P. Raniero Cantalamessa: Pfingsten und die Freude des Christseins

Kommentar zum Pfingstfest (Lesejahr A)

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ROM, 9. Mai 2008 (ZENIT.org).- Der weit verbreiteten Ansicht, ein wahrhaft christliches Leben sei ein beschwerliches, freudloses Sich-Abmühen, tritt der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., in seinem Kommentar zum Pfingstsonntag (Apg 2,1-11; 1 Kor 12,3b-7. 12-13; Joh 20,19-23) entschieden entgegen. Das, was das Christentum reich mache und Freude schenke, sei das Gebet. Darüber hinaus erklärt er, was es mit dem Pfingstfest auf sich hat.

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Die Kraft aus der Höhe

Jedem ist es schon einmal passiert, jene Szene zu beobachten, wo der Fahrer im Auto sitzt und zwei oder drei andere mühsam anschieben und ergebnislos versuchen, dem Auto Geschwindigkeit zu verleihen, damit es wieder losfahren kann. Sie halten ein, wischen sich den Schweiß ab und schieben weiter an… Dann plötzlich ein Lärm: Der Motor springt an, das Auto fährt, und die, die anschoben, stehen mit einem Seufzer der Erleichterung auf. Das ist ein Bild dafür, was im christlichen Leben passiert. Durch ständiges, mühevolles Anschieben kommt man weiter, ohne große Fortschritte zu machen. Und dabei steht uns ein enorm machtvoller „Motor“ zur Verfügung: „die Kraft aus der Höhe“, die nur darauf wartet, in „Gang gesetzt“ zu werden. Das Pfingstfest sollte uns helfen, diesen „Motor“ und die Methode zu entdecken, ihn in Gang zu bringen.

Der Bericht der Apostelgeschichte beginnt mit den Worten: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.“ Diesen Worten entnehmen wir, dass es vor Pfingsten schon ein Pfingsten gegeben haben muss. Es gab mit anderen Worten bereits im Judentum ein Pfingstfest, und während dieses Festes ereignete sich die Herabkunft des Heiligen Geistes. Das christliche Pfingsten ist nicht zu verstehen, ohne das jüdische Pfingsten in Betracht zu ziehen, das ersteres vorbereitet hat. Im Alten Testament gab es zwei Interpretationen des Pfingstfestes. Am Anfang war es das Fest der sieben Wochen, das Erntefest, als Gott das erste Getreide dargebracht wurde; später aber – und ganz gewiss zur Zeit Jesu – kam dem Fest eine neue Bedeutung zu: Es war dann das Fest der Übergabe des Gesetzes auf dem Berg Sinai, das Fest des Bundes.

Wenn der Heilige Geist ausgerechnet an dem Tag auf die Kirche herabkommen will, an dem in Israel das Fest des Gesetzes begangen wird, will das besagen, dass der Heilige Geist das neue Gesetz ist, das geistliche Gesetz, das den neuen und ewigen Bund besiegelt; ein Gesetz, das nicht mehr auf Steintafeln geschrieben steht, sondern auf Tafeln aus Fleisch: den Herzen der Menschen. Diese Überlegungen lassen sofort eine Frage aufkommen: Leben wir unter dem alten Gesetz, oder unter dem neuen? Erfüllen wir unsere religiösen Pflichten aus Zwang, aus Angst oder Gewohnheit, oder vielmehr aus einer inneren Überzeugung heraus – weil wir davon „angezogen“ sind? Nehmen wir Gott als Vater oder als Gebieter wahr?

Ich möchte mit einer Geschichte schließen. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wanderte eine Familie aus Süditalien in die Vereinigten Staaten aus. Da sie nicht genügend Geld hatten, um das Essen in einem Restaurant zu bezahlen, nahmen sie sich Reiseproviant mit: Brot und Käse. Als die Tage und Wochen verstrichen, vertrocknete das Brot und verschimmelte der Käse. Der Sohn hielt es schließlich nicht mehr aus und weint nur noch. Die Eltern nahmen das wenige Geld, das sie noch hatten, und gaben es ihm, damit er ins Restaurant gehen könnte, um etwas zu sich zu nehmen. Der Sohn ging, aß und kehrte unter Tränen zu seinen Eltern zurück: „Was denn? Wir haben alles ausgegeben, um dir ein gutes Essen zu zahlen, und du weinst immer noch?“ – „Ich weine, weil ich entdeckt habe, dass eine Mahlzeit pro Tag im Restaurant im Preis inbegriffen war und wir die ganze Zeit über Brot und Käse gegessen haben.“ Viele Christen gehen durchs Leben, indem sie „Brot und Käse“ essen – ohne Freude und ohne Begeisterung –, während sie in einem geistlichen Sinn gesprochen jeden Tag alles mögliche Gute genießen könnten, all das, was „im Preis, Christ zu sein, inbegriffen“ ist.

Das Geheimnis, die Erfahrung dessen zu machen, was Johannes XXIII. „ein neues Pfingsten“ nennt, heißt Gebet. Dort „funkt es“, so dass der Motor anspringt! Jesus hat verheißen, dass der himmlische Vater den Heiligen Geist denen geben wird, die darum bitten (Lk 11,13). Bitten wir also! Die Liturgie des Pfingstfestes bietet uns wunderbare Worte, um dies zu tun:

„Komm herab, o Heil‘ger Geist, / der die finstre Nacht zerreißt, / strahle Licht in diese Welt.
Komm, der alle Armen liebt, / komm, der gute Gaben gibt, / komm, der jedes Herz erhellt.
Höchster Tröster in der Zeit, / Gast, der Herz und Sinn erfreut, / köstlich Labsal in der Not,
in der Unrast schenkst du Ruh, / hauchst in Hitze Kühlung zu, / spendest Trost in Leid und Tod.
Komm, o du glückselig Licht, / fülle Herz und Angesicht, / dring bis auf der Seele Grund.
Ohne dein lebendig Wehn / kann im Menschen nichts bestehn, / kann nichts heil sein noch gesund.
Was befleckt ist, wasche rein, / Dürrem gieße Leben ein, / heile du, wo Krankheit quält.
Wärme du, was kalt und hart, / löse, was in sich erstarrt, / lenke, was den Weg verfehlt.
Gib dem Volk, das dir vertraut, / das auf deine Hilfe baut, / deine Gaben zum Geleit.
Lass es in der Zeit bestehn, / deines Heils Vollendung sehn / und der Freuden Ewigkeit“ (Pfingstsequenz).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]