P. Raniero Cantalamessa über den größten Hymnus auf die Liebe

Kommentar zum vierten Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)

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ROM, 26. Januar 2007 (ZENIT.org).- Das christliche Liebesverständnis steht im Mittelpunkt des Kommentars, den P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, zum kommenden Sonntag verfasst hat. Der Kapuzinerpater legt dabei sein Hauptaugenmerk auf die zweite Lesung, in der Paulus von der Liebe spricht, die niemals zu Ende gehen wird (vgl 1 Kor 12,31-13,13).



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Hätte ich aber die Liebe nicht...

Das Evangelium dieses Sonntags erzählt von der Zurückweisung, die Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth erfuhr, nachdem er zum ersten Mal auf öffentliche Weise dorthin zurückgekehrt war; sie veranlasste ihn dazu, den berühmten Satz auszusprechen: „Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt“ (Lk 4,24). Wir haben diese Episode im vergangenen Jahr kommentiert, in der Schilderung des Markus; deshalb können wir unsere Betrachtung der zweiten Lesung widmen, in der wir eine höchst wichtige Botschaft vorfinden. Es handelt sich um den berühmten Hymnus des heiligen Paulus über die Caritas. Caritas ist der religiöse Begriff für Liebe. Somit handelt es sich um einen Hymnus auf die Liebe, ja vielleicht sogar um den berühmtesten und erhabensten, der jemals geschrieben worden ist.

Als das Christentum in der Welt aufkam, hatte es bereits verschiedene Gesänge auf die Liebe gegeben. Der bekannteste stammt von Platon, der sogar einen ganzen Traktat über die Liebe verfasste. Der gängige Name für die Liebe war damals eros (daher die heutigen Wörter „erotisch“ und „Erotik“). Das Christentum erkannte, dass diese leidenschaftliche Liebe der Suche und des Verlangens nicht ausreichen würde, um die Neuheit des biblischen Begriffs zum Ausdruck zu bringen. Aus diesem Grund verzichtete es völlig auf eros und ersetzte dieses Wort durch agape, das sich mit „aufrichtiger Zuneigung“ oder „Caritas“ übersetzen ließe, hätte dieser Begriff heute nicht einen viel zu eingeschränkten Sinn (karitativ sein, karitative Werke).

Der Hauptunterschied zwischen diesen beiden Formen der Liebe liegt hierin: Die begehrende oder erotische Liebe ist exklusiv und schließt aus; sie verzehrt sich zwischen zwei Personen; die Einmischung einer dritten würde ihr Ende bedeuten, ja Verrat. Manchmal kann eine solche Liebe sogar schon durch die Ankunft eines Kindes in Krise geraten. Die hingebende Liebe oder die „Agape“ dagegen schließt alle und jeden mit ein; sie kann niemanden ausschließen, nicht einmal den Feind. Die klassische Formel der ersten Liebe ist diejenige, die wir auf den Lippen von Violetta in Verdis „La Traviata“ hören: „Amami, Alfredo, quant'io t'amo“ – „Liebe mich so sehr, Alfredo, wie ich dich liebe.“ Die klassische Formel der Caritas ist die von Jesus: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ Das ist eine Liebe, die dafür gemacht ist, Kreise zu ziehen, sich auszubreiten.

Ein anderer Unterschied ist folgender: Die erotische Liebe ist in ihrer häufigsten Erscheinungsform, der Verliebtheit, von Natur aus nicht auf Dauerhaftigkeit angelegt beziehungsweise nur deshalb von Dauer, weil das Objekt gewechselt wird, das heißt, weil man sich immer wieder in eine neue Person verliebt. Von der Caritas sagt der heilige Paulus dagegen, dass sie „niemals aufhört“. Und das ist noch nicht alles: Sie ist das einzige, was auf ewig Bestand haben wird – selbst dann, wenn Glaube und Hoffnung vergangen sein werden.

Zwischen diesen beiden Formen der Liebe, zwischen der Liebe der Suche und der Liebe der Hingabe, besteht aber weder eine klare Trennung noch ein Gegensatz, sondern eher eine Entwicklung, ein Wachstum. Die erste Liebe, der Eros, ist unser Ausgangspunkt; die zweite Liebe, die Caritas, ist das Ziel. Zwischen diesen beiden Punkten gibt es Raum für eine Erziehung zur Liebe und zum Wachsen in der Liebe. Nehmen wir einmal den häufigsten Fall her: die Liebe eines Paares. In der Liebe der Eheleute dominieren zu Beginn der Eros, die Anziehung, das gegenseitige Verlangen, die Eroberung des anderen und deshalb auch ein gewisser Egoismus. Wenn eine solche Liebe nicht schrittweise darum bemüht ist, eine neue Dimension anzunehmen, die sich durch Uneigennützigkeit, gegenseitige Zärtlichkeit sowie durch die Fähigkeit auszeichnet, sich selbst für den anderen zu vergessen und sich in die Kinder hineinzuprojizieren, wissen wir alle, was ihr für ein Ende bevorsteht.

Die Botschaft des heiligen Paulus ist höchst aktuell. Die Welt der Unterhaltung und der Werbung scheint heute darauf aus zu sein, den Jugendlichen einzuschärfen, dass sich die Liebe auf den Eros und der Eros auf Sex reduziere; dass das Leben eine immerwährende Idylle sei inmitten einer Welt, in der alles schön, jung und gesund ist; in der es kein Altern, kein Kranksein gibt und in der alle soviel ausgeben können, wie sie wollen. Aber das ist eine riesige Lüge, die übersteigerte Erwartungen weckt, die nur Ernüchterung bringen, was wiederum Frustrationen und das Aufbegehren gegen die eigene Familie und die Gesellschaft hervorruft und nicht selten Tür und Tor zur Kriminalität öffnet. Das Wort Gottes möge uns allen helfen, dass uns angesichts der Dinge, die uns täglich vorgelegt werden, nicht der kritische Geist abhanden kommt.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]