P. Raniero Cantalamessa über die Möglichkeit, Ehekrisen für neue Sternstunden der Liebe zu nutzen

Kommentar zum Evangelium des XXVII. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)

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ROM, 6. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Viele Ehen scheitern, Partner arrangieren sich, und sogar die Bibel kennt Wege der Trennung. Vor diesem Hintergrund stelle Jesus seinen Jüngern das hohe Ideal der Ehe vor Augen, dem sie zu folgen haben, erklärt Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa. Anhand der Lesungen des kommenden Sonntags (Gen 2,18-24, Hebr 2,9-11; Mk 10,2-12) legt der Prediger des Päpstlichen Hauses dar, wie Eheleute Krisen mit Gewinn überwinden können.



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Die zwei werden ein Fleisch sein

Das Thema dieses 27. Sonntag im Jahreskreis ist die Ehe. Die erste Lesung der Heiligen Messe fängt mit Worten an, die weithin bekannt sind: „Gott, der Herr, sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“

In diesen unseren Tagen sind Trennung und Scheidung das Übel der Ehe, während es in den Tagen Jesu die Entlassung der Frau aus der Ehe war. In gewisser Weise war dies noch schlechter, weil es sich um ein Unrecht gegenüber der Frau handelte, das leider noch heute in bestimmten Kulturen fortbesteht. Der Mann hatte tatsächlich das Recht, die Frau zu entlassen, aber die Frau hatte nicht das Recht, ihren Ehemann abzulehnen.

Im Judentum bestanden in Bezug auf die Entlassung der Frau aus der Ehe zwei Meinungen, die entgegengesetzt waren. Eine von ihnen erlaubte dem Mann, seine Frau aus welchen Gründen auch immer zu entlassen, also je nach Belieben des Ehemanns; entsprechend einer anderen brauchte man wohl schon einen triftigen Grund dafür, der durch das Gesetz festgelegt war.

Eines Tages legte man diese Frage Jesus vor, in der Hoffnung, dass er nun eine Position zugunsten der einen oder anderen Haltung beziehen würde. Aber diese Leute bekamen eine Antwort, mit der sie nicht gerechnet hatten: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen (Mk 10,5-9).“

Das Gesetz des Moses über die Entlassung der Frau aus der Ehe ist aus der Sicht Christi wie eine ungewollte Verfügung, die Gott aber zugelassen hat (wie die Polygamie oder andere Unsitten); aber nur wegen der Herzenshärte und der mangelnden Reife der Menschen.

Jesus kritisiert Moses nicht, weil er dieses Zugeständnis gemacht hat; er erkennt an, dass der menschliche Gesetzgeber die tatsächliche Wirklichkeit nicht unberücksichtigt lassen kann. Aber er schlägt den Pharisäern wieder das ursprüngliche Ideal der unauflöslichen Verbindung zwischen Mann und Frau vor („ein Fleisch“ zu werden), das zumindest für seine Jünger die einzig mögliche Form der Ehe sein soll.

Jesus begnügt sich aber nicht damit, nur das Gesetz nochmals zu bestätigen; er fügt die Dimension der Gnade hinzu, was heißt, dass die christlichen Eheleute nicht nur die Pflicht haben, einander bis zum Tod treu zu bleiben; sie besitzen auch alle Hilfen, die dazu notwendig sind. Der Erlösertod Christi setzt eine Kraft frei – den Heiligen Geist –, der alle Lebensbereiche der Gläubigen durchdringt, und die Ehe gehört auch dazu. Ja, sie wird sogar zur Würde eines Sakraments und zum lebendigen Bild der bräutlichen Verbindung Jesu mit seiner Kirche am Kreuz erhoben (vgl. Eph 5,31-32).

Dass die Ehe ein Sakrament ist, bedeutet nicht nur (wie man gemeinhin denkt), dass sie der Ort für die erlaubte und „gute“ geschlechtliche Vereinigung ist, die außerhalb der Ehe nur sittenwidrig und Sünde sein kann; vielmehr bedeutet die Sakramentalität, dass die Ehe zu einem Weg wird, sich über die Liebe zum anderen mit Christus zu vereinigen; sie wird zu einem wahren Weg der Heiligung.

Diese positive Perspektive hat besonders Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Deus caritas est über Liebe und Nächstenliebe aufgezeigt. Der Papst stellt nämlich niemals die unauflösliche Verbindung in der Ehe einer anderen Form von erotischer Liebe entgegen, sondern er stellt sie als die reifste und vollkommenste Form von Liebe nicht nur für Christen, sondern für alle Menschen dar.

„Zu den Aufstiegen der Liebe und ihren inneren Reinigungen gehört es, dass Liebe nun Endgültigkeit will, und zwar in doppeltem Sinn: im Sinn der Ausschließlichkeit — ‚nur dieser eine Mensch’ — und im Sinn des ‚für immer’“, schreibt der Heilige Vater. „Sie umfasst das Ganze der Existenz in allen ihren Dimensionen, auch in derjenigen der Zeit. Das kann nicht anders sein, weil ihre Verheißung auf das Endgültige zielt: Liebe zielt auf Ewigkeit“ (Deus caritas est, 6).

Dieses Ideal der ehelichen Treue ist nie einfach gewesen (Ehebruch ist ein Wort, bei dem das Finstere bis in die Bibel hinein mitschwingt); aber heute hat die permissive und hedonistische Kultur, in der wir leben, die Treue noch unermesslich schwieriger gemacht. Die alarmierende Krise, der die Institution der Ehe in unserer Gesellschaft ausgesetzt ist, kann jeder sehen.

Da gibt es etwa eine Zivilgesetzgebung, wie die der spanischen Regierung, die es zulässt (und indirekt sogar dazu anregt), dass ein Scheidungsverfahren nur wenige Monate nach dem Einzug in den gemeinsamen Haushalts eingeleitet werden kann. Und da gibt es Formulierungen wie: „Ich bin ein solches Leben leid“, oder: „Wenn das so ist, dann bleibt besser jeder für sich!“, die bei den Eheleuten bereits bei der ersten kleinen Schwierigkeit kursieren (Übrigens: Ich glaube, dass ein christlicher Ehemann auch diese einfache Tatsache, so etwas gesagt zu haben, beichten sollte. Allein so etwas ausgesprochen zu haben, ist ein Vergehen gegen die Einheit und ein gefährlicher psychologischer Präzedenzfall).

Die Ehe leidet unter der allgemeinen Mentalität „des Benutzens und Wegwerfens“. Wenn ein Gerät oder ein Werkzeug nur ein wenig beschädigt ist oder wenn man schon bei einem kleinen Schaden nicht mehr an eine Reparatur denkt (es gib ja keinen mehr, der dieses Handwerk übernehmen könnte), denkt man eben nur noch an Ersatz. Diese Mentalität ist für die Ehe natürlich tödlich.

Was kann man tun, um diese Tendenz aufzuhalten, die ja Ursache von so großem Übel für die Gesellschaft und von so großer Traurigkeit für die Kinder ist?

Ich habe einen Vorschlag: die Wiederentdeckung der Kunst des Reparierens! Die „Konsum- und Wegwerfmentatlität“ muss durch „Gebrauchen und Reparieren“ ersetzt werden. Fast niemand bietet heute Flicken an. Deshalb wird die Kleidung auch kaum mehr ausgebessert. Aus diesem Grund ist es umso notwendiger, diese Kunst des Reparierens im Hinblick auf die Ehe zu pflegen. Die Risse müssen sofort gekittet werden.

Der heilige Paulus gab dazu den optimalen Rat: „Lasst euch durch den Zorn nicht zur Sünde verführen! Die Sonne soll über euren Zorn nicht untergehen. Gebt dem Teufel keinen Raum“; „vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat“; „einer trage des anderen Last“ (Eph 4,26-27; Kol 3,13; Gal 6,2).

Das Wichtigste, was es hier zu verstehen gilt, ist die Tatsache, dass die Ehe in diesem Prozess der Risse und des Flickens, der Krisen und der Überwindung, nicht aufgerieben, sondern verfeinert und verbessert wird.

Ich sehe da unmittelbare Ähnlichkeiten zwischen der Entwicklung einer gelungenen Ehe und dem Weg zur Heiligkeit. Auf dem Weg zur Vervollkommnung durchkreuzen die Heiligen häufig die „dunkle Nacht der Sinne“, in welcher sie auf der Ebene des Gefühls, der Erkenntnis und des Willens eine Krise durchmachen. Sie erleben Trockenheit, sind leer und tun alles nur noch durch die Kraft des Willens, unter großer Erschöpfung. Man fängt an zu zweifeln, fragt sich, ob man noch auf dem rechten Weg ist oder ob nicht möglicherweise alles ein Irrtum gewesen sei. Alles ist dunkel, zahlreiche Versuchungen stehen auf; nur durch den Glauben kommt man noch voran.

Ist dann etwa alles aus? Ganz im Gegenteil! Dies alles war nichts anderes als eine Reinigung. Nachdem die Heiligen all diese Krisen durchgemacht haben, merken sie, dass ihre Liebe zu Gott viel tiefer und selbstloser geworden ist als jemals zuvor.

Viele Ehepaare können darin ganz leicht ihre eigene Erfahrung wieder erkennen. Auch sie haben in ihrer Ehe die „Nacht der Sinne“ durchgemacht, wo das Überwältigtsein und die Extase verschwanden und, wenn überhaupt, nur noch die Erinnerung daran blieb. Andere kennen auch die „Nacht des Geistes“ – jener Zustand, bei dem sogar die Grundentscheidung ins Wanken kommt und es den Anschein hat, dass man gar nichts mehr gemein hätte.

Wenn man es mit gutem Willen und der Hilfe von jemand anderem schafft, diese Krisen zu überwinden, spürt man erst, in welchem Maß der Antrieb und die Begeisterung der ersten Tage eigentlich recht wenig waren im Vergleich zur beständigen Liebe und Einheit, die über Jahre herangereift ist. Wenn sich Mann und Frau anfangs liebten, weil sie das Glücksgefühl spürten, das ihnen zuteil wurde, dann können sie sich heute möglicherweise mit einer zärtlicheren Liebe lieben, mit einer Liebe, die frei von Egoismus ist und fähig, Mitleid zu lieben: Sie lieben sich nun aufgrund all jener Dinge, die sie zusammen erlebt und durchlitten haben.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]