P. Raniero Cantalamessa: Sich selbst etwas abverlangen, nicht den anderen!

Kommentar zum zehnten Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

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ROM, 6. Juni 2008 (ZENIT.org).- „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“: Was dieser bedeutende Satz Jesu aus dem Buch des Propheten Hosea konkret bedeutet, das erklärt der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., in seinem Kommentar zum kommenden Sonntag (Hos 6,3-6; Röm 4,18-25; Mt 9,9-13). Opfer und Erbarmen seien beide gut, müssten aber richtig verstanden und praktiziert werden, betont der Kapuzinerpater.

Mit Blick auf die Antwort des Menschen auf die Liebe Gottes bekräftigt er: „Es gibt keine Liebe ohne Opfer.“ In diesem Sinn sollte man die Mahnung des heiligen Paulus beherzigen, das eigene Leben als „lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt“.

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Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer

Es gibt etwas Bewegendes im heutigen Tagesevangelium. Matthäus berichtet uns nicht darüber, was Jesus einmal gesagt oder getan hat, sondern vielmehr darüber, was er ihm selbst gesagt und für ihn getan hat. Es handelt sich hier also um eine autobiographische Stelle, um die Geschichte seiner Begegnung mit Jesus, die sein Leben für immer verändern sollte: „Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Matthäus auf, und folgte ihm.“

Diese Begebenheit kommt nicht etwa deshalb im Evangelium vor, weil Matthäus so bedeutsam gewesen wäre. Das Hauptaugenmerk richtet sich auf den Zeitpunkt nach der Berufung des Matthäus, als dieser in seinem Haus ein großes Gastmahl für alle ehemaligen Arbeitskollegen geben wollte, für „Zöllner und Sünder“, um sich zu verabschieden. Auf die Reaktion der Pharisäer, die scheinbar über jeden Fehler erhaben sind, antwortet Jesus: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“

Was bedeutet dieser Satz, den Jesus aus dem Buch des Propheten Hosea zitiert? Soll er vielleicht wirklich heißen, dass jedes Opfer und jede Entsagung unnütz sind und dass es damit getan ist, zu lieben, und dass auf diese Weise alles gut verläuft? Dieser Satz könnte einige dazu verleiten, die asketische Dimension des Christentums als Überbleibsel einer betrüblichen manichäischen Mentalität zu verwerfen, die man überwinden müsste.

Zunächst gilt es, den tiefen Perspektivenwechsel wahrzunehmen. Bei Hosea bezieht sich der Satz auf den Menschen und auf das, was Gott von ihm erwartet. Gott wünscht sich, dass der Mensch ihn kennt und liebt, und nicht äußerliche Opfer und Schlachtopfer von Tieren. Wenn aber Jesus diesen Satz in den Mund nimmt, bezieht er sich direkt auf Gott. Die Liebe, von der hier gesprochen wird, meint nicht jene Liebe, die Gott vom Menschen erwartet, sondern die Liebe, die Gott dem Menschen schenkt. „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ bedeutet demnach: Ich möchte von der Barmherzigkeit Gebrauch machen und nicht verurteilen. Der biblische Paralleltext ist die folgende Stelle des Propheten Ezechiel: „Ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass er auf seinem Weg umkehrt und am Leben bleibt“ (Ez 33,11). Gott hat nicht die Absicht, sein Geschöpft „zu opfern“, sondern er will es retten.

Durch diese Klarstellung wird auch die Hosea-Stelle verständlicher: Gott möchte kein Opfer um jeden Preis, so als ob es ihm gefiele, uns leiden zu sehen. Er möchte auch keine Opfer, mit denen wir vor ihm unsere Rechte einfordern oder gar Ruhm erwerben wollen, oder gar Opfer, die wir aus einem falsch verstandenen Pflichtgefühl heraus darbringen. Anstelle von all diesen Dingen möchte Gott jenes Opfer, das nötig ist, um ihn lieben und seine Gebote halten zu können.

„Es gibt keine Liebe ohne Schmerz“, heißt es in der „Nachahmung Christi“, und die alltägliche Erfahrung bestätigt das: Es gibt keine Liebe ohne Opfer. In diesem Sinn ermahnt uns Paulus dazu, unser ganzes Leben als „lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst“ (Röm 12,1).

Opfer und Erbarmen sind beide gut, aber sie können sich in ein Übel verkehren, wenn sie schlecht zugeordnet werden. Sie sind gut, wenn man – so hat es Jesus getan – für sich das Opfer wählt und für den anderen das Erbarmen. Sie werden aber zu etwas Bösem, wenn man das Gegenteil tut: wenn man für sich selbst Erbarmen und Mitleid wählt, für den anderen aber das Opfer; wenn man sich selbst gegenüber nachgiebig ist und gegenüber dem anderen unnachgiebig; wenn man stets dazu bereit ist, sich selbst zu entschuldigen und über andere aber ein unbarmherziges Urteil zu fällen. Gibt es wirklich nichts, was wir bei uns selbst, in unserem Verhalten ändern sollten?

Wir können diesen Kommentar über die Berufung des Matthäus nicht ohne freundschaftliche und dankbare Würdigung dieses Evangelisten beschließen, der uns während des ganzen ersten Lesejahres mit seinem Evangelium begleitet. Danke, Matthäus, auch „Levi“ genannt. Ohne Dich wäre unser Wissen über Christus weitaus ärmer!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]