P. Raniero Cantalamessa: „Sind es viele oder wenige, die gerettet werden?“

Kommentar zum Evangelium des 21. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C)

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ROM, 24. August 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., weist in seinem Kommentar zum Evangelium des kommenden Sonntags (Jes 66,18–21; Hebr 12,5-7.11-13; Lk 13,22-30) darauf hin, dass das Heil nicht quantitativ zu bemessen ist. Er betont, dass Christus den Menschen zur Erkenntnis erziehen will, damit dieser zur wahren Weisheit vordringen und den Weg gehen könne, der am Anfang eng und beschwerlich scheint, am Ende aber in das Reich des Friedens, der Hoffnung und der Freude mündet.



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Durch die enge Tür eintreten

Es gibt da eine Frage, die von jeher die Gläubigen bedrängt: Sind es viele oder wenige, die gerettet werden? In bestimmen Epochen hat sich dieses Problem derartig verschärft, dass es einige in schreckliche Angst versetzte. Das Evangelium dieses Sonntags gibt darüber Auskunft, dass Jesus diese Frage eines Tages vorgelegt wurde: „Auf seinem Weg nach Jerusalem zog er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte. Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?“ Es geht, wie man sieht, um die Zahl. Wie viele können gerettet werden: viele oder wenige? Jesus lenkt in seiner Antwort die Aufmerksamkeit von der Quantität der Geretteten auf das Wie der Rettung, das heißt: auf den Eintritt „durch die enge Tür“.

Es ist dies dieselbe Haltung, die wir hinsichtlich der endgültigen Wiederkunft Christi feststellen: Die Jünger fragten, wann der Menschensohn wiederkehren würde, und Jesus antwortete, indem er darauf hinwies, wie man sich auf diese Wiederkehr vorbereiten sollte, was in der Zeit der Erwartung zu tun sei (vgl. Mt 24,3-4). Diese Reaktion Jesu ist nicht merkwürdig oder unhöflich. Es handelt sich einfach um die Handlungsweise dessen, der die Jünger dazu erziehen will, die Ebene der Neugier zu verlassen und zur Ebene der wahren Weisheit vorzudringen; die müßigen Fragen, die die Leute in ihren Bann ziehen, beiseite zu lassen, um zu den wahren Problemen vorzustoßen, die dem Leben dienlich sind.

Schon daraus können wir die Absurdität jener verstehen, die wie die Zeugen Jehovas glauben, sogar die genaue Zahl der Geretteten zu kennen: 144.000. Diese Zahl, die in der Offenbarung des Johannes vorkommt, hat einen rein symbolischen Wert (das Quadrat von 12, die Zahl der Stämme Israels, multipliziert mit 1000) und wird durch die nachfolgenden Worte erklärt: „Eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen“ (Off 7,4-9).

Würde es sich tatsächlich um die Zahl der Geretteten handeln, so könnten wir sofort zusperren – wir und sie. An der Pforte des Paradieses müsste dann schon seit langem, wie an der Einfahrt gewisser Parkplätze, ein Schild mit der Aufschrift: „Belegt“ hängen.

Weil also Jesus nicht so sehr daran interessiert ist, die Zahl der Geretteten zu offenbaren als vielmehr die Weise, wie sie gerettet werden, wollen wir uns ansehen, was er uns diesbezüglich wirklich sagt. Es sind dies an und für sich zwei Dinge, eine negative und eine positive: erstens was nicht dazu dienlich ist, das Heil zu finden, zweitens was notwendig ist, um gerettet zu werden. Die Tatsache, zu einem bestimmten Volk, zu einer bestimmten Rasse, Tradition oder Institution zu gehören, nützt nichts oder ist nicht ausreichend, und sei es auch das auserwählte Volk, aus dem der Heiland stammt. Was auf den Weg des Heils führt, ist kein irgend gearteter Besitzanspruch („Wir haben zusammen mit dir gegessen“), sondern eine persönliche Entscheidung, der eine kohärente Lebensführung folgen muss. Dies wird im Text des Matthäus noch deutlich, der eine Gegenüberstellung der beiden Wege und der beiden Türen, der engen und der weit geöffneten, vornimmt (vgl. Mt 7,13-14).

Warum werden diese Wege als „breit“ beziehungsweise „eng“ bezeichnet? Ist etwa der Weg des Bösen immer leicht und angenehm, und der Weg des Guten immer hart und mühsam? Hier gilt es aufzupassen, um nicht in die übliche Versuchung zu verfallen zu glauben, dass für die Übeltäter hier unten alles wunderbar verlaufen würde, den Guten hingegen alles schief ginge.

Der Weg der Frevler ist breit, das stimmt – aber nur am Anfang. Je mehr man auf ihm fortschreitet, desto enger und bitterer wird er. Am Ende wird er jedenfalls extrem eng, denn er mündet in eine Sackgasse. Die Freude, die man auf ihm findet, zeichnet sich dadurch aus, dass sie immer geringer wird, je mehr man sie genießt, so dass sie schließlich Traurigkeit und Übelkeit hervorruft. Das sieht man bei gewissen Arten der Trunkenheit: bei den Drogen, dem Alkohol oder dem Sex. Es bedarf einer immer größeren Dosis beziehungsweise eines immer stärkeren Anreizes, um eine Lust derselben Intensität zu verursachen. Das geht soweit, dass der Organismus schließlich nicht mehr reagiert und der physische Zusammenbruch kommt.

Der Weg der Gerechten hingegen ist am Anfang, wenn man ihn einschlägt, eng, wird dann aber immer breiter, da sich Hoffnung, Freude und Friede des Herzens einstellen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]