P. Raniero Cantalamessa: „Sei bescheiden in deinem Tun!“

Kommentar zum Evangelium des 22. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C)

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ROM, 31. August 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., erklärt in seinem Kommentar zum Evangelium des kommenden Sonntags (Sir 3,17–18.20.28–29; Hebr 12,18–19.22–24; Lk 14,1.7–14), dass die Pharisäer nicht nur „Prototypen aller Laster“ sind, sondern dass sie auch mit Jesus das höchste Gebot der Gottes- und Nächstenliebe teilen. Cantalamessa verweist zudem auf ihre historisch wichtige Rolle gerade nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem.



In der Erzählung vom Gastmahl im Haus des Pharisäers legt der Prediger den Akzent auf die „Geladenen“, die mit Demut und Bescheidenheit nicht die ersten Plätze erstreben sollen: „Wenn die Bescheidenheit ehrlich und nicht aufgesetzt ist, erobert sie und macht den Menschen liebenswert; seine Gesellschaft wird erwünscht, seine Meinung hochgeschätzt. Der wahre Ruhm entflieht dem, der ihn verfolgt, und er verfolgt den, der ihm entflieht.“

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Sei bescheiden in deinem Tun!

Der Anfang des Evangeliums dieses Sonntags hilft uns, ein ziemlich verbreitetes Vorurteil zu korrigieren: „Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau.“ Liest man das Evangelium von einem gewissen Gesichtspunkt aus, so macht man letztendlich die Pharisäer zu den Prototypen allen Lasters: Heuchelei, Doppelzüngigkeit, Falschheit; die Feinde Jesu schlechthin. Mit diesen negativen Bedeutungen sind das Wort „Pharisäer“ und das Adjektiv „pharisäisch“ in unseren Wortschatz und den vieler anderer Sprachen eingegangen.

Eine derartige Vorstellung von den Pharisäern ist nicht korrekt. Unter ihnen gab es gewiss viele Elemente, die diesem Bild entsprachen, und gerade mit diesen tritt Christus in Konflikt. Aber nicht alle waren so. Nikodemus, der des Nachts zu Jesus geht und ihn später vor dem Hohen Rat verteidigt, war ein Pharisäer (vgl. Joh 3,1;7,50f). Auch Saulus war vor seiner Bekehrung ein Pharisäer, und er war mit Sicherheit ein eifriger, wenn auch schlecht erleuchteter Mensch. Pharisäer war ebenso Gamaliel, der die die Apostel vor dem Hohen Rat verteidigte (vgl. Apg 5,34ff).

Die Beziehungen Jesu mit den Pharisäern war nicht nur von Konflikten gezeichnet. Sie teilten oft dieselben Überzeugungen über die Gottes- und Nächstenliebe als dem ersten und wichtigsten Gebot des Gesetzes. Einige laden ihn – wie in unserem Fall – sogar zum Essen in ihr Haus ein. Heute besteht Übereinkunft darüber, dass es nicht so sehr die Pharisäer waren, die Jesu Verurteilung wollten, als vielmehr die gegnerische Sekte der Sadduzäer, zu der die Priesterkaste Jerusalems gehörte.

Aus all diesen Gründen wäre es höchst wünschenswert, dass man damit aufhört, die Worte „Pharisäer“ oder „pharisäisch“ in einem abwertenden Sinn zu benutzen. Davon würde auch der Dialog mit den Juden Gewinn ziehen, die mit großer Ehre der Rolle gedenken, die die Pharisäer in ihrer Geschichte gespielt haben, besonders nach der Zerstörung Jerusalems.

Während des Essens an jenem Sabbat gab Jesus zwei wichtige Lehren, die eine richtete sich an die Eingeladenen, die andere erging an die Einladenden. Dem Hausherrn sagte Jesus (vielleicht unter vier Augen oder nur in Anwesendheit der Jünger): „Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein…“ So hat er, Jesus, es selbst getan, als er zum großen Festmahl des Reiches Arme, Trauernde, Sanftmütige, Hungernde und Verfolgte einlud – die in den Seligpreisungen aufgezählten Kategorien von Personen.

Ich aber möchte mich diesmal bei dem aufhalten, was Jesus den Eingeladenen sagt. „Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, such dir nicht den Ehrenplatz aus…“ Jesus beabsichtigt nicht, Ratschläge zum guten Benehmen zu geben. Ebenso wenig hat er vor, raffinierte Kalküle darüber anzuregen, sich an den letzten Platz zu begeben, mit der geheimen Hoffnung, dass der Hausherr demjenigen zu verstehen gibt, nach vorne zu kommen. Das Gleichnis hier kann täuschen, wenn man nicht bedenkt, um welches Festmahl es geht und von welchem Hausherrn Jesus spricht. Das Festmahl ist das universale Festmahl des Reiches und der Hausherr ist Gott.

Jesus will sagen: Im Leben wähle den letzten Platz; versuche, mehr die anderen zufrieden zu stellen, als dich selbst; sei bescheiden bei der Bewertung deiner Verdienste; überlass es den anderen – und nicht dir selbst –, sie anzuerkennen, („keiner ist ein guter Richter bei einem Fall, in dem es um ihn selbst geht“); und schon in diesem Leben wird Gott dich erhöhen. Er wird dich in seiner Gnade erhöhen, er wird dich weit nach oben in der Rangliste seiner Freunde und der wahren Jünger seines Sohnes aufsteigen lassen, was das einzige ist, das wirklich zählt.

Er wird dich auch in der Wertschätzung der anderen erhöhen. Das ist eine überraschende, aber wahre Tatsache. Es ist nicht nur Gott, der „sich zum Niedrigen herabbeugt und den Hochmütigen im Zaum hält“; auch der Mensch tut dasselbe – unabhängig davon, ob er gläubig ist oder nicht. Wenn die Bescheidenheit ehrlich und nicht aufgesetzt ist, erobert sie und macht den Menschen liebenswert; seine Gesellschaft wird erwünscht, seine Meinung hochgeschätzt. Der wahre Ruhm entflieht dem, der ihn verfolgt, und er verfolgt den, der ihm entflieht.

Wir leben in einer Gesellschaft, die es extrem notwendig hat, diese Botschaft des Evangeliums über die Demut erneut zu hören. Das Rennen, um die ersten Plätze einzunehmen und dabei vielleicht skrupellos über die Köpfe der anderen hinwegzugehen, die Karrieresucht und die erbitterte Konkurrenz sind von allen verworfene und leider von allen verfolgte Charakteristiken. Das Evangelium hat eine Bedeutung für das Soziale, sogar dann, wenn von Demut und Bescheidenheit die Rede ist.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]