P. Raniero Cantalamessa, OFMCap - Zweite Fastenpredigt 2012

Der heilige Gregor von Nazianz, Meister im Glauben an die Dreifaltigkeit

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ROM, 16. März 2012 (ZENIT.org). – Im Mittelpunkt der zweiten Fastenpredigt von P. Raniero Cantalamessa OFMCap, dem Prediger des Päpstlichen Hauses, standen das Werk des hl. Gregor von Nazianz und die höchsten Geheimnisse unseres Glaubens: die Dreifaltigkeit und die Menschwerdung Christi.

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Vor nicht allzu vielen Jahren hat es Versuche gegeben, theologische Modelle aufzustellen, die zwar untereinander stark abwichen, aber doch offen oder verdeckt einem gemeinsamen Grundschema folgten. Dieses Schema ist ganz einfach. Die beiden höchsten Geheimnisse unseres Glaubens sind die Dreifaltigkeit und die Fleischwerdung: der eine und dreifaltige Gott; und Jesus Christus, der Gott und Mensch zugleich ist. In den Modellen, die ich meine, wird dieser Kern wie folgt vereinfacht: Gott ist einer, und Jesus Christus ist ein Mensch. Die Göttlichkeit Christi wird geleugnet und mit ihr die Dreifaltigkeit Gottes.

Das Ergebnis dieses Vorgangs ist, dass man am Ende stillschweigend und auf heuchlerische Weise die Koexistenz von zwei verschiedenen christlichen Religionen akzeptiert, die außer dem Namen nicht mehr viel gemeinsam haben: das Christentum des kirchlichen Glaubensbekenntnisses, der gemeinsamen ökumenischen Kundgebungen, das sich mit den Worten des Nicäno-Konstantinopolitanum weiterhin zum Glauben an die Dreifaltigkeit und an die Göttlichkeit Christi bekennt, und das Christentum eines Großteils der Kultur, inklusive der exegetischen und theologischen, das diese Wahrheiten ignoriert oder ganz anders interpretiert.

In diesem Klima ist eine Rückkehr zu den Kirchenvätern mehr denn je wünschenswert, nicht nur, um den Inhalt des Dogmas in seiner Geburtsstunde kennenzulernen, sondern noch viel mehr, um die lebendige Einheit zwischen Glaubensbekenntnis und gelebtem Glauben, zwischen der „Sache“ und ihrer Formulierung wiederzufinden. Für die Kirchenväter waren die Dreifaltigkeit und Einheit Gottes, genau wie die zwei Naturen und die Einheit der Person Christi, keine Wahrheiten, die man am Schreibtisch festlegt und in Büchern ausdiskutiert, sondern gelebte Realitäten. Man könnte einen in Sportkreisen vielbenutzten Spruch verwenden und sagen: Es ging für sie nicht um Leben oder Tod, sondern um viel mehr als das!

1. Gregor von Nazianz, Sänger der Dreifaltigkeit

Der Riese, auf dessen Schultern wir heute steigen wollen, ist der heilige Gregor von Nazianz, und der Horizont, auf den wir mit ihm blicken wollen, ist die Dreifaltigkeit. Von ihm stammt das großartige Bild der schrittweisen Offenbarung der Dreifaltigkeit und der pädagogischen Kunst Gottes. Das Alte Testament, so Gregor, verkündet klar die Existenz des Vaters und spielt sanft auf die des Sohnes an; das Neue Testament verkündet klar den Sohn und beginnt auf die Göttlichkeit des Heiligen Geistes anzuspielen; nun gewährt uns der Geist in der Kirche eine klare Offenbarung seiner selbst, und der Glanz der Heiligsten Dreifaltigkeit zeigt sich deutlich. Gott hat sich schrittweise offenbart, indem er sich den Zeiten und den Begriffsmöglichkeiten der Menschen anpasste [1].

Diese Dreiteilung hat nichts mit der von Joachim von Fiore vertretenen These der drei getrennten Epochen der Heilsgeschichte zu tun: die des Vaters im Alten Testament, die des Sohnes im Neuen Testament und die des Heiligen Geistes in der Kirche. Die von Gregor getroffene Unterscheidung bezieht sich auf den Ablauf der Offenbarung und nicht auf die Gegenwart oder das Wirken der drei Personen, die zu jeder Zeit gemeinsam gewirkt haben.

Wegen seines Beitrags zum Verständnis des Trinitätsdogmas hat Gregor von Nazianz von der Tradition den Beinamen „der Theologe“ (ho Theólogos) bekommen. Sein Verdienst ist es, dem Glauben an die Dreifaltigkeit eine vollendete Formulierung geben zu haben, mit Worten, die zum gemeinsamen Erbe der Theologie geworden sind. Das Athanasische Glaubensbekenntnis „Quicumque“, das etwa hundert Jahre später entstand, verdankt dem heiligen Gregor viel.

Hier einige seiner kristallklaren Formulierungen:

„Er war, und war, und war: aber er war nur Einer. Licht und Licht und Licht: doch ein einziges Licht. Das ist es, was David sich vorstellte, als er sagte: ‚In deinem Licht schauen wir das Licht‘ (Ps 35,10). Und nun haben wir es geschaut und verkünden es, aus dem Licht des Vaters das Licht des Sohnes im Lichte des Heiligen Geistes begreifend: Dies ist in Kürze die Theologie der Dreifaltigkeit […]. Gott, wenn man sich kurz fassen darf, ist ungeteilt in drei voneinander getrennten Wesen“. [2]

Das Hauptverdienst der Kappadokier in der Formulierung des Trinitätsdogmas liegt darin, die Unterscheidung der beiden Begriffe „Ousia“ und „Hypostase“, Substanz und Person vollendet zu haben, womit sie die bleibende begriffliche Grundlage für den Glauben an die Dreifaltigkeit schufen. Es handelt sich um eine der großartigsten Errungenschaften, die von der christlichen Theologie ins menschliche Denken eingeführt wurden. Aus diesem Gedanken konnte sich die moderne Vorstellung der Person als Beziehung herausbilden.

Der Schwachpunkt ihrer Trinitätstheologie, dessen sie sich selbst bewusst waren, lag in der Gefahr, sich das Verhältnis der einzigen Substanz zu den drei Hypostasen des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes ähnlich vorzustellen, wie das Verhältnis, das in der Natur zwischen Arten und Individuen besteht (zum Beispiel, zwischen der Menschheit und den einzelnen Menschen), womit man für den Vorwurf einer Drei-Götter-Verehrung angreifbar wurde [3].

Gregor von Nazianz bemüht sich um eine Antwort auf dieses Problem, indem er behauptet, jede der drei Personen sei mit den anderen beiden nicht weniger vereint, als mit sich selbst [4]. Aus demselben Grund lehnt er die traditionellen Gleichnisse „Quelle, Bach und Fluss“ und „Sonne, Strahl und Licht“ ab [5]. Doch am Ende gibt er treuherzig zu, diese Gefahr sei ihm lieber, als das entgegengesetzte Risiko des Modalismus: „Es ist besser“, schreibt er, „man hat eine unvollkommene Vorstellung von der Einheit der Drei, als dass man ganz und gar gotteslästerlich wird“ [6].

Warum wählen wir den heiligen Gregor von Nazianz zu unserem Lehrer im Glauben an die Dreifaltigkeit? Aus demselben Grund, weswegen wir Athanasius zum Lehrer für den Glauben an die Gottheit Christi und Basilius zum Lehrer für den Glauben an den Heiligen Geist gewählt haben. Denn für Gregor ist die Dreifaltigkeit keine abstrakte Wahrheit; nicht bloß ein Dogma: Sie ist seine Leidenschaft, sein Lebensraum, etwas, das man nur zu erwähnen braucht, damit sein Herz in Schwingung gerät.

Die Orthodoxen nennen ihn den „Sänger der Dreifaltigkeit“. Das entspricht genau dem, was wir über seinen menschlichen Charakter wissen. Gregor von Nazianz besitzt ein Herz, das noch viel größer ist als sein Geist, ein extrem feinfühliges Temperament, das ihm in der Beziehung zu den anderen, allen voran sein Freund Basilius, nicht wenige Enttäuschungen und Kummer verursachte.

In seinen dichterischen Werken tritt die Begeisterung für die Dreifaltigkeit am deutlichsten zutage. Er verwendet Ausdrücke wie: „meine Dreifaltigkeit“ und „geliebte Dreifaltigkeit“ [7]. Gregor ist in die Dreifaltigkeit verliebt. Über sich selbst schreibt er:

„Seit dem Tag, an dem ich auf die Dinge dieser Welt verzichtet habe, um meine Seele der Kontemplation des Lichts und des Himmels zu weihen; als der allerhöchste Geist mich von hier unten entrissen hat, um mich von allem Fleischlichen zu entfernen, seit jenem Tag sind meine Augen vom Licht der Dreifaltigkeit geblendet worden… Von ihrem erhabenen Sitz aus wirft sie ihre unbeschreiblichen Strahlen auf alle Dinge… Seit jenem Tag bin ich der Welt gestorben, und ist mir die Welt gestorben“ [8].

Wenn man diese Worte mit den technisch perfekten, doch kalten Ausdrücken vergleicht, die im Glaubensbekenntnis „Quicumque“ vorkommen, das man früher im Sonntagsgottesdienst verwendete, dann begreift man, wie weit der gelebte Glaube der Kirchenväter von der formalen und eintönigen Art des Glaubens entfernt ist, die nach ihnen einsetzt, obwohl auch diese eine wichtige Aufgabe erfüllte.

2. Ohne die Dreifaltigkeit können wir nicht leben

Jetzt wollen wir, wie üblich überlegen, was die Kirchenväter uns auf diesem Gebiet für die Erneuerung unseres Glaubens zu bieten haben. Bekanntermaßen hat sich die abendländische Theologie immer vor einer Gefahr hüten müssen, die einer „Drei-Götter-Verehrung“, wie Gregor von Nazianz sie befürchtete, genau entgegengesetzt ist: nämlich vor dem Risiko, die Einheit der göttlichen Natur auf Kosten der Unterscheidung zwischen den drei Personen zu sehr zu betonen.

Auf diesem Boden konnte die deistische Weltanschauung von Descartes und der Aufklärung Wurzeln schlagen, die ganz ohne Dreifaltigkeit auskommt und sich allein auf Gott beruft, der als „höchstes Wesen“ oder „die Gottheit“ betrachtet wird. Kant hat daraus den bekannten Schluss gezogen, dass aus der Dreifaltigkeitslehre, wenn man sie wörtlich nimmt, nichts Praktisches folgen könne [9]. Sie sei, in anderen Worten, für das Leben der Menschen und der Kirche ohne Bedeutung.

Dies ist ohne Zweifel eine der Voraussetzungen gewesen, die dem modernen Atheismus den Weg bereitet haben. Wenn man in der Theologie an der Vorstellung des einen und dreifaltigen Gottes festgehalten hätte, statt von einem verschwommenen „höchsten Wesen“ zu reden, hätte Feuerbach es nicht so leicht gehabt, seine These durchzusetzen, Gott sei eine Projektion, die der Mensch von sich und seiner Erlebniswelt macht. Warum auch sollte der Mensch sich aufteilen in Vater, Sohn und Heiligen Geist? Wie könnte die Dreifaltigkeit eine Projektion und Sublimierung sein, die der menschliche Geist von sich selbst macht? Es ist der nebulöse Deismus, den Feuerbach demoliert, nicht der Glaube an den dreieinigen Gott.

Wenn aber die abendländische Vorstellung von der Dreifaltigkeit einerseits für diese deistische Abweichung anfällig ist, so beinhaltet sie andererseits auch das beste Gegenmittel für sie. Wir können dem heiligen Augustinus gar nicht dankbar genug dafür sein, dass er die Lehre über die Dreifaltigkeit in den Worten Johannes‘ verankerte: „Gott ist Liebe“ (vgl. 1Joh 4,10). Gott ist Liebe: deshalb, folgert Augustinus, ist er dreifaltig! „Die Liebe setzt voraus, dass es einen Liebenden, einen Geliebten und die Liebe selbst gibt“[10]. In der Dreifaltigkeit ist der Vater der Liebende, die Quelle und der Anfang von allem; der Sohn ist der Geliebte; der Heilige Geist die Liebe, durch die sie sich lieben.

Jede Liebe ist eine Liebe für irgendwen oder irgendetwas, genau wie jede Kenntnis, wie Husserl lehrt, eine Kenntnis von irgendetwas ist. Es gibt keine Liebe „im Leerlauf“, ohne Gegenstand. Wen aber liebt Gott, dass man ihn „Liebe“ nennen darf? Den Menschen? Dann wäre er erst seit einigen Millionen Jahren Liebe. Das Universum? Dann wäre er erst seit etwas über zehn Milliarden Jahren Liebe. Wen hat Gott zuvor geliebt, wenn er doch immer schon Liebe war? Die griechischen Denker und ganz allgemein die religiösen Philosophien aller Zeiten, für die Gott „Gedanke“ war, hätten geantwortet: Gott dachte sich selbst; er war „reiner Gedanke“, „Gedanke eines Gedankens“. Das geht aber nicht mehr, sobald man erklärt, dass Gott in erster Linie Liebe ist, denn die „reine Liebe seiner selbst“ wäre reiner Egoismus; nicht gerade die edelste Form der Liebe, sondern eher das Gegenteil.

Und jetzt die Antwort der Offenbarung, so wie sie die Kirche in ihrer Lehre von der Dreifaltigkeit verdeutlicht. Gott ist Liebe, schon immer, „ab aeterno“, denn noch bevor außer ihm irgendetwas existierte, was er hätte lieben können, trug er bereits in sich das Wort; den Sohn, den er mit grenzenloser Liebe, d.h. „im Heiligen Geiste“ liebte. Dies erklärt nicht, auf welche Weise die Einheit zugleich Dreifaltigkeit sein kann (dies ist ein Mysterium, das wir nicht begreifen können, da es nur in Gott geschieht), aber es hilft uns wenigstens zu verstehen, warum in Gott die Einheit auch eine Pluralität, eine Dreifaltigkeit sein muss.

Ein Gott, der reine Kenntnis oder reines Gesetz, oder reine Macht wäre, hätte es nicht nötig, dreifaltig zu sein (im Gegenteil, es würde die Sache sehr komplizieren). Anders aber ein Gott, der vor allen Dingen Liebe ist, denn „unter weniger als zweien kann es keine Liebe geben“. „Die Welt muss es wissen“, schreibt de Lubac: „die Offenbarung des Gottes, der Liebe ist, stürzt alle älteren Vorstellungen von Gottheit um“ [11].

Wenn wir von Liebe sprechen, ist dies natürlich nur ein menschlicher Vergleich; aber ohne Zweifel erlaubt uns dieser Vergleich am besten, einen Blick in die rätselhaften Tiefen Gottes zu werfen. Hier sieht man, wie die lateinische Theologie die griechische vervollständigt und keine von beiden ohne die andere auskommen kann. Das Thema der Liebe fehlt in der östlichen Dreifaltigkeitslehre fast völlig, denn dort bevorzugt man die Metapher des Lichts. Man muss bis Gregorios Palamas warten, um in der griechischen Welt etwas zu lesen, das mit dem, was Augustinus über die Liebe in der Dreifaltigkeit schreibt, vergleichbar ist [12].

Manche möchten heute das Dogma der Dreifaltigkeit ausklammern, um den Dialog mit den anderen großen monotheistischen Religionen zu erleichtern. Das wäre Selbstmord. Es wäre, als ob man einem Menschen das Rückgrat entfernt, damit er schneller laufen kann! Die Dreifaltigkeit hat Theologie, Liturgie, Spiritualität und das gesamte christliche Leben so tief geprägt, dass ein Verzicht auf sie der Beginn einer völlig anderen Religion wäre.

Stattdessen muss man, wie die Kirchenväter uns lehren, dieses Mysterium aus den Theologiebüchern heraus ins Leben versetzen, damit die Dreifaltigkeit nicht nur studiert und korrekt formuliert, sondern auch erlebt und angebetet werde. Das christliche Leben verläuft von Anfang bis Ende im Zeichen der Dreifaltigkeit. Zu Beginn unseres Lebens wurden wir „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ getauft; am Ende, wenn uns die Gnade eines christlichen Todes zuteil wird, werden neben unserem Bett die Worte erklingen: „Brich auf, christliche Seele, von dieser Welt, im Namen Gottes, des allmächtigen Vaters, der dich erschaffen hat, des Sohnes, der für dich gelitten hat und des Heiligen Geistes, der über dir ausgegossen ist“.

Zwischen diesen beiden äußersten Momenten liegen andere wichtige „Übergänge“, die für einen Christen alle mit der Anrufung der Dreifaltigkeit verbunden sind. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes wird das Brautpaar in der Ehe vereint und werden die Priester und Bischöfe geweiht. Im Namen der Dreifaltigkeit wurden früher Verträge geschlossen, Urteile gefällt und überhaupt jeder wichtige Schritt des zivilen und religiösen Lebens begangen. Die Dreifaltigkeit ist „der Schoß“, in dem wir gezeugt wurden (vgl. Eph 1,4) und auch der „Hafen“, auf den wir zusteuern. Sie ist das „Meer des Friedens“, dem alles entspringt und in das alles zurückfließt.

3. „O beata Trinitas!“

Gregor von Nazianz sollte in uns ein brennendes Verlangen nach der Dreifaltigkeit erweckt haben: den Wunsch, sie zu „unserer lieben Dreifaltigkeit“ zu machen. Ein Hauch dieser staunenden Ergriffenheit in der Anbetung klingt in den Texten des Hochfests der Allerheiligsten Dreifaltigkeit wieder. Wir müssen sie aus der Liturgie ins Leben hinübertragen. Es gibt etwas Seligeres, was wir tun können, als die Dreifaltigkeit begreifen zu wollen, und das ist, in sie einzutauchen! Wir können das Meer nicht umarmen, aber wir können in ihm eintauchen; wir können das Mysterium der Dreifaltigkeit nicht mit unserem Verstand erfassen, aber wir können in sie eintauchen!

Es gibt für uns nur eine „Tür“ zur Dreifaltigkeit und die ist Jesus Christus. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat er uns einen neuen und lebendigen Weg erschlossen, um in jenes Allerheiligste einzutreten, das die Dreifaltigkeit ist (vgl. Hebr 10,19-20) und er hat uns die Mittel gegeben, um ihm auf diesem Weg der Heimkehr folgen zu können. Das erste und universellste Mittel ist die Kirche. Wenn man einen Meeresarm überqueren will, schrieb Augustinus, dann ist das Wichtigste nicht, am Ufer zu stehen und die Augen anzustrengen, um zu erkennen, was am anderen Ufer ist; viel wichtiger ist es, auf ein Schiff zu steigen und hinüberzufahren. Auch für uns ist das Wichtigste nicht, über die Dreifaltigkeit nachzudenken; sondern, im Glauben der Kirche zu bleiben, der zur Dreifaltigkeit hinführt [13].

Innerhalb der Kirche ist das wichtigste Mittel die Eucharistie. Die heilige Messe steht von Anfang bis Ende im Zeichen der Dreifaltigkeit. Sie beginnt im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und endet mit dem Segen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Sie ist das Opfer, das Jesus, Haupt des mystischen Leibes, von sich für den Vater und den Heiligen Geist erbringt. Durch die Messe treten wir wahrhaft in das Herz der Dreifaltigkeit ein.

Für unsere orthodoxen Brüder ist auch die Ikone ein wichtiges Mittel, um ins Mysterium einzutauchen. Rublevs Dreifaltigsikone – von der wir in dieser Kapelle eine Reproduktion in Mosaikform sehen – ist eine anschauliche Zusammenfassung der Dreifaltigkeitslehre der Kappadokier und speziell des Gregors von Nazianz. Sie strahlt zugleich unaufhörliche Bewegung und übermenschliche Ruhe aus, Transzendenz und Nachsicht. Das Dogma der Dreieinigkeit Gottes wird dadurch versinnbildlicht, dass drei klar getrennte, aber untereinander sehr ähnliche Figuren dargestellt sind. Sie befinden sich innerhalb eines Kreises, der ihre Einheit repräsentiert; aber durch ihre verschiedene Haltung und Anordnung bekunden sie auch ihre Verschiedenheit.

Der Heilige, für dessen Kloster die Ikone gemalt wurde, Sergius von Radonesch, hatte sich in der russischen Geschichte dadurch ausgezeichnet, dass er unter den zerstrittenen Fürsten Einheit stiftete, womit er die Befreiung Russlands von den Tataren ermöglichte. Sein Motto, das Rublev versucht hat, in seiner Ikone darzustellen, war: „Durch die Kontemplation der Allerheiligsten Dreifaltigkeit die hässliche Zwietracht der Welt besiegen“. Gregor von Nazianz hatte einen ähnlichen Gedanken in Verse gefasst, die sich anhören wie sein geistiges Testament:

Ich suche Einsamkeit, einen für das Böse unzugänglichen Ort,
wo ich mit ungeteilten Sinnen meinen Gott suchen
und mein Alter durch die süße Hoffnung auf den Himmel lindern kann.
Was werde ich der Kirche hinterlassen? Meine Tränen!...
Ich richte meine Gedanken auf das Haus, das keinen Untergang kennt,
auf meine geliebte Dreifaltigkeit, einziges Licht,
dessen dunkler Schatten schon mich jetzt so rührt [14].

Die abendländische Spiritualität ist ebenso reich an Hilfsmitteln, um aus der Dreifaltigkeit ein Mysterium zu machen, das uns nah ist, das man lieben kann. Sie kennt auch die entgegengesetzte Bewegung: Nicht wir tauchen in die Dreifaltigkeit ein, sondern die Dreifaltigkeit in uns. In der orthodoxen Tradition bezieht sich die Lehre von der Einwohnung bevorzugt auf den Heiligen Geist. Die lateinische Theologie hingegen hat die biblische Lehre von der Einwohnung der gesamten Dreifaltigkeit in der Seele des Menschen in all ihren Möglichkeiten voll ausgeschöpft: „mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14,23) [15]. Pius XII. hat ihr in seiner Enzyklika „Mystici corporis“ einen Platz eingeräumt, indem er schrieb, dass wir dank der Einwohnung ein Glück verkosten können, das jenem ähnlich sei, wodurch die allerheiligste und ungeteilte Dreifaltigkeit selig ist [16].

Der heilige Johannes vom Kreuz sagt, dass „die Liebe Gottes, die in unsere Herzen durch den Heiligen Geist ausgegossen ist“ (vgl. Röm 5,5), nichts anderes sei als die Liebe, durch die der Vater seit immer schon den Sohn liebt. Es ist ein Überfließen der göttlichen Liebe von der Dreifaltigkeit auf uns. Gott lässt die Seele „an derselben Liebe teilhaben, die er dem Sohn gibt, obgleich dies nicht von Natur aus, sondern durch Verschmelzung geschieht… Die Seele hat an Gott teil und vollbringt mit ihm das Werk der allerheiligsten Dreifaltigkeit“, [17]. Die selige Elisabeth von der Dreifaltigkeit lehrt uns eine einfache Methode, um all dies in ein Lebensprogramm umzusetzen: „Meine ganze Übung besteht darin, dass ich in mich selbst hinabtauche und mich in den Dreien verliere, die dort sind“ [18].

Ich sehe darin einen weiteren Grund zur Evangelisierung, und zwar einen der stärksten. Vor einigen Tagen habe ich im Stundengebet die Worte Gottes an Jesaia gelesen: „Ich blicke auf den Armen und Zerknirschten und auf den, der zittert vor meinem Wort“ (Jes 66,2). Dabei kam mir ein Gedanke. Darin, sagte ich mir, besteht der große Unterschied zwischen den Getauften und den Ungetauften: Auf die Ungetauften legt Gott seinen Blick und ist mit seiner Liebe und seiner Vorsehung bei ihnen; aber auf die Getauften legt er nicht nur seinen Blick, sondern er zieht in sie ein und wohnt mit all seinen drei Personen in ihnen. Es stimmt zwar, dass es gottgefälliger sein kann, seinen bloßen Blick zu erwidern, als seine durch die Taufe gewährte Gegenwart zu ignorieren oder abzulehnen (dieser Gedanke muss uns mit Verantwortungsgefühl und Demut erfüllen), aber es wäre undankbar, den Unterschied nicht zu erkennen, der zwischen Christsein und Nicht-christ-Sein besteht.

Zum Abschluss wollen wir die Doxologie beten, die das Hochgebet der heiligen Messe beendet und das kürzeste und zugleich intensivste Dreifaltigkeitsgebet der Kirche darstellt: „Durch ihn und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes, alle Herrlichkeit und Ehre, jetzt und in Ewigkeit. Amen“.

[1] Vgl. Gregor von Nazianz, Oratio 31, 26.
[2] Oratio 31, 3.14.
[3] Vgl.  Basilius, Brief  236,6.
[4] Gregor von Nazianz, Oratio 31, 16.
[5] Ebd. 31, 31-33.
[6] Ebd. 31, 12.
[7] Gregor von Nazianz, Poemata de se ipso, I,15; I, 87 (PG 37, 1251 f.; 1434).
[8] Ebd., I,1 (PG 37, 984-985).
[9] I. Kant, Streit der Fakultäten, A 50 (WW,  Hrsg. W. Weischedel, VI, S. 303).
[10] Augustinus, De Trinitate, VIII, 10, 14.
[11] H. de Lubac, Histoire et Esprit, Aubier, Parigi 1950, Kap. 5.
[12] Gregorios Palamas, Capita physica, 36 (PG. 150, 1144 ff.).
[13] Augustinus, De Trinitate, IV,15,30; Confessiones, VII, 21.
[14] Gregor von Nazianz, Poemata de se ipso, I,11 (PG 37, 1165 f.).
[15] Vgl. R. Moretti – G.-M. Bertrand, Inhabitation, in “Dict. Spir.”, 7, 1735.1767.
[16] Vgl. Pius XII., Mystici corporis, AAS, 35, 1943, S.231 ff.
[17] Hl. Johannes vom Kreuz, Geistlicher Gesang A, Strophe 38.
[18] Elisabeth von der Dreifaltigkeit, Briefe, 151.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]