringen und all das in das Licht des Gedankens zu stellen, dass Gott mich liebt. Er lädt mich dazu ein, mich zu fragen: Was in meinem Leben birgt die Versuchung, mich zu deprimieren?

Über sein persönliches Leben hinaus geht der Apostel dann weiter, um die Welt zu betrachten, die ihn umgibt. „Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder der Tiefe, noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn " (Röm 8, 37-39). Er betrachtet „seine" Welt mit allen Mächten, die sie so bedrohend machen: Der Tod mit seinem Geheimnis, das gegenwärtige Leben mit seinen Verführungen, die himmlischen und höllischen Mächte, die dem antiken Menschen so viel Angst einflößten.

Wir können dasselbe tun: die Welt betrachten, die uns umgibt, und die uns Angst macht. Das, was Paulus „Höhe" und „Tiefe" nennt, ist für uns heute unendlich viel größer in der Höhe und viel kleiner in der Tiefe geworden: das Universum und das Atom. Alles ist bereit, uns zu erdrücken. Der Mensch ist schwach und allein in einem Universum, das nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die uns zeigen, dass wir es nicht regieren können, noch viel größer und noch viel angsteinflößender geworden ist. Aber nichts davon kann uns von der Liebe Gottes trennen.

Gott, der mich liebt, hat alles dies geschaffen und hält es in seiner Hand! In den Momenten der Schwierigkeiten lernen wir, zu uns selber zu sagen: „Aber Gott liebt mich und das reicht! Gott liebt mich und das genügt!".

1. Aristoteles, Metaphysik, XII, 7, 1072b, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1995 (Übs.: Horst Seidl).
2. Augustinus, In evangelium Ioannis tractatus, 7, 4.
3. Augustinus, De catechizandis rudibus, I, 8, 4: PL 40, 319.
4. Vgl. Kierkegaard, Erbauliche Reden in verschiedenem Geist, Gütersloher Verlagshaus, ²1983; Das Evangelium der Leiden, IV.
5. Seneca, De Providentia, 2, 5 s.
6. Duns Scotus, Opus Oxoniense, I, d.17, q.3, n.31; Rep., II, d.27, q. un., n.3.
7. Evangelium veritatis (vom Codex Nag-Hammadi).
8. Vgl. Hl. Johannes vom Kreuz, Der Geistliche Gesang, Herder Freiburg 2003, A, Strophe 38.
9. C.S. Lewis, The Screwtape Letters, 1942, Kap. XIX; dt. Übs.: Dienstanweisung für einen Unterteufel, Herder Freiburg 1992.
 

[Übersetzung des italienischen Originals durch Jan Bentz]