P. Raniero Cantalamessa: Pfingsten offenbart die wahre Form von Kommunikation

Kommentar zu den Lesungen von Pfingsten (Lesejahr B)

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ROM, 2. Juni 2006 (ZENIT.org).- Dass die Pfingsterfahrung vor allem gegenseitiges Verständnis und Liebe bedeutet, zeige sich bei jeder menschlichen Kommunikation, erklärt P. Raniero Cantalamessa OFMCap., Prediger des Päpstlichen Hauses. Fehlt es allerdings am guten Geist, an der Ausrichtung auf Gott und den anderen, dann komme es zu Unverständnis und Sprachverwirrung. In seinem Kommentar zu den Lesungen vom Pfingstfest im Lesejahr B (Apg 2,1-11; 1 Kor 12,3b-7.12-13; Joh 20,19-23) zeigt der Kapuzinerpater auf, dass wir uns entscheiden können, pfingstlich zu leben.



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Babel oder Pfingsten

Die Bedeutung von Pfingsten ist voll und ganz im folgenden Satz aus der Apostelgeschichte enthalten: "Alle waren erfüllt vom Heiliges Geist." Was ist damit gemeint, dass sie voll des Heiligen Geistes waren? Was erlebten die Apostel in diesem Moment?

Sie machten eine umwerfende Erfahrung der Liebe Gottes. Sie fühlten sich von dieser Liebe überschwemmt wie von einem Ozean. Das versichert der heilige Paulus, wenn er sagt, dass "die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiliges Geist, der uns geschenkt worden ist" (Röm 5,5). Alle, die eine starke Erfahrung des Heiligen Geistes gemacht haben, werden das übereinstimmend bestätigen können. Die erste Wirkung, die der Heiliges Geist in dem hervorruft, den er überkommt, ist der sichere Glaube, von Gott geliebt zu sein – mit einer ganz zärtlichen, grenzenlosen Liebe.

Das Phänomen der Sprachengabe ist Zeichen dafür, dass etwas ganz Neues in der Welt geschehen ist. Die erstaunliche Sache dabei ist, dass dieses Reden "in neuen und verschiedenen Sprachen" nicht zu Verwirrung führt, sondern – ganz im Gegenteil – zu einem bemerkenswerten Einverständnis und zu Eintracht. Damit wollte die Heilige Schrift voller Absicht den Kontrast zwischen Babel und Pfingsten herausarbeiten: In Babel reden alle in der gleichen Sprache, aber – ab einem gewissen Zeitpunkt – versteht keiner mehr den anderen; das Durcheinander der Sprachen entsteht. Zu Pfingsten dagegen spricht jeder eine andere Sprache – und alle verstehen einander.

Wie ist das möglich gewesen? Um das zu begreifen, genügt es, genauer darauf zu blicken, was die Bauleute des Turmes Babel miteinander besprechen, sowie auf das, was die Apostel zu Pfingsten sagen. "Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen" (Gen 11, 4). Diese Männer werden von der Machtgier getrieben; sie wünschen sich einen "Namen" zu haben, ersehnen Ruhm. Zu Pfingsten verkünden die Apostel stattdessen die "Großtaten Gottes". Sie denken nicht daran, sich selbst einen "Namen" zu machen, sondern denken nur daran, Gottes Namen zu rühmen; sie suchen nicht ihre persönliche Bestätigung, sondern die Ehre Gottes. Deshalb können alle Menschen sie verstehen: Gott wird wieder neue die Mitte. Der Wille zur Macht ist durch den Willen zum Dienst ersetzt worden, das Gesetz des Egoismus durch das der Liebe.

Die hier enthaltene Botschaft ist für die Welt von heute von lebenswichtiger Bedeutung. Wir leben in einem Zeitalter der Massenmedien. Die so genannten "Massenmedien" sind die großen Träger dieses Augenblicks. All das bedeutet auf der einen Seite einen sehr großen Fortschritt, aber es birgt auch eine Gefahr in sich: Um was für eine Kommunikation geht es denn hier tatsächlich? Um eine ausschließlich horizontale, oberflächliche Kommunikation, die häufig manipuliert und bestechlich ist, die benutzt wird, um Geld zu machen – das Gegenteil eben von einer "kreativen" Kommunikationsform, einer Information, die aus der Quelle schöpft. Die Kommunikation verkommt dadurch zu einem Austausch von Armut, Ängsten, Unsicherheiten und unbeantworteten Hilferufen. Man stößt auf taube Ohren. Und je mehr die Kommunikation zunimmt, desto stärker erfährt man das Fehlen der Kommunikation.

Die Bedeutung des christlichen Pfingstfests wieder zu entdecken, ist wohl der einzige Weg, der unsere moderne Gesellschaft davor retten kann, sich nicht im Babel der Sprachen zu verlieren. Tatsächlich führt uns der Heilige Geist in die menschliche Form der Kommunikation und in das Gesetz der göttlichen Kommunikation ein, die Gnade und Liebe ist.

Warum spricht Gott zu den Menschen, warum will er sich während der ganzen Erlösungsgeschichte mit ihnen unterhalten? Nur aus Liebe – weil das Gute aus sich heraus "mitteilsam" ist. In dem Maße, in dem der Heilige Geist angenommen wird, reinigt er die schmutzigen Gewässer der menschlichen Kommunikation, um sie in ein wahres Werkzeug der Bereicherung, des miteinander Teilens und der Solidarität zu verwandeln.

Jede zivile oder religiöse, private oder öffentliche Initiative steht vor einer Wahl: Sie kann ein Babel oder ein Pfingstfest werden. Babel wird sie, wenn sie sich vom Egoismus und von der Bereitschaft zur Gewalttätigkeit bestimmen lässt, Pfingsten, wenn sie von der Liebe und vom Respekt vor der Freiheit der anderen bestimmt wird.

[ZENIT-Übersetzung des vom Autor zur Verfügung gestellten italienischen Originals]