P. Raniero Cantalamessa OFMCap - Predigt am Karfreitag 2012

Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit (Offenbarung 1,18)

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ROM, 6. April 2012 (ZENIT.org). – In seiner Predigt zur Liturgie des Karfreitags 2012 im Petersdom legte der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFMCap, mit Hilfe einiger Gedanken des hl. Augustinus und anderer Kirchenväter, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi aus, und was sie für das Heil jedes einzelnen Menschen bedeuten.

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Manche Kirchenväter haben das Geheimnis der Erlösung durch ein Gleichnis umschrieben. Stell dir vor, sagen sie, es habe im Stadion einen epischen Kampf gegeben. Ein Held hat den grausamen Tyrannen herausgefordert, der die Stadt unterdrückte, und unter ungeheuren Anstrengungen und Leiden hat er ihn besiegt. Du warst unter den Zuschauern, hast nicht mitgekämpft, es hat dich keine Anstrengung und keine Wunden gekostet. Doch wenn du den Helden bewunderst, dich mit ihm über seinen Sieg freust, wenn du ihm einen Lorbeerkranz machst, die anderen Zuschauer für ihn begeisterst; wenn du dich freudig dem Triumphator beugst, sein Haupt küsst und seine Rechte erfasst; kurz, wenn du ihn so sehr verehrst, dass du seinen Sieg als deinen eigenen Sieg empfindest, dann wirst du sicherlich teilhaben am Preis des Siegers.

Doch das ist noch nicht alles. Nehmen wir an, der Sieger brauche den Preis, den er errungen hat, gar nicht für sich selbst, sondern wünsche sich von ganzem Herzen, seinen Anhänger geehrt zu sehen und betrachte die Krönung seines Freundes als den eigentlichen Preis für seinen Kampf. Wird dieser Freund dann nicht sogar die Krone bekommen, auch wenn er selbst nicht dafür gelitten und geblutet hat? Natürlich wird er sie bekommen! [1].

So, sagen diese Kirchenväter, verhält es sich zwischen Christus und uns. Er hat am Kreuz den alten Feind besiegt. „Unsere Schwerter“, sagt der heilige Johannes Chrysostomos, „sind nicht blutig geworden, wir waren nicht auf dem Schlachtfeld, sind nicht verletzt worden, haben den Kampf nicht einmal gesehen, und doch wird uns dieser Sieg geschenkt. Sein war der Kampf, unser die Krone. Und weil der Sieg auch uns gehört, lasst uns tun, was Soldaten in solchen Fällen tun: lasst uns mit freudiger Stimme den Sieg feiern und dem Herrn Loblieder singen“ [2]. Besser könnte man den Sinn der Liturgie, die wir heute feiern, nicht erklären.

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Und ist das, was wir hier tun, eigentlich ein Abbild, die Darstellung eines vergangenen Ereignisses, oder ist es das Ereignis selbst? Beides zugleich! „Wir wissen mit sicherem Glauben“, sagte Augustinus zum Volk, „dass Christus ein einziges Mal für uns gestorben ist […]. Ihr wisst genau, dass all dies ein einziges Mal geschehen ist, und dennoch wiederholt sich die Feier von Zeit zu Zeit […]. Historische Wahrheit und liturgische Feier sind keine Gegensätze, so als ob die zweite trügerisch wäre und nur die erste der Wahrheit entspräche. Was nämlich in der Geschichte nur ein einziges Mal geschehen ist, das erneuert die Feier oft in den Herzen der Gläubigen“ [3].

Die Liturgiefeier „erneuert“ das Ereignis: wie viele Diskussionen hat es in den letzten fünf Jahrhunderten über den Sinn dieses Wortes gegeben, besonders, wenn es sich auf das Opfer des Kreuzes und auf die Messe bezieht! Paul VI. hat einen anderen Ausdruck verwendet, der einer ökumenischen Verständigung über dieses Thema den Weg ebnen könnte: die Worte „gegenwärtig werden“, d.h., dass die Liturgie das historische Ereignis und mit ihm seine Wirkung wieder in die Gegenwart bringt [4].

Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen der Darstellung des Todes Christi und der, z.B., des Todes Julius Cäsars in Shakespeares Tragödie. Niemand kann als Lebender am Gedenktag seines Todes teilnehmen, außer Christus, denn er ist auferstanden. Nur er kann sagen: „Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit“ (Offb 1,18). Wir müssen achtgeben in diesen Tagen, wenn wir die sogenannten „Gräber“ besuchen oder an den Prozessionen des Leichnams Christi teilnehmen, dass wir nicht den Tadel verdienen, den der Auferstandene am Ostermorgen an die frommen Frauen richtete: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 24,5).

Es ist gewagt, aber wahr, was manche orthodoxe Autoren schreiben: „Die Anamnese, d.h. die liturgische Gedenkfeier, macht das Ereignis wahrer, als es beim ersten Mal war, als es stattfand“. In anderen Worten, es ist wahrer und wirklicher für uns, die wir es „im Geiste“ wiedererleben, als es damals für die Menschen war, die es „im Leibe“ erlebten, bevor der Heilige Geist der Kirche die volle Bedeutung der Ereignisse offenbarte.

Wir Feiern nicht nur einen Gedenktag, sondern ein Mysterium. Und wieder ist es Augustinus, der uns den Unterschied zwischen den beiden Dingen erklärt. Wenn eine Feier „nur ein Gedenktag ist“, schreibt er, dann ist nicht mehr erforderlich, als dass „man sich mit der religiösen Feier an den Tag erinnert, an dem ein bestimmtes Ereignis stattgefunden hat“. Wenn aber ein Mysterium gefeiert wird („ein Sakrament“), dann „erinnert man sich nicht nur an ein Ereignis, sondern tut es so, dass man seinen Sinn begreift und es auf heiligende Weise empfängt“ [5].

Das ist ein großer Unterschied. Man schaut nicht nur einer Darstellung zu, sondern „empfängt“ deren Sinn; man ist nicht Zuschauer, sondern Akteur. Wir haben die Wahl, welche Rolle wir in diesem Drama spielen wollen, wer wir seien wollen: Petrus, Judas, Pilatus, das Volk, Simon von Cyrene, Johannes, Maria… Niemand kann unbeteiligt bleiben; wer sich jeder Stellungnahme enthält, hat trotzdem seine Rolle gewählt: er ist Pilatus, der sich die Hände in Unschuld wäscht, oder das Volk, das aus der Ferne „dabeistand und zuschaute“ (vgl. Lk 23,35).

Wenn wir heute Abend nach Hause gehen und man uns fragt: „Wo kommst du her? Wo warst du?“, dann dürfen wir, zumindest in unserem Herzen, ruhig antworten: „Auf dem Kalvarienberg!“.

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Aber all dies geschieht nicht automatisch, nur weil wir an dieser Messe teilgenommen haben. Augustinus sagt, wir müssen den Sinn des Mysteriums „empfangen“. Das geschieht durch den Glauben. Ohne ein zuhörendes Ohr gibt es keine Musik, egal wie laut das Orchester spielt; so gibt es auch keine Gnade ohne einen Glauben, der sie empfängt.

In einer Osterpredigt des 4. Jahrhunderts gebrauchte ein Bischof Worte, die außerordentlich modern und, man könnte sagen, existenziell klingen: „Für jeden Menschen beginnt das Leben ab dem Augenblick, wenn Christus für ihn geopfert wird. Aber das Opfer Christi gilt für ihn ab dem Moment, wenn er die Gnade erkennt und sich des Lebens bewusst wird, das ihm durch jenes Opfer beschert wird“ [6].

Dies hat „auf sakramentale Weise“ mit der Taufe stattgefunden, muss aber „bewusst“ ein Leben lang immer aufs Neue erfolgen. Bevor wir sterben, müssen wir einen mutigen Handstreich wagen: uns den Sieg Christi aneignen. Eine widerrechtliche Aneignung! So etwas kommt in unserer Gesellschaft leider des Öfteren vor, aber mit Jesus ist es nicht nur erlaubt, sondern sogar wärmstens zu empfehlen. „Widerrechtlich“ bedeutet hier nur, dass sie uns nicht als unser Recht zusteht, dass wir sie nicht selbst verdient haben, sondern, dass sie uns durch den Glauben geschenkt ist.

Wir wollen doch sicherheitshalber die Meinung eines Kirchenvaters hören. Der heilige Bernhard schreibt: „Was ich nicht selbst erreichen kann, hole ich mir (wörtlich: usurpiere ich!) voller Vertrauen aus der Seitenwunde des Herrn, der so voll der Barmherzigkeit ist. Mein Verdienst ist daher die Barmherzigkeit Gottes. Ich werde nicht arm an Verdiensten sein, solange er reich an Barmherzigkeit ist. Und wenn das Erbarmen des Herrn groß ist (Ps 119, 156), dann werde auch ich Verdienste im Überfluss haben. Und was wird aus meiner Gerechtigkeit? O Herr, ich werde nur noch deine Gerechtigkeit kennen, denn sie ist auch die meine, weil du für mich von Gott gemachte Gerechtigkeit bist“ (vgl. 1Kor 1,30) [7].

Hat sich der heilige Bernhard aufgrund dieser Auffassung der Heiligkeit etwa weniger um gute Taten und Tugenden bemüht? Hat der, der als erster und mehr als alle anderen aus dieser Aneignung der Gerechtigkeit Christi den Inhalt seines Lebens und seiner Prädikation machte (vgl. Phil 3,7-9), es etwa vernachlässigt, seinen Leib zu züchtigen und zu unterwerfen (vgl. 1Kor 9,27)?

In Rom, wie leider in jeder größeren Stadt, gibt es viele Obdachlose. Jede Sprache hat einen Namen für sie: Homeless, Clochards, Penner: Menschen, die nichts besitzen außer den Lumpen, die sie tragen, und den paar Gegenständen, die sie in Plastiktüten mit sich herumschleppen. Stellen wir uns vor, eines Tages verbreite sich folgende Nachricht: in der Via Condotti (jeder weiß, was in Rom die Via Condotti bedeutet!) gibt es ein Luxusgeschäft, dessen Inhaberin aus unbekannten Gründen, sei es aus Interesse oder aus Großzügigkeit, alle Obdachlosen vom Bahnhof Termini einlädt, in ihr Geschäft zu kommen, ihre Lumpen abzulegen, fein zu duschen, und sich dann den Anzug mitzunehmen, der ihnen am besten gefällt; einfach so, kostenlos.

Jeder sagt sich: „Das ist ein Märchen, so etwas wird es nie geben!“. Stimmt; aber was es unter Menschen nie geben wird, kann jeden Tag zwischen Gott und den Menschen vorkommen, denn vor ihm sind wir jene Obdachlosen! Das ist es, was in jeder guten Beichte geschieht: du ziehst deine schmutzigen Lumpen aus, die Sünden, empfängst das Bad der Vergebung, stehst auf und bist „gekleidet in Gewänder des Heils, gehüllt in den Mantel der Gerechtigkeit“ (Jes 61,10).

Der Zöllner, der im Beispiel Jesu zum Tempel hinaufging, um zu beten, und aus tiefstem Herzen sagte: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“, kehrte als Gerechter nach Hause zurück (vgl. Lk 18,14). Er hatte sich versöhnt, hatte seine Unschuld wiedergefunden. Wenn wir seinen Glauben und seine Reue haben, wird dasselbe auch uns wiederfahren, wenn wir nach dieser Messe nach Hause gehen werden.

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Ich merke gerade, dass ich von allen Figuren der Passion, mit denen wir uns identifizieren können, einen ausgelassen habe, der am allermeisten darauf wartet, dass man seinem Beispiel folgt: den guten Schächer.

Der gute Schächer legt ein volles Geständnis seiner Sünden ab und sagt seinem Kameraden, der Jesus verhöhnt hatte: „Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan“ (Lk 23,40-41). Der gute Schächer erweist sich hier als hervorragender Theologe. Denn nur Gott kann als vollkommen Unschuldiger leiden; jedes andere Wesen muss, wenn es leidet, sagen: „Mir geschieht recht“, denn auch wer zu Unrecht verurteilt wurde, ist nie ganz ohne Schuld. Nur der Schmerz unschuldiger Kinder ähnelt dem Leiden Gottes; deshalb ist er auch so geheimnisvoll und heilig.

Wie viele schwere Verbrechen sind in letzter Zeit unaufgeklärt geblieben! Der gute Schächer spricht zu den Schuldigen: macht es wie ich, kommt zum Vorschein, gesteht eure Schuld; auch ihr werdet die Freude erfahren, die ich gespürt habe, als ich Jesus sagen hörte: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“ (Lk 23,43). Viele, die ein Verbrechen gestanden haben, können bestätigen, dass auch sie es so erlebt haben: dass sie aus der Hölle in den Himmel gekommen sind, als sie den Mut fanden, zu bereuen und ihre Schuld zu gestehen. Auch ich habe ein paar kennengelernt. Das verheißene Paradies ist der Friede des Gewissens, die Möglichkeit, in den Spiegel zu schauen oder den eigenen Kindern gegenübertreten zu können, ohne sich verachten zu müssen.

Nehmt euer Geheimnis nicht mit ins Grab; es würde euch eine viel schlimmere Strafe bescheren, als es die der Menschen ist. Unser Volk ist nicht grausam mit denen, die einen Fehler begangen haben, ihn aber aufrichtig bereuen. Im Gegenteil! Es ist bereit, Mitleid zu empfinden und den Bereuenden auf seinem Weg zur Erlösung (der auf jedem Fall kürzer sein wird) zu begleiten. „Gott vergibt Vieles für eine gute Tat“, sagt Lucia zum Ungenannten, im Roman „Die Brautleute“. Wir könnten noch viel berechtigter sagen: er vergibt Vieles für einen Reueakt. Schließlich hat er es versprochen: „Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee. Wären sie rot wie Purpur, sie sollen weiß werden wie Wolle“ (Jes 1,18).

Nun wollen wir wieder tun, was, wie wir gehört haben, unsere Aufgabe an diesem Tag ist: lasst uns mit freudiger Stimme den Sieg feiern und dem Herrn Loblieder singen. „O Redemptor sume carmen temet concinentium“ [8]: Du Erlöser, nimm diesen Gesang an, den wir zu dir erheben.

[1] Nikolaos Kabasilas, Das Leben in Christus, I, 9 (PG 150, 517).
[2] Johannes Chrysostomos, De coemeterio et de cruce (PG, 49, 596).
[3] Augustinus, Sermo 220 (PL 38, 1089).
[4] Vgl. Paul VI., Mysterium fidei (AAS 27, 1965).
[5] Augustinus, Epistel 55, 1, 2 (CSEL 34, 1, S. 170).
[6] Augustinus, Osterpredigt des Jahres 387 (SCh 36, S. 59 ff.).
[7] Bernhard von Clairvaux, Predigten über das Hohelied, 61, 4-5 (PL 183, 1072).
[8] Hymnus des Palmsonntags und der Gründonnerstagsmesse.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]